In der heutigen FTD ist eine Geschichte von großer Bedeutung veröffentlicht worden über Gazproms Versuch, den Energiesektor in Nigeria zu erobern. Einem Vertreter der nigerianischen Ölindustrie zufolge hat Gazprom angeboten, im Austausch für Anteile an zentralen Gasfeldern umfangreich in die Energieinfrastruktur Nigerias zu investieren – ein Schritt der die Kritiker bereits aufschreien lässt. Der Financial Times – Redakteur Matthew Green hat dieses Angebot als „einen der dreistesten Beutezüge im globalen Kampf um das afrikanische Energiekapital“ bezeichnet. Das Vorhaben der Russen zeigt deutlich die Entschlossenheit des Kremls, sich das Vorkaufsrecht auf alternative Gasquellen zu sichern. Dieses Muster fand schon vielerorts Anwendung, von Turkmenistan über Iran, Algerien, bis Bolivien.
Jetzt beginnen die Menschen wenigstens, sich für die wahren Motive hinter diesem Vorgehen zu interessieren.

Interessant sind vor allem die Einblicke in die Verhandlungstaktiken von Gazprom, die der nigerianische Offizielle in dem FTD-Artikel gibt: „Gazproms Vorschlag ist verblüffen. Sie reden Klartext und sagen, der Westen habe uns in den vergangenen 50 Jahren ausgenutzt, und sie machen uns ein besseres Angebot (...) Sie sind bereit, die Chinesen, die Inder und die Amerikaner zu überbieten.“ Im Artikel aus der FT wird der Offizielle sogar noch mit den Worten zitiert: „Gazprom sagt, ‚Wir sind besser als Shell oder jedes andere Unternehmen das euch in den letzten 50 Jahren ausgebeutet hat’“.
Vorträge von Gazprom über die bösartige Ausbeutung des Ölsektors in Nigeria zu hören, muss für die Erdölminister reichlich ironisch geklungen haben, die zumindest im Stillen dieser paternalistischen Ausbeutungs-Rhetorik keinen Glauben schenken werden. Jeder, der bereits in Nigeria gearbeitet hat, weiß, dass die verschiedenen Gruppen und Clans, die den Erdölsektor kontrollieren, weitaus klügere Energieexperten sind, als man erwarten würde und sicher wissen, wie ein vorteilhaftes Geschäft zu machen ist. Dennoch gibt es auch Gründe, weshalb die Russen mit ihren Plänen erfolgreich sein könnten - vor allem wenn man die attraktiven politischen Anreize betrachtet, die Präsident Putin einem Gazprom-Angebot beilegen kann: dadurch erscheint jeder Wettbewerb mit einem nichtstaatlich geführten Unternehmen lächerlich.
Nigerias Präsident Umran Yar’ Adua sprach kürzlich sehr offen über sein Pläne, in Nigeria den Erdgassektor zu entwickeln (von dem der größte Teil derzeit durch Abbrennen verschwendet wird – wobei Russland kürzlich Nigeria in diesem Feld seltsamerweise überholt hat. Zu sehen, wie Putin mit Milliarden dabei zu Hilfe kommt, könnte unwiderstehlich sein.
Allerdings gibt es auch mehrere Gründe für uns, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Wir kennen andere Fälle von Gazproms strategischer „vorzeitiger Vertragsschließung“. Dabei verfolgt Gazprom in erster Linie nicht den Abschluss selbst, sondern will andere Parteien zu bestimmten Handlungen zwingen. Manche mögen sich daran erinnern, wie sehr die Italiener in Panik gerieten, als Gazprom eine Absichtserklärung mit dem algerischen Energieunternehmen Sonatrach unterzeichnete. Doch nachdem Eni-Chef Paolo Scaroni nachträglich sein Unternehmen zu Russlands größtem Gaskunden gemacht hat und nachdem der Kreml ihn irgendwie überzeugte, gestohlene Yukos-Anleihen zu kaufen, denen sich kein anderes Unternehmen auf zehn Fuß nähern wollte, löste sich die Absichtserklärung mit Algerien in Luft auf . Werden die Versprechen, Nigerias Gas zu übernehmen Wirklichkeit oder sucht Gazprom nur nach einer weiteren Einflussmöglichkeit gegenüber den Europäern?