Die Nord-Stream-Rohrleitung durch die Ostsee, die Europa ab 2011 mit russischem Erdgas versorgen soll, wird nur einer mittelmäßigen Sicherheitsprüfung unterzogen. Die Standards für Bau und Begutachtung der Ostsee-Pipeline hat die norwegische Zertifi-zierungsgesellschaft DNV festgelegt, ebenso wie die Intensität des Prüfprocederes. DNV entschied für die Stufe "medium": Dies bedeutet, dass etwa die Schweißverbindungen nur stichprobenhaft untersucht werden.

Bei Stufe "high" würden die Prüfer jede einzelne Schweißnaht auf den Montageschiffen begutachten. Die lockere Einstufung steht im Kontrast zum sehr hohen technischen Anspruch des Bauwerks. Denn mit 1225 Kilometern wird die Unterwasser-Pipeline eine der längsten der Welt sein. Das Gas soll auf der russischen Seite mit einem ungewöhnlich hohen Druck von 220 bar eingespeist werden, damit es die enorme Strecke zügig passieren kann. Die Rohrwand soll deshalb im Anfangsbereich 41 Millimeter dick sein - ein Grenzwert, in dem sich Stahl gerade noch zu Röhren biegen lässt. Auch die Schweißarbeiten sind bei solchen Wandstärken sehr anspruchsvoll, da hohe Temperaturen tief in das Material eindringen. Das Bergamt Stralsund, zuständig für die behördliche Abnahme auf deutschem Gebiet, setzte sich bereits über die DNV-Richtlinie hinweg, schrieb Prüfungen der Schweißnähte und des Ventils vor der Küste bei Greifswald in der Stufe "high" vor und erteilte den Zertifizierungsauftrag an das schweizerisch-deutsche Konsortium SGS-TÜV Saarland. Während DNV jeglichen Kommentar verweigert, erklärt Nord-Stream-Sprecher Jens Müller, es sei "nicht ungewöhnlich, dass Behörden projektspezifisch den Prüfumfang festlegen". Zugleich räumt er ein, dass die anderen Länder, durch deren Meeresgebiete die Ostsee-Pipeline führen soll, die Begutachtung von DNV vornehmen lassen werden. Auf den letzten 80 Kilometern wird also nach dem Baubeginn im kommenden Jahr strenger geprüft werden als im technisch heikleren Anfangssektor der Rohrleitung.
(Der Spiegel vom 21.4.08, Seite 144)