Dank der Unterstützung einiger meiner russischer Kollegen, freut es mich, als erster und exklusiv die Übersetzung eines sehr wichtigen Interviews der Wirtschaftszeitung Kommersant mit Oleg Shvartsman von der FPG Finansgrupp anbieten kann. Die Informationen, die Oleg Shvartsman in einer beispiellosen Offenheit preisgibt, geben Aufschluss über die dunklen Finanzgeschäfte der Siloviki und er identifiziert Igor Sechin als den wichtigsten Mann in Russland (sogar noch mächtiger als Putin selbst). Das Interview gibt Auskunft über die staatlichen Geschäftsmethoden, von denen ich seit Jahren in Interviews und auf diesem Blog spreche: Shvartsman sagt, dass sie verschiedene freiwillige und Zwangsinstrumente einsetzen, um den Marktwert von Eigentum, welches sie stehlen wollen, in den Keller zu treiben, um dadurch eine "samtene Re-Privatisierung" zu betreiben.
Jeder, der den Mund zu voll genommen und behauptet hat, Putin habe Russland vor den Diebstählen der 1990er "gerettet", möchte vielleicht nach Lektüre dieses schockierenden Interviews seine Einschätzung überdenken.

Oleg Shvartsman: „Ich bin Miteigentümer und Präsident der Finanzindustriegruppe Finance Group - wir besitzen und verwalten Aktiva mit einem Wert von schätzungsweise 3,2 Milliarden US-Dollar.“
Der Chef der Finanzindustriegruppe Finance Group Oleg Schwarzman erzählte von einem von ihm betreuten Geschäft, an dem Verwandte der Mitglieder des Machtblocks innerhalb der Präsidentenverwaltung beteiligt sind, von der möglichen Schaffung des Staatsunternehmens „Soziale Investitionen” und von der Idee einer „samtenen Reprivatisierung”, die diese in die Tat umsetzen soll. Unser Korrespondent auf der Investitionskonferenz in Palo Alto (USA) Maxim Kwasche musste dies alles nur noch aufschreiben.
Unlängst ist das von Ihnen geleitete Unternehmen Finance Trust einer der drei Sieger des Russian-Venture-Company-Wettbewerbs geworden. Und es wird in Kürze eine Haushaltskofinanzierung für Venture Capital-Investitionen erhalten. Wie steht es mit der Kapitalbildung des Venture Capital Fonds?
Finance Trust bildet einige Fonds für Venture-Investitionen: einen gemeinsam mit Russian Venture Company (RVC) und fünf Regionalfonds. Die Regionalfonds – das sind das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Handel (MERT) plus die jeweiligen Regionen. 25 Prozent des Kapitals stellt das MERT, 25 Prozent kommen von den jeweiligen Regionen und 50 Prozent bringen wir über den Kapitalmarkt auf. Wir arbeiten mit fünf Regionen zusammen: mit den Gebieten Wolgograd, Woronesch und Samara sowie mit Tschuwaschien und Baschkirien. Wir werden die Fonds im Dezember schließen. Dies ist Teil einer Geschichte, die eigentlich schon vor der Schaffung von RVC begann, sie wird vom Direktor der staatlichen Wirtschaftsregulierungsabteilung im MERT, Andrej Scharow, geleitet. In den gemeinsamen Fonds mit der RVC werden wir unsere Gelder bis zum 30. November 2007 einbringen, dann wird die RVC uns ihre Hälfte überweisen. Unsere israelischen Kollegen (die Finanzgruppe Tamir Fishman – Kommersant) haben mit den verbliebenen Investoren entsprechende Verpflichtungserklärungen (Commitments) unterzeichnet. Am 30. November wird der Fonds „geschlossen“.
Wie steht es mit dem Projekt-Portfolio? Wann wird man von den ersten „geschlossenen“ Projekten (Projekte, bei denen eine Investitionsvereinbarung erzielt wurde) sprechen können?
Für die Auswahl der Investitionsprojekte haben wir ein Sonderprojekt ins Leben gerufen, das vorher ausgearbeitet wurde, die Venture.Ru-Website. Sie gehört uns. Wir machen daraus etwas Ähnliches wie den AIM [Alternative Investment Market] der Londoner Börse – einen Marktplatz für Hochtechnologien. Natürlich glauben wir nicht, dass die Projekte über dieses Portal von alleine auf uns zukommen. Wenn wir nicht in Marketing investieren, werden sie sicherlich nicht auftauchen. Wir planen, die breitest mögliche Pipeline für Projekte zu schaffen, mithilfe einer Vielzahl von Instrumenten. Die Hauptgesellschaft Finance Group verfügt über Standorte in 68 Regionen, dort wird jetzt sehr intensiv daran gearbeitet, einen steten Zustrom regionaler Projekte zu schaffen.
Außerdem hatten wir einen Grundstock an 4.000 Projekten vom Ministerium für Bildung und Forschung gekauft - inoffiziell, versteht sich. Das sind die Projekte, mit denen wir ursprünglich zu arbeiten begonnen hatten. Auch alles andere, was sich auf dem Markt bewegt oder auch nicht bewegt, versuchen wir in Richtung Venture.Ru zu lenken. Es besteht die echte Chance, es auf den westlichen Märkten zu platzieren – die Seite ist bereits vollständig ins Englische übersetzt, und gerade arbeiten wir an der deutschen und japanischen Fassung. Wir werden in Russland die Projekte sammeln und sie dann für ausländische Venture Capital-Investoren platzieren.
Wer wird die Projekte bewerten und wie?
Einen Flow von Projekten zu schaffen, ist ein mehrstufiger Prozess. Wir nutzen Forschungseinrichtungen und Hochschulen, aber auch das Portal Venture.Ru. Wir verfügen außerdem über Experten- und Investitionskomitees. Das Expertenkomitee wird aus russischen Fachleuten bestehen, die die wissenschaftliche Qualität der Projekte beurteilen werden, ohne darauf zu achten, ob sie auch in wirtschaftlicher Hinsicht attraktiv sind. Das Investitionskomitee wird hingegen ausschließlich die wirtschaftlichen Aussichten beurteilen. Im Expertenkomitee sind Fachleute aus dem Institut für Biochemie und dem Kurtschatow-Institut vertreten (einer unserer strategischen Schwerpunkte ist die Nanotechnologie). Ich will im Moment noch keine Namen nennen – besonders weil ich mir nicht alle merken kann. Meine Aufgaben im Unternehmen sind strategischer Natur – Geschäftsplanung, Bildung neuer Geschäftsstrategien. Also, in welche Richtung wollen wir uns entwickeln, mit wem sollen wir zusammenarbeiten. Die operativen Aufgaben liegen bei unseren israelischen Kollegen.
Ich hätte gedacht, die Projektauswahl sei eine strategische Aufgabe für einen Venture Capital Fonds ...
Ja, da haben Sie recht. Aber ich bin der Präsident unseres Unternehmens und Mitglied des Investitionskomitees. Wir haben einen Generaldirektor – das ist eine rein technische Figur, die in Kürze durch einen Kandidaten ersetzt wird, der gerade durch die Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung bestätigt wird. Bislang kann ich Ihnen keine Namen nennen – es sind einige Kandidaten im Rennen, die bei Delta Capital und Renaissance gearbeitet haben, alle mit einem europäischen oder amerikanischen Hintergrund. Aber dafür sind wiederum meine israelischen Kollegen zuständig, sie beurteilen die Fachleute nach ihren eigenen Kriterien.
Wurde das private Kapital für den Venture Fonds der Finance Trust nur von den Israelis gesammelt?
Ja, so war es von Anfang an. Er enthält kein russisches Geld - die Gelder stammen aus Europa, Israel und Amerika.
Und welche Aufgaben hat Finance Trust? Wie sind die Rollen zwischen Finance Trust und Tamir Fishman verteilt?
Unsere Aufgabe war es, den Sieg im Wettbewerb sicherzustellen und ein einsatzfähiges Team für die Startphase zu schaffen. Sobald das Geld da ist, wird dieses Team dann teilweise ersetzt werden. Mit anderen Worten, wir haben eine Kapsel geschaffen, die die Rakete in die Erdumlaufbahn befördert. Die weiteren fachspezifischen Aufgaben werden dann professionelle Manager erfüllen und wir werden uns weiter um die Strategie kümmern.
Das heißt, Sie haben beim MERT-Wettbewerb nicht das Team vorgestellt, das dann tatsächlich arbeiten wird?
Nein, nein. Es war dasselbe Team. Der Chef von Tamir Fishman, Eldad Tamir, war da, ebenso wie die Manager da waren, die sich eventuell beteiligen werden. Eldad selbst wird natürlich nicht die Leitung von Finance Trust übernehmen, das war von Anfang an klar. Er hat doch deutlich größere Dinge am Laufen. Im Grunde genommen haben wir Finance Trust wie ein Projektunternehmen gestartet, sodass selbstverständlich noch Änderungen im Stellenplan vorgenommen werden, aber keine wesentlichen.
Die Finanzindustriegruppe Finance Group ist nicht so bekannt. Als wir bei Kommersant von den RVC-Wettbewerbsergebnissen gehört haben, wussten wir alle nicht so genau, wer die Finance Group ist. Wir waren zum Beispiel überrascht, dass wir Spuren politischer Aktivitäten fanden. Wer kontrolliert die Gruppe? Welche Zahlen zur Geschäftstätigkeit können Sie uns nennen?
Finance Trust ist unsere Tochter, aber Venture Capital-Investitionen sind bei Weitem nicht unser Hauptbetätigungsfeld. Ich bin Miteigentümer und Präsident der Finanzindustriegruppe Finance Group - wir besitzen und verwalten Aktiva mir einem Wert von schätzungsweise 3,2 Milliarden US-Dollar. Aber ich selbst gehöre nicht zum operativen Management. Ich bin für Strategie, Politik und soziale Projekte zuständig.
Diese Zahl ist für ein wenig bekanntes Unternehmen sehr beeindruckend. Besitzen oder verwalten Sie die Aktiva?
Beides. Das ist tatsächlich ein recht komplexes Gebilde. Wir sind eng mit einigen politischen Persönlichkeiten verbunden und wir verwalten die Vermögenswerte für Sie. Wir haben Verbindungen zu der Präsidialverwaltung und zu ihrem Machtblock. Wir besitzen sehr wichtige Öl-Werte – die Russische Ölgruppe [Russkaja Neftjanaja Gruppa], deren Mitinhaber und Präsident ich bin, und andere Aktiva, wie zum Beispiel die Russische Diamantengruppe [Russkaja Almasnaja Gruppa] und die Russischen Werkzeugtechnologien [Russkie Instrumentalnyje Technologii]. Die Holding Russian Business Group [Russkaja Bisnes-Gruppa] ist in der Tat ein sehr bedeutendes Unternehmen.
Ist die tatsächliche Eigentümerstruktur bekannt?
Es gibt verschiedene Offshore-Unternehmen, auf Zypern und in anderen Ländern. Das sind nicht die Leiter der Präsidialverwaltung, sondern deren Familienmitglieder, hochrangige Persönlichkeiten. Es gibt aber auch „physische Personen“ – Leute, die damit eng verbunden sind, Mitglieder des Inlandsgeheimdienstes FSB und des Auslandsgeheimdienstes SWR.
Und welche weiteren politischen Verbindungen gibt es?
Wir haben eine politische Organisation namens „Union der sozialen Gerechtigkeit Russlands“. Ich war hier immer für Wirtschaft und Finanzen verantwortlich und habe diese Organisation finanziert. Diese Organisation wurde im Jahr 2004 geschaffen, nachdem Präsident Putin gesagt hatte, dass die Großunternehmen eine soziale Verantwortung gegenüber dem Staat haben. Damals haben unsere Kollegen aus dem FSB beschlossen, dass eine Organisation entstehen soll, die die ganzen Chodorkowskis überreden, überzeugen oder einschüchtern soll, um sie zu sozialen Aktivitäten zu bewegen ...
So eine Art „kollektiver Erpresser“?
Ja. Zu den Verwaltern gehörten alle Machtministerien: das Verteidigungsministerium, das Ministerium für Katastrophenschutz und natürlich das Innenministerium. Aber die Ausführenden und Direktoren wechselten, da es Konflikte gab, interne Meinungsverschiedenheiten. So hat zum Beispiel jemand einen Großunternehmer unter Druck gesetzt, dann führte dieser ein paar Telefonate durch und jeder begann zu sagen: „Stop, halt, warte“. Es wurde klar, dass dieses Instrument nicht greift, weil jeder Oligarch seine eigenen Verbindungen zu denselben Machtstrukturen hat. Daher wurde das Konzept leicht geändert, niemand wollte Streit, und uns wurde angeboten, eine neue Anwendungsmöglichkeit für diese Idee zu finden.
Und wann stellte sich heraus, dass dieses System nicht funktioniert, dass es Widerstand gibt? Was haben Sie unternommen, als ihnen diese Organisation übergeben wurde?
Als mir gesagt wurde, dass andere Finanzierungsformen gefunden werden müssen, haben wir für das Jahr 2005 einen Bedarf von 80 Millionen US-Dollar für die Realisierung sozialer Projekte angemeldet. 70 Prozent unserer sozialen Aktivitäten entfallen auf die Machtministerien – auf die Unterstützung von Witwen und Waisen. Es ist eine Nicht-Regierungsorganisation, aber wir geben unser Geld für soziale Belange innerhalb der Machtministerien aus. Die Ministerien stehen hinter uns ...
Und wie haben Sie es geschafft, die Gelder letztlich zu bekommen?
Wir entwickelten ein Konzept, das auf der Schaffung einer Partnerschaft mit denjenigen Persönlichkeiten basierte, die wir vorher versucht hatten, unter Druck zu setzen. Wir begannen, ihnen verschiedene Vorschläge zu machen, an deren Ende dann eine Zusammenarbeit stand. Die Russische Ölgruppe [Russkaja Neftjanaja Gruppa] zum Beispiel ist das Ergebnis von Bündnissen mit Rosneft, TNK und LUKOIL. Anfangs bestanden diese im Bereich Handel, aber dann begannen wir, kleine und mittlere Ölförderunternehmen zu kaufen. Mit anderen Worten, diese Unternehmen haben der Russischen Ölgruppe einen Teil ihres Absatzes abgetreten.
Wie hoch war Ihre Marge im Vergleich zum Marktpreis?
Nicht besonders hoch, ungefähr sieben bis zehn Prozent. Aber es war genug, um Geld zu verdienen. Und dann haben wir damit begonnen, dieses Geld für die Entwicklung ausgegeben.
Außerdem arbeiten die staatlichen Banken mit uns zusammen - ebenfalls aus politischen Gründen.
In welche Richtung beabsichtigen Sie sich zu entwickeln?
Wir entwickeln gerade eine Struktur, die in Kürze in ein Staatsunternehmen überführt werden wird, mit dem Namen „Soziale Investitionen“. Dies basiert auf dem Konzept der „samtenen Reprivatisierung“, das wir gemeinsam mit der Russischen Akademie des Staatsdienstes und der Akademie der Volkswirtschaft entwickelt haben, unter anderem auch im Interesse von Rosoboroneksport. Dies ist eine marktbasierte Form der Übernahme strategischer Vermögenswerte in Regionen, die vom Staat subventioniert werden. Wir sprechen von haushaltsbildenden oder Städte unterstützenden Aktiva, die sich im falschen Besteuerungssystem befinden.
„Falsch“? In welchem Sinne?
Der Gewinn wird aus der Region herausgenommen, das Management ist falsch oder es gibt einen Konflikt innerhalb des Unternehmens. Das sind Unternehmen, deren Gewinn irgendwo anders akkumuliert wird – in Russland oder im Ausland – und die verschiedene steuerliche Optimierungsmöglichkeiten nutzen. Der Staat hält dies im Moment für falsch, besonders da wir viele Regionen haben, die wirtschaftliche Unterstützung erhalten. Und eine unserer Aufgaben ist es, in solchen Regionen die Besteuerungsbasis zu vergrößern, damit die Renten und Gehälter der Staatsbediensteten rechtzeitig ausgezahlt werden können.
Und wie sieht dies in der Praxis aus?
Wie ein Staubsauger, der diese Vermögenswerte aufsaugt und sie in die Bilanz von Strukturen aufnimmt, aus denen dann später ein Staatsunternehmen hervorgeht. Danach werden sie offiziell über Ausschreibungen in die Verwaltung von Beteiligungsgesellschaften übergeben, in die Hände von professionellen Teams, die Gewinn generieren werden.
Sie haben also im Grunde ein Mandat, Corporate Raids durchzuführen und zu erzwingen?
Das hat nichts mit feindlichen Übernahmen und Corporate Raids zu tun. Wir übernehmen keine Unternehmen, wir minimieren den Marktwert mithilfe verschiedener Instrumente. In der Regel sind das freiwillige Zwangsinstrumente – der Marktwert, ein Mechanismus, der das Wachstum blockiert, und alle Arten von administrativen Angelegenheiten. Aber in der Regel verstehen die Leute, wo wir herkommen ... Tatsächlich reden wir von Konflikten, die gewöhnlich bereits irgendwo schwelen, die sich bereits im Zentrum der Aufmerksamkeit bestehenden Beteiligungsgesellschaften befinden. Dann müssen sie sich nur noch mit unseren älteren Kollegen einigen und zu einer Art Konsens kommen. Üblicherweise ist das die unterste Kante des Marktwertes. Aber wir sprechen hier nicht von der YUKOS-Übernahme – die Leute bekommen dafür vernünftiges Geld.
Sind die Leute zufrieden ... oder protestieren sie?
Sie protestieren nicht. Warum sollten sie? Wir leben ja alle ohne Personenschutz. Im Grunde genommen haben wir doch eine Staatsaufgabe zu erfüllen – alle verstehen, dass wir damit beauftragt wurden. Wenn wir es nicht machen, werden es andere tun, die auf die gleiche Weise die Konsolidierung der Aktiva in den Händen des Staates vollziehen werden. Das ist die heutige Staatspolitik.
Wer hat in letzter Zeit „nicht protestiert“?
Im Augenblick übernehmen wir gerade ein Chrom produzierendes Unternehmen im Gebiet Orenburg. Das ist einer der besten Produzenten russischen Chroms, die Nummer eins hinsichtlich EBITDA, die Nummer zwei hinsichtlich des Anteils am weltweiten Produktionsvolumen. Eine gewisse Zahl solcher Unternehmen ist in Russland noch vorhanden, sie sind beispielsweise für Rosoboroneksport von Interesse (hauptsächlich für die industrielle Nutzung), aber auch für andere Unternehmen, die als dem Staat angegliedert gelten, wie ALROSA zum Beispiel.
Und die Aktiva, die Sie für minimale Preise aufkaufen, werden diese unter anderem auch im Interesse von Rosoboroneksport erworben?
Ja. Aber bisher werden sie im Unternehmen Soziale Investitionen zusammengeführt, das entweder selbst zu einem Staatsunternehmen wird oder aber Rosoboroneksport angegliedert wird. Seine Aktiva sind im Moment wohl rund 800 Millionen US-Dollar wert. Das ist das investierte Geld, der Kaufpreis - der tatsächliche Marktwert dieser Aktiva ist aber deutlich höher. Viele von ihnen gehen jetzt mit fünf bis sechs Mal höherem Wert zum IPO. Alle IPOs werden übrigens in Russland stattfinden.
Welche Arten von Unternehmen betrifft dies zum Beispiel?
Der erwähnte Chromproduzent wird für 700 bis 800 Millionen US-Dollar an die Börse gebracht, und wir haben ihn für 300 Millionen US-Dollar erworben. Und die Werkzeuggruppe [Instrumentalnaja Gruppa], falls wir sie nicht an Siemens verkaufen ... Das sind fünf Unternehmen, die Werkzeuge herstellen – verschiedene Muttern und Schrauben, Schraubschlüssel, Bohrer und Ähnliches. Die Gruppe kontrolliert im Moment 60 Prozent des Marktes.
Und wo kommen die Leute her, die diese Übernahmen durchführen?
Wir haben gerade viele von ihnen. Erstens ist der Moskauer Markt für Corporate Raids stark geschrumpft - dort gibt es nichts zu tun. Einer kam von Rosbuilding, ein anderer noch woanders her ... Die Leute werden über die Gehaltsschecks und Boni motiviert, wie überall. Eine Gewinnbeteiligung ist nicht vorgesehen. Dies ist Teil eines Trends - für den Staat zu arbeiten, nicht mehr für den Handel. Aber gutes Geld verdienen natürlich alle.
Und inwiefern hilft Ihnen der Staat bei dieser Arbeit?
Wir verfügen über bislang noch nicht genutzte Ressourcen, zum Beispiel den Veteranenrat des Innenministeriums, Leute die früher für die Abteilung zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität und die Abteilung zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität gearbeitet haben. 600.000 Menschen quer über das ganze Land! Sie führen eine intensive Analyse durch, sie schauen sich verschiedene Unternehmen in verschiedenen Regionen an, die sich in verschiedenen Stadien der Unternehmensbeziehungen befinden. Sie suchen nach Gelegenheiten, illoyalen Eigentümer zu verdrängen, mittels Green Mail oder durch die Zusammenarbeit mit Minderheitseigentümern.
Gemeinsam mit ihnen bauen wir übrigens gerade eine Sammelstruktur auf, die gemäß unseren Plänen nicht weniger als 30 bis 40 Prozent des Marktes in allen Regionen des Landes abdecken wird. Sie wird vorbeugende Maßnahmen ergreifen, um Finanzkriminalität zu verhindern, zum Beispiel das Problem nicht zurückbezahlter Kredite. In anderen Worten, eine „Hard Collection“ betreiben. Wenn klar ist, dass eine Person einen Kredit nicht zurückzahlt, dann muss man einschreiten, es werden aber nicht Leute mit Schlagstöcken vorfahren, sondern ehemalige Mitarbeiter des Innenministeriums (MWD) mit großer Erfahrung in Ermittlungsmaßnahmen und mit hilfreichen persönlichen Kontakten werden vorbeikommen.
Unser Plan, diese Sammelorganisation zu gründen – die mächtigste im ganzen Land - wurde bereits vom Leiter des Veteranenrates des Innenministeriums, Generaloberst a. D. Iwan Schilow, gebilligt. Unsere Aufgabe im Rahmen dieses Projektes ist es, nicht zuzulassen, dass ehemalige Mitarbeiter des MWD in kriminelle Strukturen abrutschen, wir helfen dabei, dass sie eine Stelle finden.
Und wer gab Ihnen diesen Auftrag?
Die Partei! (Er lacht.) Die Partei – das ist für uns der Machtblock, an dessen Spitze Igor Iwanowitsch Setschin steht. Wir haben ein echtes Problem: 600.000 Menschen, die den ganzen Tag nichts tun und nach einer Möglichkeit Ausschau halten, Geld zu verdienen. Das birgt ein sehr großes Risiko. Eine Bedrohung für die Sicherheit, die Stabilität der Gesellschaft. Auf diese Weise geben wir Ihnen etwas zu tun.
Die Strukturen des Innenministeriums lassen zu, dass ehemalige Mitarbeiter mit einer kolossalen Erfahrung im operativen Geschäft durch Kriminelle für äußerst verschiedene Ziele und Zwecke benutzt werden. Und obwohl es schwerlich noch Banditen im klassischen Sinne gibt, gibt es immer noch Geldwäsche, Terrorismus, Wirtschaftskriminalität – und zwar in erster Linie Wirtschaftskriminalität.
Es ist etwas überraschend, wie viel breiter Ihre Tätigkeit ist, sie geht weit über Venture Capital-Investitionen hinaus. Wozu dann das Venture-Geschäft?
Venture ist für uns nur ein Nebengeschäft, wir betreiben dies nicht sehr ernsthaft ... Aber es gibt auch einen staatlichen Auftrag, das Investitionssegment zu entwickeln, Russland aus einem Rohstoffproduzenten in eine fortschrittliche innovative Großmacht zu verwandeln. Dazu tragen wir bei.
Und die israelischen Kollegen von Tamir Fishman nehmen Ihr Parallelgeschäft gelassen hin?
Das hat nichts mit ihnen zu tun. Es ist für sie im Gegenteil bequemer und angenehmer, wenn wir ihnen viele Freiheiten in operativer Hinsicht gewähren. Sie machen die Arbeit und wir schaffen die Möglichkeiten.
Welche weiteren Pläne haben Sie?
Der Wettbewerb für die Verwaltung von Investitionsressourcen – die Aktiva des staatlichen Investitionsfonds - rückt näher. Ich denke, dass Finance Trust sich daran beteiligen wird und Fonds für Direktinvestitionen schaffen wird. Wir haben einige hübsche Ideen für Branchenunternehmen, die wir konsolidieren wollen, aber im Grunde genommen ist dies mehr oder weniger die gleiche Art des Aufkaufs von Unternehmen, wie wir es für „Soziale Investitionen“ getan haben. Aber darüber werden wiederum unsere älteren Kollegen entscheiden.
Sind das „hübsche Ideen“ oder Aufgaben, die Ihnen „die Partei erteilt hat“?
Sie erteilen uns eigentlich gar nicht wirklich Aufgaben. Es ist eher so, dass ich vorbeikomme oder eine Notiz schreibe, in der steht, dass im Rahmen der Realisierung eines nationalen Projektes oder einer Initiative es sinnvoll wäre, wenn sich unser Unternehmen an dieser oder jener Sache beteiligen würde.
Und diese Notiz schicken Sie direkt an Igor Setschin?
Dort gibt es auch andere Leute, wie zum Beispiel Walentin Iwanowitsch Warennikow. Er ist Abgeordneter der Staatsduma, Präsident des Leitungsgremiums der Union der Helden Russlands und hat noch viele andere Posten inne. Für uns ist er das Verbindungsglied bei der Kommunikation mit Herrn Setschin. Außerdem ist Herr Warennikow ein Mensch mit hohen Prinzipien, mit einem eigenen Standpunkt ... Er ist der geistige Führer der Union der sozialen Gerechtigkeit. Und er unterstützt unsere Idee der „samtenen Reprivatisierung“. In vollem Umfang.
Kommersant № 221(3797) vom 30.11.2007