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SERIE: Wer ist Dmitrij Medwedjew? (7)

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In den nächsten Tagen bis zur Präsidentschaftswahl in Russland werden wir Ihnen mehrere Portraits deutscher Medien vorstellen, die den Versuch unternehmen, Russlands zukünftigen Präsidenten Dmitrij Medwedjew zu charakterisieren.

Er folgt ihm

Das Tor zur Vergangenheit ist verriegelt. Eher nachlässig allerdings. Ein rostiges Vorhängeschloss verrät, dass hinter dieser mit Graffitis verschmierten Metalltür wohl nicht mehr viel zu holen ist. Nicht mehr jedenfalls als ein paar Erinnerungen an eine Zeit, in der laute Musik den Mächtigen noch Angst einjagte. Ab und an zerschneiden Eiszapfen, die von den Dachrinnen herabfallen, die Stille. Ansonsten ist es ruhig im Hof der St. Petersburger Rubinsteinstraße 13. "Der Rock. Er war mal hier. Wo ist er heute?", hat jemand an die Hauswand gekritzelt. Die verschlossene Tür führte einst zum Leningrader Rockclub. Hier und nur hier duldeten die Behörden in der Stadt den Rock, konnten legendäre russische Musiker wie Viktor Zoi auftreten. Es war ein Ort für junge Leute mit langen Haaren. Leute wie Dmitrij Medwedjew.

Medwedjew ist der Mann, den die Russen am 2. März zum Präsidenten wählen werden. Die Haare trägt er längst kurz, dem Rock aber hat er nicht abgeschworen. Pausbäckig sitzt er in der ersten Reihe des Konzertsaals "Kreml-Palast". Auf der Bühne spielt die englische Hardrocktruppe Deep Purple "Smoke on The Water". Gazprom hat die Rocker zur 15-Jahr-Feier des Konzerns gebucht, doch jeder weiß: Die Show ist ein Abschiedsgeschenk für Medwedjew. Als Präsident wird er den Posten des Gazprom-Aufsichtsratschefs räumen müssen. Ein paar tausend Konzern-Funktionäre im Saal lassen die laute Musik tapfer über sich ergehen und spenden höflichen Applaus. "Der Gig im Kreml war lustig", wird es der barfuß auftretende Sänger Ian Gillan später schildern, "aber nicht eben wild. Wenn Leute nicht gewohnt sind, zu Rockshows zu gehen, kennen sie das Protokoll nicht." Auf ein paar Drinks kommt Medwedjew nach dem Konzert in die Garderobe - "mit einem dummen Grinsen auf dem Gesicht, weil er seine Lieblingsband traf", wie Gillan danach petzen wird.

Zehn Euro auf dem Konto

"Surreal" ist die Begegnung für Medwedjew. "Ich habe Deep Purple gehört, als ich 13 war. In dieser Zeit war ihre Musik verboten. Ich hätte mir nie vorgestellt, die berühmte Band im Kreml-Palast zu treffen", erzählt er dem russischen Fernsehen. So erfahren die Russen, dass ihr künftiger Präsident ein Freund des Rock ist. Sie wissen mittlerweile aber auch, dass der 42-Jährige weder besonders wild ist noch es je war. Medwedjew, der gelegentlich als Liberaler bezeichnet wird, ist zu Hause eher konservativ und bekennt sich zu einem ausgesprochen traditionellen Rollenverständnis. Seine Frau sei zuständig für die Erziehung des zwölfjährigen Sohnes und die "Bewahrung der familiären Geborgenheit", verriet er jüngst. Das wäre zumindest eine Erklärung dafür, dass Gattin Swetlana nach der offiziellen Einkommensdeklaration des Ehepaars Medwedjew praktisch mittellos dasteht. Ihr Kontostand beträgt angeblich 380,20 Rubel, was etwa 10,50 Euro entspricht. Die Beiratspräsidentschaft beim kirchlichen Programm "Geistig-moralische Kultur der heranwachsenden Generation" ist ehrenamtlich.

Bei den Russen ist Medwedjew seit geraumer Zeit ein allabendlicher Gast. Nicht erst seit seiner Präsidentschaftskandidatur zeigt das russische Fernsehen länglich jeden der zahlreichen Inspektionsbesuche in der Provinz. 2005 ernannte der Präsident seinen damaligen Stabschef zum Ersten Vize-Ministerpräsidenten mit Zuständigkeit für Infrastrukturprogramme - für die Verteilung eines Teils der Milliarden aus den Gasexporten also. Medwedjew hat seitdem viele Brücken, Straßen, Krankenhäuser und Technologiezentren eröffnet. Nach dem Willen Putins sollte er auf diese Weise aus dem Dunkel der Kreml-Verwaltung ins Licht der Öffentlichkeit treten. "Du glaubst gar nicht, wie sehr das deinen Blickwinkel verändern wird", gab Putin, ganz väterlicher Freund, ihm mit auf den Weg. In der Absicht des Präsidenten lag aber auch, den Blickwinkel der Russen zu verändern. Sie sollten in Medwedjew seinen möglichen Nachfolger erkennen.

In der Zwickmühle

Das war kein leichtes Unterfangen, denn Medwedjew verkörpert nicht eben das, was in Russland unter einer Führungspersönlichkeit verstanden wird. Er ist 1,62 Meter groß - acht Zentimeter kleiner also als der nicht eben riesenhafte Putin. Seinen Gesichtszügen fehlt zudem jegliche Härte. Wie der Meister den Lehrling nimmt Putin Medwedjew gerne mit zu wichtigen Anlässen - so wie dieser Tage zum Treffen mit den Präsidenten der GUS-Staaten in Moskau. Medwedjew spricht ernst, nickt wie zur Selbstvergewisserung ständig mit dem Kopf und wirkt neben Leuten wie dem Weißrussen Alexander Lukaschenko oder dem Usbeken Islam Karimow irgendwie brav. Nett ist ein Wort, das vielen in Russland zu Medwedjew einfällt - für den Anwärter auf das höchste Amt im Staate ist es nicht immer als Kompliment gemeint.

Nur zwölf Prozent der Russen bezeichnen einer Umfrage des Moskauer Lewada-Zentrums zufolge Führungsqualitäten als starke Seite Medwedjews. Nur neun Prozent können eine klare politische Linie Medwedjews erkennen, ganze sieben Prozent halten ihn für erfahren, und nur zehn Prozent bescheinigen ihm Stärke und Entschlossenheit. Als wichtigste Qualität des neuen Mannes geben indes 53 Prozent seine Nähe zu Amtsvorgänger Wladimir Putin an. Genau deshalb steckt Medwedjew in einer Zwickmühle. Sein Prestige hängt vorläufig fast völlig von der Nähe zu seinem Mentor ab, doch genau diese Nähe lässt ihn auch als schwach erscheinen.

Fast rührend bemüht er sich nun um das Image eines harten Jungen. "Ich war ein Kind vom Hof und habe eine Menge Zeit auf der Straße verbracht", berichtete Medwedjew jüngst einem Reporter der Zeitschrift Itogi, der während eines Langstreckenfluges eines der wenigen persönlichen Interviews mit dem sorgfältig abgeschirmten Präsidentschaftskandidaten führen durfte. Wie es der Zufall will: Vor acht Jahren hatte Putin seine Kindheit ganz ähnlich beschrieben. "Ich war wirklich ein Gassenjunge", bekannte dieser damals. In Wahrheit unterscheidet sich Medwedjew vom 13 Jahre älteren Putin aber gerade in seiner Herkunft. Zwar stammen beide aus Leningrad, aber aus unterschiedlichen Zeiten und Welten. Putin kommt aus einfachsten Verhältnissen und wuchs auf in der zementierten Sowjetunion des Leonid Breschnew. Medwedjew hingegen erlebte als Spross einer bescheidenen Intelligenzija-Familie, wie das Land sich durch Michail Gorbatschows Perestroika öffnete und aus den Fugen geriet. Sein Vater war Professor am Technologischen Institut, seine Mutter arbeitete in einem Museum.

Lehrern und Mitschülern ist der kleine Dima durchweg als braver Junge in Erinnerung. "Nichts Kriminelles, nur gewöhnliche Kinderspäße" hätten sie auf der Straße getrieben, versichert Medwedjew. Ja, an Dima könne sie sich gut erinnern, sagt eine ältere Dame namens Galina Nikolajewna. Zum Schwatz mit einer Nachbarin sitzt sie auf einer Bank vor Haus Nummer 6 der Bela-Kun-Straße im Petersburger Viertel Kuptschino. "Das war so ein Kleiner", erinnert sie sich, "der mit seinen Eltern in Appartement 58 gewohnt hat. Dima sehe ich oft im Fernsehen. Sein Gesicht hat sich sehr verändert, finde ich." Derweil liegt zwei Meter weiter eine Frau mittleren Alters rücklings im Schnee. Sie rührt sich nicht. Zunächst tut Galina Nikolajewna so, als bemerke sie sie nicht. "Ach", sagt sie schließlich, "das ist Nataschka aus dem zweiten Stock. Sie ist betrunken." Zusammen mit einem jungen Mann hilft sie Nataschka dann doch auf und schleppt sie ins Haus Nummer 6, einen neungeschossigen Plattenbau mit ausgebleichten und an vielen Stellen abbröckelnden Kacheln. "Wohnung 58", sagt sie noch, "steht schon lange leer."

Ein Russland, "dessen Bürger nicht nur stolz sind auf die großartige Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart", hat Medwedjew als eines seiner Ziele postuliert. Er redet davon, bis 2020 werde eine "breite Mittelklasse entstehen". Dabei beruft er sich, wie so oft, auf Präsident Putin. Fast jede seiner Reden beginnt Medwedjew mit einem Verweis auf den Mann, der seit 17 Jahren sein Schicksal bestimmt und der ihm bald als Ministerpräsident unterstellt sein soll. Dass Putin sich seinem Getreuen Medwedjew unterordnen könnte, gilt in Russland freilich als groteske Vorstellung. Putin selbst spricht nebulös von einer "einzigartigen" Situation im Verhältnis zum künftigen Kremlchef, "weil ich selbst acht Jahre lang Präsident war und keinen schlechten Job gemacht habe".

Einer leuchtet, einer strahlt

Genau darin besteht auch die Botschaft eines Wahlkampfes, der in Wahrheit keiner ist: Medwedjew soll leuchten, Putin aber darf er nicht überstrahlen. Unzertrennlich wie Pat und Patachon reisen sie gemeinsam durch die Weiten Russlands. Nicht einmal auf den wenigen Wahlplakaten darf der Kandidat ohne den älteren Kompagnon auftreten. Da klingt es wenig überzeugend, wenn Medwedjew versichert: "Unser Land war und bleibt eine Präsidialrepublik. An der Spitze Russlands steht der Präsident, und nach der Verfassung kann es nur einen geben." Die Russen hören das, doch sie beobachten auch, teils amüsiert, wie Medwedjew Gestik, Habitus und selbst modische Vorlieben seines Vorbildes kopiert, etwa den Rollkragenpullover für Freizeit-Termine. "Er arbeitet an sich. Er versucht, Witze zu machen. Er versucht, entspannt zu wirken. Er folgt den Fußspuren Putins bis hin zur Lächerlichkeit", meint der Politologe Dmitrij Trenin vom Carnegie-Zentrum in Moskau.

Genau genommen folgt Medwedjew Putin bereits seit 1990. Beide wurden vom Leningrader Stadtchef Anatolij Sobtschak ins Rathaus geholt. Putin war zuständig für Auslandskontakte, Medwedjew kam als juristischer Berater ins Team. Putin wie Medwedjew waren dem Jura-Professor Sobtschak als Absolventen der "Jurfak", der Juristischen Fakultät der Leningrader Uni, bekannt. Als erster Bürgermeister der nun wieder St. Petersburg heißenden Metropole war Sobtschak Symbolfigur der beginnenden Demokratie in Russland. So sah das damals auch der liberale Politiker Michail Amossow, der seit den ersten halbwegs demokratischen Wahlen im Stadtrat saß. Vier Mal wurde er gewählt, doch bei der letzten Kommunalwahl verwehrten die Behörden seiner liberalen Jabloko-Partei unter fadenscheinigen Begründungen die Teilnahme. "Sobtschak", sagt Amossow heute, "ist eine der großen Enttäuschungen in meinem Leben" gewesen. Stets habe der inzwischen gestorbene Sobtschak "schöne Worte" gebraucht, dann aber keine Kontrolle durch das Parlament geduldet. Transparente Ausschreibungen oder nachvollziehbare Bebauungspläne habe es zu Sobtschaks Zeiten nicht gegeben. In diesem schlechten Sinne sieht Amossow Putin wie Medwedjew in der "Tradition Sobtschaks".

"Viel Sinn für Humor"

Auch die Worte Medwedjews sind die eines guten Demokraten. Zu Unternehmern sagt er: "Freiheit ist besser als Unfreiheit." Vor Vertretern der Zivilgesellschaft spricht er über die Segnungen der repräsentativen Demokratie: "Es ist sehr wichtig, dass die Vertreter des Volkes ihrer Verantwortung vor den Bürgern gerecht werden." Und: "Wenn wir ein zivilisiertes Land sein wollen, müssen wir zunächst ein Rechtsstaat werden." Der Jurist Medwedjew redet den Russen ins Gewissen, geißelt eine Missachtung der Gesetze, wie es sie in keinem anderen Land Europas gebe. "Ohne Übertreibung muss man Russland das Land des Rechts-Nihilismus nennen", klagt er. Und natürlich verurteilt Medwedjew die Korruption, "die ein enormes Ausmaß angenommen hat". Medwedjew sagt da eigentlich nichts, was nicht auch von Putin schon zu hören gewesen wäre. Doch das macht nichts. Niemand im handverlesenen Publikum wird aufstehen und fragen, wie die Korruption gerade unter Medwedjews Mentor so "enorme Ausmaße" annehmen konnte.

Hinter einer Plexiglasscheibe im Foyer der liebevoll renovierten Juristischen Fakultät von St. Petersburg sind Bilder der berühmtesten Absolventen zu sehen. Dmitrij Medwedjew ist vorläufig ein Platz links unterhalb von Wladimir Putin vorbehalten. Einem kleinen Zettel aber ist zu entnehmen, der Schlüssel der Stellwand sei in Büro 7 hinterlegt. Bald schon werden Putin und Medwedjew Seit" an Seit" hängen. "Je mehr unserer Absolventen in höchste Positionen steigen, desto besser für die Fakultät", räumt Professor Walerij Musin im holzvertäfelten Senatssaal gut gelaunt ein. "Sie haben sicher gehört, dass der Dekan unserer Fakultät gerade zum geschäftsführenden Rektor der Universität ernannt wurde." Medwedjew, sagt Professor Musin, sei ihm früh aufgefallen: "Er hörte bei mir im ersten Semester eine Vorlesung über Römisches Recht und stellte sehr anspruchsvolle Fragen. Damals dachte ich, aus ihm könnte ein angesehener Wissenschaftler werden."

Die Passion für Römisches Recht blieb Medwedjew erhalten. Bis zu seinem Umzug nach Moskau gab er an der Fakultät in diesem Fach Vorlesungen. "Medwedjew ist ein sehr analytisch denkender Mann mit scharfem Verstand", sagt Professor Musin und fügt, weil er weiß, dass er seinen einstigen Studenten gar nicht genug loben kann, hinzu: "Und mit viel Sinn für Humor." Eine Kostprobe gab Medwedjew kürzlich. Gefragt nach seinem Lieblingsplatz in Moskau antwortete er: "Der Kreml."

(Süddeutsche Zeitung)

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