Im Gefolge des Georgienkonflikts stecken Russen, Amerikaner und Europäer derzeit verstärkt neue und alte Claims in Osteuropa und Zentralasien ab. Diese Woche besucht US-Vizepräsident Dick Cheney den Südkaukasus und die Ukraine, wie Eva Weikert in der Financial Times Deutschland berichtet.

"Wir streben nach größerer Stabilität, Sicherheit und Zusammenarbeit in dieser wichtigen Region", sagte Cheney am Mittwoch in Aserbaidschan. Die USA, die EU und Russland haben vor allem ein wirtschaftliches Interesse. Die zentralasiatischen und kaukasischen Nachbarn Russlands sind reich an Gas- und Ölvorkommen. Zudem sind Georgien und die Ukraine für den Westen wichtige Transitländer für Energielieferungen. Die FTD stellt dar, mit welchen Mitteln und wo Ost und West nun Einfluss reklamieren.Georgien: USA plant Wirtschaftshilfe
Seit dem Krieg im August haben sich die Russen in Georgien festgesetzt. Die US-Regierung plant ein Paket von Wirtschaftshilfe im Umfang von rund 1 Mrd. $. Damit soll der Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Infrastruktur finanziert werden. Auch die EU hat "substanzielle" finanzielle und materielle Hilfe zugesichert. Außerdem erklärte die Nato, sie werde Tiflis bei der Instandsetzung militärischer Anlagen helfen. Für Mitte September ist ein Besuch von Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer geplant.Schwarzes Meer: Kritik an NATO-Präsenz
Die russische Regierung kritisiert die Anwesenheit von Nato-Schiffen in dem Meer zwischen Vorderasien und Osteuropa, an dessen Küste das umkämpfte Georgien liegt, und hat gedroht, darauf zu reagieren. Zugleich belastet ein Streit über die Zufahrtserlaubnis durch den Bosporus die Beziehungen Russlands zur Türkei. Ankara vermutet hinter Einfuhrbehinderungen für türkische Waren nach Russland eine Bestrafung dafür, dass das Nato-Land Türkei US-Kriegsschiffen die Passage ins Schwarze Meer erlaubte. Außenminister Sergej Lawrow war in Ankara, um die Wogen zu glätten.Zentralasien und Kaukasus: Konkurrenz um Energie
In der Region konkurrieren Russland, die USA und China um den Zugriff auf Öl- und Gasressourcen. Wegen ihres Energiereichtums sind Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan von den zentralasiatischen Ländern am attraktivsten. Durch die Kaukasusländer Aserbaidschan und Georgien soll zudem die Gaspipeline Nabucco führen, die Europa unabhängiger von russischen Energielieferungen machen soll. Auch Turkmenistan soll eines Tages einspeisen. Die USA haben zusätzliches Interesse an Zentralasien wegen der geografischen Nähe zu Afghanistan.
Washington will das Hinterland Afghanistans nicht als Gegner haben. Russland hat derweil mit Usbekistan vereinbart, der Ex-Sowjetrepublik Waffen zu liefern sowie die Ölförderung durch russische Firmen zu erhöhen. Auch eine weitere Gaspipeline nach Russland ist geplant. Am Freitag treffen sich die Mitglieder des Taschkent-Vertrags, ein Sicherheitsbündnis, zu dem neben den zentralasiatischen Staaten Russland und Weißrussland gehören. Sie wollen über ihre Haltung zur staatlichen Anerkennung der abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien beraten.Ukraine: Streit um NATO-Beitritt
Schon vor Vizepräsident Cheney reisten mehrere Regierungsvertreter der EU in die nach Westen strebende Ukraine, um ihr Unterstützung zuzusichern. Auf einem Gipfeltreffen nächsten Dienstag will die EU eine engere Anbindung des Nachbarn beschließen. Ein Nato-Beitritt ist schon zugesagt. Die Ukraine ist für den Westen von geostrategischer Bedeutung, da über sie 80 Prozent des russischen Erdgases in die EU gelangen. Um die frühere Sowjetrepublik, in der ein Teil der russischen Flotte stationiert ist, an die Zügel zu nehmen, plant der Kreml, das russisch-ukrainische Freihandelsabkommen einzuschränken oder aufzuheben. Gleichzeitig lässt Moskau russische Pässe in jenen Teilen der Ukraine verteilen, in denen große russische Minderheiten leben.Polen: US-Raketenpläne streuen Zwist
Russlands Außenminister Lawrow wird am 11. September zu Gesprächen über die von Moskau scharf kritisierten US-Raketenabwehrpläne in Polen erwartet. Polen ist einer der größten Kritiker Russlands in der EU. Es hatte harte Strafen wegen des Waffengangs in Georgien gefordert. Moskau wiederum wirft Polen und Tschechien vor, dass diese sich als Standorte der geplanten US-Raketenabwehr an der Bedrohung Russlands beteiligten.Baltikum: Von Russland abhängigDie USA haben die Nato aufgefordert, ihre Bereitschaft zur Verteidigung der baltischen Nato-Mitglieder zu demonstrieren. Amerikaner und Balten plädieren im Bündnis dafür, Verteidigungspläne für Estland, Lettland und Litauen aufzulegen. Die baltischen Staaten seien nach dem Georgienkrieg beunruhigt, sagte am Mittwoch der Nato-Botschafter Kurt Volker. Die Länder fürchten vor allem Druck aus Moskau bei der Energieversorgung. Sie haben keinen Anschluss an das europäische Netz, sondern sind bei Öl und Gas von Russland abhängig.