Man sollte sich schon einmal daran gewöhnen
Von Derek Brower, Journalist

FÜR WENIG mehr als 1 £ (1,26 €) kann man vier bis fünf Leute samt Gepäck etwa sieben Meilen (gut 11 km) über Land transportieren. So gesehen bietet ein Liter Benzin selbst in Großbritannien mit seinen im internationalen Vergleich extrem hohen Benzinpreisen einen guten Gegenwert fürs Geld und bemerkenswerte Mobilität gepaart mit Komfort - und das alles zum Preis von einer Flasche Coca Cola.
Natürlich ist es nicht ganz so einfach, denn abweichend von den Behauptungen der Werbestrategen hält Coca Cola nicht die Welt in Schwung. Öl schon. Sehen Sie sich nur um: Alles um Sie herum hängt in der einen oder anderen Weise von der Ölindustrie ab. Was transportiert werden musste, was aus Plastik oder anderen Kunststoffen hergestellt wurde — alles hängt von der Förderung von Kohlenwasserstoffen und ihrer Umwandlung in Energie ab.
Deshalb haben die Regierungen in den Verbraucherländern auf einmal solche Panik wegen der Ölpreise. Seit Jahresbeginn ist kaum eine Woche ohne neue Ölpreisrekorde auf dem New Yorker und Londoner Börsenparkett vergangen. Letzte Woche wurde an der New Yorker Terminbörse NYMEX der Kontrakt auf die US-Referenzsorte WTI-Rohöl für über 135 Dollar gehandelt, eine neue Höchstmarke, doppelt so hoch wie der Vorjahrespreis. Die Wähler beschweren sich und fordern von ihren Regierungen Entlastung durch Preissubventionen.
Jede Menge Blödsinn ist geschrieben worden, um den Anstieg zu erklären. Hohe Preise sind nicht das Ergebnis von Ölknappheit, obwohl manch einer das glaubt. Nirgendwo in den großen Ölverbraucherländern sind Verbraucher von Lieferengpässen betroffen. Es liegt, entgegen der Überzeugung des britischen Premierministers Gordon Brown, auch nicht an einer Manipulation des Marktes durch die OPEC. Im Persischen Golf liegen Tanker mit iranischem Erdöl, das niemand haben will. Und Saudi-Arabien in seiner Rolle als OPEC-Führungsmacht und „swing producer“ mit hohen, kurzfristig verfügbaren Reservekapazitäten weiß, dass die Preise auch dann nicht nachgeben würden, wenn täglich weitere 0,5 Mio. Barrel schwere Rohöle auf den Markt geworfen würden — die Raffinerien, die ohnehin schon am Rande ihrer Kapazität arbeiten, wollen und brauchen kein weiteres Schweröl, obwohl das genau die Überkapazitäten sind, die die OPEC bieten kann.
Ebenso wenig ist der Höhenflug am Markt ein Ergebnis des Peak-Oil oder Fördermaximums. Ja, irgendwann wird der Welt das Öl ausgehen, wenn die Förderung im derzeitigen Umfang fortgesetzt wird, aber dieser Moment steht noch nicht unmittelbar bevor. Und letztlich macht diese Theorie schon seit Jahrzehnten die Runde — der Markt hatte ausreichend Zeit, den Effekt in die Kosten des Rohöls mit einzuberechnen.
Vielmehr gehen die Preisanstiege auf drei Faktoren zurück. Der erste ist die Dollarschwäche. Sinkt der Dollar, heben die Erzeugerländer zum Ausgleich den Rohölpreis an. Als die amerikanische Notenbank zur Stützung der amerikanischen Wirtschaft intervenierte und den Leitzins drastisch senkte, trieb der geschwächte Dollar in der Folge die Ölpreise in die Höhe. Zweiter Faktor ist die Nachfrage aus Asien und anderen boomenden Volkswirtschaften unter den Entwicklungsländern, wo sich der Preisanstieg bisher nur wenig auf die Nachfrage auswirkt. Aufgrund seines Wirtschaftswachstum ist China zum zweitgrößten Ölverbraucher geworden. So prognostiziert die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem Ausblick bis 2030, dass der Anstieg der Erdölnachfrage künftig zu etwa 60 % Asien zuzuschreiben sein wird. Staatliche Subventionen verhindern weiterhin, dass die Verbraucher dort die wahren Kosten des Rohöls zu spüren bekommen.
Der dritte Faktor ist „heißes Geld“, das derzeit in Waren - insbesondere Erdöl - fließt. Dadurch dass „Spekulanten“, wie die OPEC sie nennt, zur Hausse der letzten Jahre beigetragen haben, ist eine Preisblase entstanden, die mit denen der Internet-Branche und des US-Immobilienmarktes vergleichbar ist. Diese beiden sind geplatzt, und der Blase auf den Warenmärkten wird es ebenso ergehen. Fraglich ist nur, wann.
Laut Goldman Sachs, einem gut aufgestellten Spekulanten auf diesem Markt, könnte ein „extremer Kursausschlag“ im kommenden Jahr zu Preisen von 200 Dollar pro Barrel führen. Angesichts der großen Mengen an „heißem Geld“ ist der Markt ausgesprochen flatterhaft und reagiert auf kurzfristige potenzielle Versorgungsstörungen wie etwa Sprengstoffanschläge in Nigeria mit Kurssprüngen von mehreren Dollar an einem einzigen Tag. Ein Ölpreis von zweihundert Dollar liegt heute im Bereich des Vorstellbaren.
Doch der wahre Grund, warum die Ölpreise so gestiegen sind, ist, dass sie immer noch zu niedrig waren — und es noch sind. Als Ende der 90er Jahre der Preis bei 10 Dollar pro Barrel lag, strichen die Unternehmen ihre Haushalte zusammen. Die Erforschung neuer Lagerstätten kam nahezu zum Erliegen, und neue Projekte wurden erst einmal auf Eis gelegt. Billiges Öl trieb auch die Nachfrage in die Höhe. Diese Kombination — steigende Nachfrage und ein Jahrzehnt mit geringen Neuerschließungen — legte das Fundament für den Bullenmarkt.
Das größte Problem im Zusammenhang mit dem billigen Öl der 90er Jahre besteht aber darin, dass keine alternativen Energien entwickelt wurden, um die Vormachtstellung des Erdöls zu brechen. Erst die Aussicht auf einen bevorstehenden Klimawandel hat den erneuerbaren Energien zu einigem Aufschwung verholfen — obwohl alle Windparks der Welt den Verbrennungsmotor mit seinem Kraftstoffbedarf nicht ersetzen werden.
Auch hat der Bullenmarkt der letzten Jahre die Nachfrage eigentlich nicht beeinträchtigt — noch hat er Alternativen zum Erdöl vorangetrieben. Die letzten Ölpreisschocks in den 70er und frühen 80er Jahren zwangen die Energieverbraucher, ihren Ölverbrauch drastisch zu reduzieren. Infolgedessen nutzen die OECD-Länder heutzutage nur noch etwa ein Viertel des Ölvolumens, das sie vor diesen Preiskrisen konsumierten. Zwar mag der Gesamtverbrauch heute höher liegen, aber die Ölabhängigkeit der westlichen Volkswirtschaften ist stark zurückgegangen.
Die “Nachfrageelastizität” für Öl — ein wirtschaftlicher Fachbegriff dafür, wie hoch ein Preis steigen kann, bevor die Leute aufhören, das Zeug zu kaufen — bedeutet heutzutage, dass die Verbraucher trotz einer Verdopplung der Preise noch immer Öl kaufen. Ehe sie damit nicht aufhören, gibt es keinen Anlass zu einer Preissenkung. Analysten schätzen, dass der „kostendeckende“ Preis für Öl — der Preis, ab dem die Produktion sich lohnt — heute bei 80 Dollar pro Barrel liegt, was die natürliche Preisuntergrenze darstellt. Aber davon abgesehen bestimmen nicht die Verkäufer den Ölpreis, sondern die Käufer. Und auf dem Markt, wie er sich darstellt, kaufen die Leute auch bei einem Preis von 135 Dollar pro Barrel noch Öl.
Das heißt, Öl ist nicht zu teuer. Es ist einfach teurer als zu Zeiten, als es billig war. Wenn den Leuten der Ölpreis nicht passt, haben sie eine Möglichkeit zurückzuschlagen: indem sie es einfach nicht kaufen. Erst wenn einige Leute damit anfangen, wird der Markt erkennen, wo beim Ölpreis das Ende der Fahnenstange ist — mit anderen Worten, wie teuer Öl werden kann, bevor die Leute aufhören, es zu kaufen.
Wenn man also der Auffassung ist, dass die Abhängigkeit der Welt vom Öl Probleme schafft (Umweltverschmutzung, Klimawandel, kriegerische Auseinandersetzungen um Ressourcen usw.), dann sollte man sogar hoffen, dass die Preise noch weiter steigen. Je teurer ein Liter Benzin ist, desto mehr Leute werden mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Und je mehr Leute mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, desto mehr werden sich die Autohersteller um die Energieeffizienz ihrer Fahrzeuge bemühen. Vergessen Sie die Zielvereinbarungen im Kampf gegen den Klimawandel und für eine Verringerung des CO2-Ausstoßes: Steigende Energiepreise sind imstande, das Verbraucherverhalten viel nachhaltiger zu verändern als alle Appelle der Politiker.
Für Regierungen, die sich wegen Inflation und aufgebrachter Wähler sorgen, die für Energie jede Woche tiefer in die Tasche greifen müssen, ist dies schwer zu verkaufen. Aber Preisstützungen — durch eine Senkung der Benzinsteuer oder gar eine vorübergehende Benzinsteuerbefreiung — verschlimmern das Problem nur. Verbraucher bestimmen die Energiepreise durch ihre Bereitschaft zum Kauf dieser Waren. So lange sie das weiterhin tun, kann der Markt mit Fug und Recht davon ausgehen, dass mit dem Ölpreis alles im Lot ist.
Marktwirtschaftlich ist „zu teuer“ ein relativer Begriff und trifft erst dann zu, wenn ein Produkt für den Käufer unerschwinglich ist. Bisher hat der Markt noch nicht festgestellt, ab welchem Preis Öl tatsächlich zu teuer ist. Nicht die Erzeuger sind für die Rekordpreise beim Rohöl verantwortlich. Wir sind es, Sie und ich und alle anderen, die noch immer bereit sind, Öl und alles damit im Zusammenhang Stehende weiter so zu kaufen, wie wir es getan haben, als die Ölpreise noch bei 10 Dollar das Barrel lagen.