Wie Hannes Stein in seinem Essay in der WELT am 7. Oktober 2008 berichtete, hat der Geheimdienstmann Putin dafür gesorgt, dass nach der Zeit von Glasnost, der Revolution der Wahrheit und Selbstkritik, der Deckel wieder zugeht. Der Krieg in Georgien, ist ein Symbol für diese Entwicklung. Ist dies Russlands Wiederkehr als Großmacht?
Eine Waschmaschine: Das war alles, was Wladimir Putin, der damals 37 Jahre alt war, am Ende seiner KGB-Karriere als Frucht seiner Mühen vorweisen konnte. Na schön, seien wir nicht ungerecht. Er hatte außerdem genug Geld zusammengekratzt, um sich einen Wolga zu kaufen. Die Waschmaschine jedoch war geschenkt. Sie war eine milde Gabe der deutschen Nachbarn in dem Stasi-Gebäude, wo Putin in Dresden lebte. Heute fährt Putin keinen Wolga mehr, sondern einen Audi mit eingebautem BMW-Motor und einem Nummernschild, auf dem steht neckisch: 007. In Ian Flemings James-Bond-Romanen ist die Doppel-Null das Symbol für die Lizenz zum Töten. Kein Zweifel, dass Wladimir Putin heute reichlich von ihr Gebrauch macht - dazu gleich mehr. Doch zunächst noch einmal zurück zu der Waschmaschine. Sie passt nicht recht zu der Vorstellung, die sich der kleine Moritz von einem Topagenten macht. Und überhaupt (bei aller Liebe zu den Sachsen): Dresden? Warum haben die KGB-Oberen Putin damals nicht nach Berlin geschickt, an die Front des Kalten Krieges? Warum nicht nach Westdeutschland, um dem Klassenfeind ins Weiße des Auges zu blicken? Könnte es sein, dass es sich bei Putin - Waschmaschine! - um ein eher bescheidenes Geheimdiensttalent handelte, um ein graues Bürokratenwürstchen? Sicher ist, dass er schon mit 15 zum KGB wollte. Zuvor hatte er eine Kindheit als Tunichtgut und Straßengangster hinter sich gebracht, auf die er heute noch irgendwie stolz zu sein scheint. Daran schließt sich unmittelbar die Frage an: Was für eine Sorte Mensch will in der Sowjetunion mit 15 nicht Kosmonaut werden, sondern KGB-Agent? "Eine gemeine, kleingeistige und rachsüchtige Person", gibt darauf Natalja Geworkian zur Antwort, die Putin lang und breit interviewt hat, weil sie im Hauruckverfahren seine offizielle Biografie verfassen sollte. Natalja Geworkian hat ziemlich viel Erfahrung mit Geheimdienstoffizieren. Er sei nicht anders als die anderen, sagt sie heute, "bei Weitem nicht der interessanteste Mensch, den ich je interviewt habe". Entscheidungsschwach und nicht besonders mutig komme ihr dieser Putin vor, und er sei von Neid auf all jene zerfressen, die wirklichen Mut bewiesen. Wie konnte solch ein Mann zum Regierungschef von Russland mit all seinen Nuklearwaffen, seinem Öl und seinen zerbrochenen Hoffnungen aufsteigen? Wenn Masha Gessen recht hat, handelt es sich um das auf grauenhafte Weise fehlgeschlagene Ergebnis einer Castingshow mit dem Titel: "Russische Föderation sucht den Superboss". Ende der Neunzigerjahre war Präsident Jelzin verzweifelt. All seine Getreuen hatten ihn verlassen und verraten, ein Nachfolger war nicht in Sicht. Seine politische Familie, zu der außer seiner Tochter und ihrem Ehemann auch der schwerreiche Boris Beresowski gehörte, suchte nach jemandem, der die russische Demokratie retten würde. Sie fanden den gesichtslosen Putin, der den russischen Wählern als jung, energisch, unverbraucht und reformfreudig präsentiert wurde. Einmal an die Macht gekommen, gestaltete er Russland nach den Regeln um, die ihm einst eine Waschmaschine eingetragen hatten. "Letztlich führte er ein Militärregime ein", schreibt Masha Gessen in "Vanity Fair". "Der Prozentsatz von uniformierten Offizieren in Führungspositionen stieg von 13 auf 42 Prozent, und bei vielen der anderen handelt es sich um Geheimagenten ohne Uniform." In der Sowjetunion, so Gessen weiter, habe es sich noch um eine Doppelherrschaft gehandelt: Die Partei und der KGB stritten miteinander um Einfluss und um Pfründen. Heute sei nur einer dieser beiden Vereine übrig geblieben: Russland sei das erste Land in der Geschichte, das von einem Geheimdienst regiert werde. Einem Geheimdienst, der, wie oben vermerkt, die Lizenz zum Töten monopolisiert hat. "Ein roter Faden zieht sich durch die Geschichte Putins: All jene, die etwas über ihn wissen, sind entweder im Exil oder tot oder arbeiten in der russischen Regierung eng mit ihm zusammen." Auch in Putins Russland gibt es Schulen, auch dort wird Geschichte unterrichtet. Dabei haben die Lehrer sich an Regeln zu halten, die von zwei Herren namens Gleb Pawlowski und Pawel Danilin aufgestellt wurden. Die beiden haben Lehrbücher verfasst. Pawel Danilin unterhält außerdem einen Blog. Dort schreibt der 30-Jährige, der nie in seinem Leben eine Unterrichtsstunde gegeben hat: "Du wirst vielleicht Galle schwitzen, aber mithilfe dieser Bücher wirst du die Kinder unterrichten, genau so, wie es den Bedürfnissen Russlands entspricht. Was den edlen Unsinn betrifft, den du in deinem missgestalteten Ziegenkopf mit dir herumträgst - entweder wird er dort herausgeblasen, oder du wirst aus dem Lehrerberuf herausgeblasen." Was steht nun in den neuen Schulbüchern? Der Archipel Gulag wird genau einmal erwähnt - um die Schüler zu warnen, sie sollten seinen Einfluss auf die sowjetische Ökonomie nicht überschätzen. Kein Zitat aus Solschenizyns "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch". Kein Absatz aus den "Erzählungen aus Kolyma" von Warlam Schalamow. Keine Szene aus "Leben und Schicksal" von Wassili Grossmann, aus dem bedeutendsten russischen Roman des 20. Jahrhunderts. Am Kalten Krieg nach 1945 war selbstverständlich nur das "Weltherrschaftsstreben" der Vereinigten Staaten schuld. Stalin wird zustimmend zitiert, wenn er Churchill einen "Kriegstreiber" nennt. Die Unterwerfung Osteuropas unter den Kommunismus habe legitimen sowjetischen Sicherheitsinteressen gedient. Israel war im Sechstagekrieg von 1967 der "Aggressor". Und so weiter ad nauseam. All dies entspricht, wie Leon Aron in der "New Republic" erklärt, genau dem Geschichtsbild, das Wladimir Putin auf einer Konferenz entwarf, zu deren Gästen auch die genannten Schulbuchautoren zählten. Nach Putin gab es in der sowjetischen Geschichte nur eine problematische Epoche - die Große Säuberung von 1937. "Aber andere Länder", so Putin, "hatten nicht weniger davon, sogar mehr. Jedenfalls haben wir nicht über Tausende Kilometer Chemikalien ausgekippt und auf ein kleines Land sieben Mal mehr Bomben als im Zweiten Weltkrieg abgeworfen, wie zum Beispiel in Vietnam." Damit wären wir wieder in der guten alten Sowjetunion unter Breschnew angelangt, in der zwar gewisse "Auswüchse des Personenkults" unter Stalin kritisiert werden durften, aber der Massenmord an Millionen Ukrainern und Kasachen, das namenlose Verrecken in den Lagern am Polarkreis ganz einfach nicht stattgefunden hatten. Gewiss gab es schon vorher Epochen, in denen russische Schulkinder mit überzuckerten Versionen der Geschichte abgefüttert wurden. Unter Zar Nikolaus I. etwa galt anno 1826 die Parole: "Russlands Vergangenheit war wunderbar, seine Gegenwart ist mehr als großartig, und seine Zukunft übertrifft alles, was die kühnste Fantasie herbeizaubern könnte." (Zumindest Letzteres hat ja buchstäblich gestimmt.) Iossif Wissarionowitsch legte selbst Hand an und korrigierte die Lehrbücher mit Rotstift. Das Besondere und Einmalige am Putinismus ist indessen, dass er nach der Rehabilitierung der Wahrheit um sich greift - also nach der Glasnost der Gorbatschow-Jahre, die "eine moralische Revolution" war: Eine furchtlose Gesellschaft ging damals mit sich selbst ins Gericht, was zu einer "Explosion journalistischer und intellektueller Brillanz" führte. Jetzt geht der Deckel wieder zu - gnade Gott all denen, die da noch aufmucken. "Es ist unmöglich", so Pawel Danilin in seinem Blog, "irgendeinen russophoben Scheißstänkerer oder irgendeinen anderen amoralischen Typen russische Geschichte unterrichten zu lassen. Es ist notwendig, den Schmutz auszuwaschen, und wenn das nicht hilft, müssen wir ihn mit Gewalt auswaschen." Die russische Intervention in Georgien passt in dieses düstere Bild - aber anders, als man denken könnte. Sie verändert die Kräfteverhältnisse nicht, sondern zeigt nur, dass die Kräfteverhältnisse sich längst verändert haben: Den Amerikanern sind im Nahen Osten die Hände gebunden, alle Garantien, die sie ihren Verbündeten in der russischen Peripherie gegeben haben, sind leer. Die Europäer haben keine Truppen und sind überdies vom russischen Erdgas abhängig. Aus seiner eigenen Sicht, so George Friedman in der "New York Review of Books", holt Russland sich ohnehin nur das, was ihm gehört. "Der Krieg in Georgien ... ist Russlands Wiederkehr als Großmacht. Das ist nicht eben erst passiert - es hat angefangen, als Putin die Macht übernahm, und ist in den vergangenen fünf Jahren nur immer stärker geworden." Das mag alles so sein. Gleichwohl bleibt es betrüblich, wenn Amerikas Linksliberale die Republikaner so sehr hassen, dass sie in ihrer Blindheit freundliche Worte für den Imperialismus à la Putin finden. So schrieb der bekannte Kommentator William Pfaff von dem "Geschwätz in Washington" über das "demokratische Georgien", das doch seinerseits Südossetien und Abchasien überfallen habe, und fragte rhetorisch: "Also, wer ist jetzt demokratisch und wer nicht?" Sogar Barack Obama verteilte zunächst einmal die Schuld an dem Konflikt schön gleichmäßig auf Russland und Georgien; er rief beide Seiten zur "Mäßigung" auf. David Greenberg, ein ausgewiesener Kritiker der Regierung George W. Bush, denkt da beinahe mit Nostalgie an den Ungarnaufstand von 1956 zurück. Damals ließ Adlai Stevenson, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, keine Zweifel an seiner Solidarität mit dem freiheitsliebenden ungarischen Volk. Und die linksliberale "New York Times" schrieb in einem Leitartikel: "Wir beschuldigen die sowjetische Regierung des Mordes."
(Quelle: WELT)
