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Georgien-Krieg: Die Schlacht um die Wahrheit

Wie Nicolas Richter und Sonja Zekri in der Süddeutschen Zeitung berichten liefern sich Georgien und Russland nach dem Konflikt im Kaukasus, auch noch eine Schlacht um die Wahrheit über den Krieg. Beide haben Zeugenberichte gesammelt, die zeigen, dass auf beiden Seiten Zivilisten gelitten haben. Die georgisch-stämmige Bevölkerung musste südossetische Milizionäre erdulden, die - nachdem die russische Armee die Kontrolle übernommen hatte - Häuser von Georgiern zerstörten. Russisch-stämmige Südosseten hingegen berichteten von Gräueltaten georgischer Soldaten.

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Russland hat Zeugenberichte über den Krieg gesammelt, Georgien ebenfalls. Die Protokolle legen nahe, dass beide Länder Verbrechen begangen haben. Lesen Sie im Folgenden die russische und die georgische Version.

Die russische Version
Das georgische Militär wollte demnach das russisch-stämmige, ossetische Volk in seiner Provinz Südossetien auslöschen - und zwang Moskau damit zum Eingreifen. Zeugenaussagen sollen dies belegen.
Die Moskauer Führung verlor keine Zeit. Zwei Tage nach dem Kriegsbeginn zwischen Russland und Georgien am 8. August beauftragte der russische Präsident Dmitrij Medwedjew den Leiter des Ermittlungskomitees, Alexander Bastrykin, mit der Untersuchung georgischer Verbrechen in Südossetien. Russland brauche Beweise, falls es die Verantwortlichen vor Gericht bringen wolle, sagte Medwedjew, aber auch "für die internationale Beurteilung" des Krieges. Zum ersten Mal sprach der Präsident dabei von "Völkermord".
Inzwischen hat Bastrykin Tausende Zeugenaussagen gesammelt (siehe Interview). Noch hat Russland nicht gegen Georgien vor internationalen Gerichten geklagt, aber für Moskaus Darstellung des Kriegsausbruchs und -verlaufs spielen die Protokolle eine wichtige Rolle.
Moskau macht geltend, dass es zum Eingreifen verpflichtet war, weil das georgische Militär das russisch-stämmige, ossetische Volk in seiner Provinz Südossetien auslöschen wollte. Die jahrelangen georgischen Schikanen haben nach russischem Verständnis zu einer Zwangslage geführt, die - ähnlich wie einst im Kosovo - eine militärische Intervention erzwang und am Ende sogar die Anerkennung der separatistischen Republik.
Die Aussagen ossetischer Zeugen, die die Süddeutsche Zeitung in Auszügen veröffentlicht, beschreiben eine Eskalation, die sich ausgerechnet am Vorabend des Krieges zu lösen schien. Und sie zeigen: Georgiens Präsident Michail Saakaschwili, der sich stets als Opfer russischer Aggression dargestellt hat, hat Zivilisten in seinem eigenen Land ermorden lassen und so den Konflikt ausgelöst.
Angriff in der Nacht
Sergej Ch., 39, aus Zchinwali, Südossetien: "Anfang August wurde Zchinwali aus Georgien beschossen. Mein Haus hat einen soliden Keller aus Beton, dorthin flüchtete ich mit meinen Nachbarn. Am 7.August erklärte der georgische Präsident Michail Saakaschwili, dass Georgien seine Truppen einseitig abziehen und es keinen Beschuss von Zchinwali und den ossetischen Orten mehr geben würde. Er sagte auch, es würden nun Gespräche zwischen Georgien und Südossetien beginnen. Alle haben ihm geglaubt. Nach einiger Zeit aber wurde Zchinwali mit schwerer Artillerie und mit Salven aus Grad-Raketenwerfern schwer beschossen. Ich habe in den sowjetischen Streitkräften gedient und kann beides unterscheiden. Auf das Haus meines Nachbarn Irakli Kosajew fielen Grad-Geschosse. Ich erfuhr, dass Kosajews Bruder Albert, dessen Frau und Mutter dabei gestorben sind."
"Lasst niemanden am Leben"
Tamara B., 64, aus dem Dorf Chetagurowa: "Gegen Mittag (des 7. August, Anm. d. Red) ließ der Beschuss nach, danach kamen georgische Panzer und Soldaten. Wer konnte, floh in den Wald. Unter den Soldaten waren auch Angehörige anderer Länder, die weder georgisch noch russisch sprachen. Schwarze, Menschen mit schrägen Augen, ich glaube Koreaner, Angehörige muslimischer Staaten.
Fast alle Bewohner wurden in der Mitte des Dorfes zusammengetrieben. Die Soldaten gingen durch die Straßen, erschossen gezielt Zivilisten, im Dorf brach Panik aus, überall schrien Frauen und Kinder. Vor meinen Augen erschoss ein georgischer Soldat einen unbewaffneten Angehörigen der Friedenstruppen, Kabisow. Vor meinen Augen überrollte ein Panzer zwei junge Männer. Ich hörte ihre Schreie. Einer der georgischen Soldaten, offenbar ein Kommandeur, schrie auf Englisch einen Befehl, danach brüllten die Soldaten auf Georgisch: Lasst niemanden am Leben."
Panzerschuss auf Chubajew
Tamara G., 69, aus dem Dorf Nog-Kau, Südossetien: "Ich lief um unser Haus, unbemerkt von den Georgiern, um unsere Nachbarn zu warnen. Bei mir waren mein Mann und meine Tochter. In unserem Haus war also keiner mehr. Als ich 100 Meter von unserem Haus entfernt war, sah ich unseren Nachbarn, Wadim Chubajew, ich vermute, er wollte sich ansehen, wer da vorbeiging.
Er trug zivile Kleidung und war unbewaffnet. Als die georgischen Soldaten ihn sahen, richteten sie die Kanone ihres Panzers auf ihn und schossen. Von Chubajew blieben nicht mal Fetzen übrig. Dann sah ich, wie die georgischen Soldaten ihre Kanone auf unser Haus richteten und es in Trümmer schossen. Ich glaube, die Georgier wollten (Südossetien, Anm. d. Red.) säubern, also die Osseten vertreiben und sich das Land zurückholen. Ich glaube, dass das georgische Volk diesen Krieg nicht wollte, wohl aber die Regierung."
"Kommt raus! Ergebt euch!"
Marina Dsch., 34, aus Zchinwali: "Gegen 21 Uhr hörten wir auf Russisch Schreie: 'Kommt raus! Ergebt euch! Wir sind gekommen, um Russen und Osseten zu erschlagen!' Dann flog eine Handgranate in den Keller, in dem wir saßen; Alan Bestajew fing sie auf. Er warf sie sofort auf die Straße, wo sie explodierte."

Tödliche Splitter
Marina D., 22, aus Zchinwali: "Im Nachbarbunker war ein Verwandter, Ruslan Gaglojew. Er wollte am 9. August Zivilisten aus der Stadt bringen, aber als er das Auto und die Reifen prüfte, wurde er von Granatsplittern getroffen und starb auf der Stelle. Durch die georgischen Streitkräfte ist mein Haus zerstört worden, der geschätzte Verlust beträgt 4,5 Millionen Rubel (1,2 Mio. Euro, Anm. d. Red). Bis heute habe ich keine vollständigen Informationen darüber, wo sich alle meine Verwandten befinden, da viele in Zchinwali waren."
Ermordete Schüler
Asa B., 68, Direktorin der Schule Nr. 5 in Zchinwali: "Meine Schüler, Absolventen, Lehrer, Nachbarn wurden brutal ermordet, Sergej Tatajew, Schonasarowa, Azamas Tedejew (seine Mutter), Alan Atajew, Diana Kadschajewa, Edik Gaglojew (und seine Frau), die ganze Familie Gaglojew (drei Personen) und andere. Der Friedhof, der in den neunziger Jahren angelegt wurde (im Hof unserer Schule) wurde von Panzern beschossen und zum Teil umgepflügt."

Die georgische Version
Wie Russland hat auch Georgien Zeugenaussagen gesammelt. Sie zeigen: Moskau soll versucht haben, in Abchasien und Südossetien eine einheitlich russlandtreue Bevölkerung zu schaffen.
Vier Tage nach dem Ausbruch des Krieges zwischen Russland und Georgien am 8. August suchte die georgische Regierung bereits Hilfe beim Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag. Weil schnell absehbar war, dass die Georgier der militärischen Übermacht Moskaus nichts entgegenzusetzen hatten, versuchten sie sich mit juristischen Mitteln zu wehren.
Georgien hat vor dem IGH gefordert, dass die russischen Sicherheitskräfte ihre "ethnischen Säuberungen" gegen Georgier in den umkämpften georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien unterlassen. Der Vorwurf lautet, dass der russische Staat versucht, alle ethnischen Georgier aus diesen Provinzen zu vertreiben, wobei er sich auf sein Militär stützt, vor allem aber auf die Separatisten in den beiden Regionen. Gemeinsames Ziel sei es gewesen, in Abchasien und Südossetien eine einheitlich russlandtreue Bevölkerung zu schaffen. Damit würde Moskau volle Kontrolle über diese Gebiete erlangen.
Die Richter am IGH haben von der Regierung in Tiflis eine Art Beweissammlung erhalten, die die Verbrechen dokumentieren soll. Sie liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Darin finden sich die Vernehmungen von Vertreibungsopfern, die vor den georgischen Justizbehörden ausgesagt haben.
Wie die von Russland gesammelten Aussagen sind auch diese Zeugnisse eine politische Ware, die von der Regierung benutzt wird, um die Deutungshoheit über diesen Konflikt zu erlangen.
Die SZ dokumentiert Auszüge. Der IGH hat für den 15. Oktober eine Entscheidung darüber angekündigt, ob er in dem Eilverfahren Russland dazu auffordert, die Georgier in Südossetien und Achasien nicht weiter zu verfolgen.
Flucht nach Gori
Jimscher B., 59, aus dem Dorf Achabeli, Südossetien: "Ich war im Dorf, als sich eine riesige Kolonne von Panzern und russischen Soldaten näherte. Sie fragten uns, ob das georgische Territorium in der Nähe sei. Ich sagte: Dies ist Georgien und wir sind Georgier. Die russischen Soldaten entgegneten: Wenn ihr Georgier seid und überleben wollt, dann lauft weg. Sonst würden wir sterben. Er sagte: Ihr seht, was hier passiert. Wollt ihr sterben?
Nachdem die russischen Soldaten das Dorf verlassen hatten, kamen hundert ossetische Milizionäre nach Achabeli, zu Fuß und in Autos. Nachdem sie die Häuser geplündert hatten, zündeten sie sie an. Ich habe Achabeli am 10. August verlassen, weil ich Angst hatte. Omar B. hat sich geweigert, das Dorf zu verlassen. Er sagte, dass er sicher sei, denn er würde die Hände der Russen und Osseten schütteln und sie würden ihm nichts antun. Später, auf der Flucht nach Gori, traf ich einen Nachbarn, er sagte mir, Omar sei getötet worden. Er habe seine Leiche gefunden. Er hatte keine Zeit, Omar zu beerdigen, also wickelte er die Leiche in eine Decke. Omars Kopf war abgetrennt."
Rettendes Tuch
Klara K., 68, aus dem Dorf Oberes Achabeti, Südossetien: "Ich bin Ossetin, aber mit einem Georgier verheiratet. Mein Dorf wurde mehrere Tage lang von der russischen Armee und ossetischen Milizen besetzt. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu den Russen, denn ich gab ihnen Essen. Einer der russischen Offiziere hatte zwei Sterne auf den Schultern. Er sagte, er lebe in Moskau.
Ich fragte ihn, warum die Russen es den ossetischen Milizen erlauben, die Häuser der Georgier niederzubrennen. Er sagte, die Russen hätten kein Recht, die Osseten zu stoppen. Die russischen Soldaten hängten weiße Tücher an die Häuser, in denen sie sich niederließen. Weil ich Angst hatte, sagte mir der Offizier, ich solle ein weißes Tuch an mein Haus hängen; um den Osseten zu zeigen, dass mein Haus nicht verbrannt werden solle. Der Offizier sagte, dass diese Gebäude, auch meines, nicht in Brand gesteckt würde, solange die Russen im Dorf blieben. Die Osseten brannten dann alle Häuser nieder, außer die, in denen die Russen wohnten, und meines."
Ruin eines Dorfes
Joni M., 47, aus dem Dorf Ganmuchuri, Abchasien (Aussage vor dem Staatsanwalt in Sugdidi, Georgien, am 30. August): "Ich war Bürgermeister bis zum 10. August, als unser Dorf von russischen Streitkräften und abchasischen Separatisten besetzt wurde. Ich musste das Dorf mit meiner Familie verlassen und überquerte die Brücke hinüber auf das Gebiet Darchili (georgisches Kernland, Anm. d. Red.). Mein Freund Tengis S. berichtete von einem Treffen mit dem Vertreter der abchasischen Separatisten-Regierung im Dorf. Sie sagten, dass georgische Pässe jetzt nutzlos seien; wenn die Leute in ihren Dörfern bleiben wollten, müssten sie russische Pässe annehmen.
Soweit ich weiß, haben sich die Bürger von Ganmuchuri geweigert, deswegen wurden sie gezwungen, zu gehen und sich in anderen Dörfern bei Sugdidi (georgisches Kernland, Anm. d. Red.) zu verstecken. Ich bin mehrmals täglich zur Brücke gegangen, um mit Freunden und Verwandten aus dem Dorf zu reden. Mir ist nicht bekannt, dass russische Soldaten oder abchasische Separatisten die Zivilisten ermordet oder verletzt hätten. Aber die Bürger dürfen nicht in ihre Häuser. Jetzt ist die Erntezeit für Nüsse, es ist die Haupteinnahmequelle für die Bevölkerung, aber sie können nicht mit der Ernte beginnen, was große finanzielle Verluste bedeutet.
Die abchasischen Separatisten haben folgende Vorschrift erlassen: Sie fordern eine Gebühr von fünf Lari (2,50 Euro, d. Red) für jeden Sack Nüsse, der über die Brücke nach Sugdidi (also in Richtung des georgischen Kernlandes, d. Red.) transportiert wird. Wenn die Leute sich weigern, dürfen sie die Nüsse nicht nach Sugdidi bringen. Das Dorf Ganmuchuri hat eigentlich 1800 Einwohner, aber es sind nur 300 übrig, überwiegend alte Leute. Das Dorf ist wirtschaftlich zerstört, weil die Leute nicht ernten dürfen."

Tod eines Neunzigjährigen
Saira K., 71, aus dem Dorf Kechwi, Bezirk Gori, georgisches Kernland, aber im Krieg russisch kontrolliert (Aussage vor dem Staatsanwalt in Tiflis am 21. August): "Als die Militäraktion begann, haben wir unsere Häuser zunächst nicht verlassen. Am 13. August aber kamen die ossetischen Separatisten ins Dorf und schrien, wir sollten aus dem Ort verschwinden. Sie haben dann sofort unsere Häuser durchsucht, ausgeraubt und angezündet. Es waren keine georgischen Truppen im Dorf, ich weiß nicht, warum man uns bombardiert hat.
Es war wohl der 8. August, als russische Flugzeuge unser Dorf bombardierten, eine Bombe fiel auf das Nachbarhaus und tötete Grischa und Kato Kachniaschwili. Am 10. August brannten die Osseten Häuser nieder. Vaso Kachniaschwili, 90, konnte sich nicht retten und verbrannte im Haus. Marika und Tina Kachniaschwili verließen das Dorf im Auto, als eine Bombe sie tötete."

(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

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