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Unser Mann für Moskau

Der neue Verfassungsschutzbericht gab Auskunft über die Kehrseite der russisch-deutschen Beziehungen: Die russischen Nachrichtendienste sind im europäischen Vergleich in Deutschland am aktivsten. Der Stern berichtet ausführlich von einem Fall: Ein deutscher Ingenieur gab für Geld, Kavier und Sex unter anderem technische Details über die Militärhubschrauber Tiger und NH90 an "russische Freunde" weiter.

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Das Spiel ist aus, das weiß Werner G. sofort, als die beiden Herren vor ihm stehen. Sie sind vom Verfassungsschutz aus München. G. ist nervös. Die scheinen alles zu wissen. Er verhaspelt sich. Sie nehmen ihn in die Mangel:

Spionage für Russland, das heißt fünf Jahre Knast. Was soll nun werden aus seinen beiden Kindern, dem Haus in Schliersee, dem Job als Fachbereichsleiter Technik bei einem Münchner Unternehmen für Hubschrauberflüge? G. bleibt nur eins: auspacken.

Und so setzt sich der Erzbayer am 18. April 2007, nach dem Besuch der Beamten, an seinen Computer und legt eine gründliche Beichte ab: "Ich erkläre hiermit ausdrücklich meinen Wunsch zur uneingeschränkten Offenheit, um dieses Kapitel in meinem Leben zum Abschluss zu bringen." Auf 16 eng beschriebenen DIN-A4- Seiten schildert der damals 42-Jährige seine Berufskarriere als Ingenieur und technischer Programmleiter bei Eurocopter, den Niedergang der eigenen Charterflug- Firma, seine privaten Neigungen ("engagierter Bergrettungsmann"). Vor allem aber die Sache mit dem Russen: seine Moskau-Reisen, die Trinkgelage in Saunaclubs und Bordellen, seine Deals mit sensitiven Dokumenten über Hightech-Helikopter.

Dieses Papier, einen schwungvoll signierten Seelenstriptease, übergibt G. zwei Wochen nach deren Besuch den Verfassungsschützern.

Er ist erleichtert.

Doch 48 Stunden später, am 4. Mai 2007, warten zwei BKA-Ermittler und zwei Staatsanwälte der Bundesanwaltschaft morgens um 7 Uhr auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang des Raum- und Luftfahrtkonzerns EADS in Ottobrunn.

Auf dem Gelände hat G. sein Büro. Die Beamten halten ihm einen Durchsuchungsbefehl unter die Nase - "wegen Verdachts geheimdienstlicher Agententätigkeit". Zeitgleich durchsuchen Staatsschützer sein Büro, das Auto, Haus und Garage daheim in Schliersee. Beim LKA in München wird G. elf Stunden und 45 Minuten nonstop verhört. Dass er dabei alles haarklein schildert und sich um Kopf und Kragen redet, reicht den Ermittlern nicht.

Sie wollen seinen Auftraggeber, sie wollen den ganz großen Fisch. Und dafür brauchen sie ihn als Köder.

Salzburg, 11. Juni 2007, 18.40 Uhr. Werner G. steht auf dem Bahnhofsvorplatz der Mozartstadt und wartet auf seinen "russischen Freund".

Wladimir Woschschow, damals 50, früher Diplomat an der Botschaft in Wien und nun Abteilungsleiter der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, erscheint pünktlich.

Er hat eine hübsche junge Frau dabei, 12 000 Euro Bargeld und eine Kreditkarte für G. Dafür erwartet Woschschow eine Gegenleistung: Er erhofft sich Geheimdokumente über technische Details der Militärhubschrauber Tiger und NH90, der modernsten Waffensysteme aus der Entwicklungsschmiede des deutsch-französischen Konzerns Eurocopter. Sekunden nach der herzlichen Begrüßung umringen österreichische Polizisten die drei. Woschschow und seine Begleiterin werden festgenommen. Das Spiel ist aus, das weiß der Russe sofort.

Im österreichischen Justizministerium liegen ein deutscher Haftbefehl mit dem Aktenzeichen 1BGs 268/2007 sowie ein Auslieferungsersuchen der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe. Die Deutschen wollen Woschschow. Sie sind sicher, dass er für den russischen Militärgeheimdienst GRU jahrelang G. abgeschöpft und ihm für Unterlagen mit detaillierten technischen Daten verschiedener Helikoptertypen Tausende Euro bezahlt hat.

Die Festnahme ist das Ergebnis einer vierjährigen, gemeinsamen Operation von Verfassungsschützern in München und Köln, Ermittlern des Bundeskriminalamtes sowie österreichischen Sicherheitsbehörden - und ein Höhepunkt im Agentenkrieg, der seit Jahren zwischen Deutsch- land und Russland tobt. Industrie- und Militärspionage scheinen selbstverständlich für das wiedererstarkte Russland.

Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat davon mittlerweile genug.

Während Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Moskau dem frisch gekürten russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew vor drei Wochen eine überaus herzliche Aufwartung machte, präsentierte Schäuble den neuen Verfassungsschutzbericht - und damit die Kehrseite der deutsch-russischen Freundschaft. In ungewohnter Deutlichkeit stellt der Bericht Russlands Spionageaktivitäten gegen die Bundesrepublik an den Pranger. Als hätte es das Ende des Kalten Krieges nie gegeben, jagen russische Agenten mit riesigem Aufwand nach Insider-Informationen über deutsche Politiker, deutsche Mikroelektronik und Hochleistungstechnologie.

Der aktuelle Bericht der Verfassungshüter enthält gleich mehrere Abschnitte über den Fall "Wladimir W.". Denn diese von Moskau "zentral gesteuerte Operation zivil- und militärtechnischer Spionage" mit dem primären "Aufklärungsziel Hubschraubertechnik" macht Beamte bei den deutschen Sicherheitsbehörden wütend.

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass die Russen von G. Unterlagen über "hoch entwickelte technische Produkte" kauften, "die vorwiegend zivil, aber auch militärisch genutzt werden können".

Donauwörth, zehn Jahre zuvor, Dezember 1997: Der Ingenieur Werner G. führt Offiziere des österreichischen Fliegerregiments 3 durch das Werk des Hubschrau berherstellers Eurocopter. Der Leiter der Besuchergruppe ist Vizeleutnant Harald S. Mit seinem bayerischen Gastgeber fachsimpelt er über die Luftfahrt, man kommt sich näher und hält fortan Kontakt.

Bald beschafft G. für seinen neuen Kumpel gegen Bares Hubschrauberdokumente, Gebrauchs- und Wartungsanweisungen - unter anderem über den Verkaufsschlager von Eurocopter, den EC 135 mit lagerlosem Rotorkopf; die Firma hat gerade 115 solcher Helikopter an Polizei, Küstenwache und ADAC verkauft.

S. erzählt nun öfter von einem "guten russischen Freund in Wien". Der interessiere sich für Flugzeugbau und insbesondere für Hubschrauberhandbücher und habe auch schon ein paar von G.s Exemplaren gekauft. Der hat damit kein Problem. Als die beiden dann mal wieder zusammensitzen und das Handy von S. klingelt, ist der russische Bekannte am Apparat. Es ist Wladimir Woschschow.

G. redet mit ihm: Wäre doch schön, sich mal persönlich kennenzulernen, vielleicht komme man ja ins Geschäft. G. ist mittlerweile selbstständig, er besitzt zwei Firmen für Hubschraubercharter und -service, arbeitet für die RTL-Serie "Medicopter 117". Er hat den Hubschrauberpilotenschein gemacht und spart nun für einen eigenen Helikopter.

Moskau, 6. Juli 2001: Wladimir Woschschow lässt seine neuen Freunde aus Westeuropa einfliegen. Er holt die Gäste am Flughafen ab und fährt gleich in eine Bar.

Nach ein paar Wodkas ziehen die drei Männer weiter in einen Saunaclub, wo bald Prostituierte ihre Dienste offerieren.

"In dem fortgeschrittenen Zustand nahmen wir diese auch an", beichtet Familienvater G. dem Verfassungsschutz später. Am nächsten Tag holt Woschschow seine Gäste zu sich nach Hause. Seine Frau reicht Wodka, Weißbrot und roten Kaviar.

Später geht es raus zu einer Datscha im Grünen: Grillfest im Kreise lieber Freunde, man badet im Naturtümpel. Woschschow redet über Geschäfte, er könne G. beim Verkauf von Rettungswinden in Russland helfen. Abends, in einer Bar namens Night Flight, hat man wieder Spaß. "Nach ca. 2h ging es dann mit Begleitung, für die wir eigenverantwortlich waren, zurück zum Hotel." Der zweite Abend geht aufs eigene Portemonnaie.

Nach Erinnerungsfotos auf dem Roten Platz fliegen G. und S. am nächsten Tag zurück, der Bayer etwas angeschlagen. Er sei, gibt er später zu, in Moskau "niemals zu 100 % nüchtern" gewesen. Aber er bringt das Gefühl mit nach Hause, Geschäftskontakte gewonnen zu haben und einen neuen Freund.

Nach einem weiteren Moskaubesuch mit ähnlichem Programm kommt S. zur Sache. Er fragt G., ob er Zugang zu den militärischen Programmen NH90 und Tiger habe. Diese beiden Hubschraubertypen sind noch in der Entwicklungsphase, gelten aber bereits als das Beste, was im Bereich Kampf- und Transporthubschrauber für den milliardenschweren Militärmarkt gebaut wird. Natürlich interessiert sich der russische Militärgeheimdienst GRU für Details dieser Spitzentechnolgie, für die ultraleichten Faserverbundstoffe, die Flugkontrollcomputer, Rotorsysteme und Aufklärungssensorik.

Doch Werner G. blockt ab. Nach dieser Anfrage habe er den Kontakt zu S. abgebrochen.

Bald kommt der Bayer in Geldnöte.

Beim Kauf eines Hubschraubers übernimmt er sich, seiner Charterfirma fehlen Aufträge. Am 20. Mai 2003, seinem 39. Geburtstag, klingelt das Telefon.

Woschschow gratuliert herzlich. G. ist gerührt.

Fortan telefoniert er regelmäßig mit dem Russen. Ende 2004 treffen sich die beiden wieder, in Salzburg. Natürlich bringt Woschschow Geschenke mit, Wodka und Kaviar und für die Kinder Schokolade.

Woschschow interessiert sich wieder für Hubschrauberunterlagen, für alte Handbücher bietet er 8000 Euro. G. ahnt durchaus, mit wem er es zu tun hat: "Mir war bewusst, um wen es sich bei Woschschow gehandelt hat", gesteht er später.

"Und dass der russische Staat hinter den Beschaffungsbemühungen stand." Woschschow schlägt vor, künftig verdeckt zu kommunizieren. Woschschow benutzt seine Initialen und sein Geburtsjahr als E-Mail-Adresse, G. Alter und Name seines Sohnes als Passwort. Bald trifft man sich in Salzburg, München, im kroatischen Pula oder auch bei G. daheim in Schliersee.

Woschschow bekommt Unterlagen, G. mal 5000 Euro bar, mal eine Kreditkarte auf den Namen des Russen, mit der er 5000 Euro bei der Raiffeisenbank Salzburg abhebt.

München, 12. August 2006: In seinem Hotelzimmer öffnet Woschschow eine gute Flasche Cognac, reicht edlen Kaviar, lädt G. mitsamt Frau und Kindern nach Moskau ein. Dann sei Woschschow "zum Kern des Gesprächs" gekommen, wie G. sich erinnert.

Der Russe habe gesagt, die bisherigen Geschäfte seien "eigentlich nur Zeitverschwendung" gewesen. Ob er "wirkliches Geld" machen wolle - und "Informationen bezüglich NH90 und Tiger beschaffen könnte"? Heute behauptet G., er sei "auf einen Schlag nüchtern" gewesen und habe abgelehnt. Aber der Russe lässt nicht locker. Im Frühjahr 2007 führt er G. mit einem Angebot von 20 000 Euro für einfache Ausbildungsanleitungen in Versuchung, verlangt später Unterlagen zu Helikopterbauteilen. Doch zu diesen Deals kommt es nicht mehr. Deutsche Verfassungsschützer und Polizeifahnder sind G. längst auf der Spur. So kommt es zu ihrem Besuch bei G. Er gesteht und kooperiert.

Im Beisein der Beamten schreibt er im April 2007 eine E-Mail an Woschschow, der Köder ist ausgelegt. Woschschow stimmt telefonisch einem Treffen in Salzburg zu und geht in die Falle.

Die Festnahme des russischen GRU-Agenten am 11. Juni 2007 sorgt für eine diplomatische Krise. Während Woschschow die Auslieferung nach Deutschland droht, bestellt die russische Regierung Österreichs Botschafter in Moskau ein und macht Druck. Zehn Tage nach seiner Festnahme kommt Woschschow frei. Offizieller Grund:

Er sei zum Zeitpunkt der Verhaftung für eine UN-Tagung akkreditiert gewesen und genieße diplomatische Immunität - dabei war der Russe mit seinem Reisepass nach Österreich gereist, nicht mit einem Diplomatenausweis.

Diese Trickserei bringt die deutschen Strafverfolger um die Chance, Putins Spion den Prozess zu machen.

"Wir wissen, dass die russischen Nachrichtendienste in Deutschland im europäischen Vergleich nach wie vor sehr stark vertreten und entsprechend aktiv sind", sagt Heinz Fromm, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz. Am 5. Juni wird Bundeskanzlerin Angela Merkel Dmitrij Medwedew dennoch mit militärischen Ehren in Berlin empfangen. Vier Tage später, am 9. Juni 2008, verhandelt der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts München die Woschschow-Affäre.

Doch auf der Anklagebank sitzt nur Werner G. Er könne zwar "auf gemeinsame nette Erlebnisse zurückblicken", teilte er den Ermittlern mit, bedaure aber "zutiefst", dass er "aufgrund meiner gutmütigen Dummheit" nicht früher aus der Connection ausgestiegen sei.

(Quelle: Stern)

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