Die Moskauer Staatsanwaltschaft wirft einem Kurator der Tretjakow-Galerie, Andrej Jerofejew, vor, durch eine von ihm organisierte Ausstellung verbotener Kunst religiöse Gefühle verletzt zu haben. Beobachter vermuten, dass an Jerofejew ein ähnliches Exempel statuiert werden soll wie an Michail Chodorkowski. Da die russische Verfassung die Zensur verbietet, soll eine Selbstzensur die Freiheit der russischen Museen bei der Wahl von Ausstellungsstücken einschränken.

Jetzt hat auch Russlands aktuelle Kunstszene ihren Chodorkowski. Andrej Jerofejew, kämpferischer Kurator der Tretjakow-Galerie für aktuelle Strömungen, wurde von der Moskauer Staatsanwaltschaft förmlich angeklagt, weil eine von ihm organisierte Ausstellung verbotener Kunst "religiöse Zwietracht" gesät habe. Jerofejew hatte im vergangenen Jahr politsatirische, obszöne, blasphemische Arbeiten, die aus diversen Ausstellungen entfernt wurden, im Moskauer Sacharow-Zentrum vorgeführt - freilich hinter Schutzwänden mit kleinem Guckloch, die den Betrachter zum Voyeur machten.
Die Bilder sollen - biblische Szenen, wo der Heiland einen Mickymauskopf trägt, eine Ikone mit Kaviar statt Madonna, ein McDonald's-Plakat mit Jesus-Antlitz - die religiösen Gefühle von mindestens hundertsechzig Unterzeichnern einer Petition verletzt haben, die dem verantwortlichen Untersuchungsführer Korobkow als Hauptindiz dient. Der Schlüssellocheffekt habe die zersetzende Wirkung der Kunstwerke noch erhöht, behauptet der ehrgeizige junge Beamte, der selbst die Ausstellung nicht besucht hat.