Interview mit dem Meinungsforscher Lew Gudkow über das verzerrte Demokratieverständnis ion seiner Heimat un die geringe Sympatie für Putin in der Frankfurter Rundschau. Gudkow ist Direktor des Lewada-Zentrums, des letzten unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Russlands.
Lew Gudkow
Herr Gudkow, Präsident Putin, der am Sonntag als Spitzenkandidat der Partei Geeintes Russland bei der Parlamentswahl antritt, hat nicht nur bei kremlgesteuerten Meinungsforschungsinstituten traumhafte Umfragewerte, sondern auch bei Ihnen.
In der Tat - bis zu 85 Prozent der Befragten billigen Putins Amtsführung.
Wie erklären Sie sich die hohe Zustimmung?
Putins Hauptressource ist seine Wiederherstellung russischer Großmacht und seine Kritik am angeblichen Chaos der Jelzin-Zeit. Tatsächlich profitiert er von den marktwirtschaftlichen Reformen Jelzins, die erst unter ihm positive Resultate zeigten - zusammen mit dem rasanten Anstieg der Preise für Öl und Gas. Das hat Stabilität gebracht. Doch die Zustimmung zu Putin ist lediglich vordergründig. Nur fünf Prozent sagen, dass Putin sie begeistert, nur weitere 30 Prozent, dass sie ihn sympathisch finden. Der Rest sieht ihn neutral oder negativ.
Und wie beurteilen die Russen Putins Politik?
Nur 24 Prozent glauben, dass er die Interessen einfacher Bürger vertritt - dagegen sagen 39 Prozent, er kümmere sich vor allem um Geheimdienst, Armee und Polizei. Auch wenn wir fragen, was Putin konkret erreicht hat, sind die Resultate bescheiden. Nicht einmal ein Drittel der Befragten glaubt, dass Putin in den vergangenen acht Jahren die Probleme des Landes gelöst hat: vom Kampf gegen Korruption und Verbrechen bis zu Tschetschenien. Zwei Drittel der Befragten hoffen, dass Putin in Zukunft mehr gelingt oder sagen, dass es ja außer Putin niemand gibt, auf den man hoffen könne - eine Folge der Kreml-Propaganda, die im meinungsmachenden Fernsehen nur noch Putin zeigt.
Was gefällt an Putin denn besonders?
Die Außenpolitik. Putin habe Russland seinen Rang als Weltmacht zurückgegeben. Sein aggressiver, mitunter erpresserischer Stil gegenüber anderen Ländern kommt bei vielen Russen sehr gut an.
Die Kreml-Partei Geeintes Russland versucht den Eindruck zu erwecken, dass die Russen am Sonntag mit Begeisterung ins Wahllokal gehen.
Das ist Propaganda. Nur ein Drittel der Befragten glaubt an eine echte Wahl. Fast 50 Prozent halten die Duma-Wahl für eine Imitation politischen Kampfes und sind überzeugt, dass die Plätze im Parlament nicht an der Wahlurne, sondern im Kreml vergeben werden. 85 Prozent sagen uns, dass sie den Wahlkampf überhaupt nicht oder nur mit geringem Interesse verfolgen. 60 Prozent reden nicht mal mit Bekannten oder ihrer Familie über die Wahl - so gering ist das Interesse.
Warum wollen dann trotzdem viele Russen ihr Kreuz bei der Kreml-Partei machen?
Weil Wahlen bei uns eine grundsätzlich andere Funktion haben als im Westen. Bei Ihnen geht es um echte politische Konkurrenz, um unterschiedliche politische Konzepte, denen die Bevölkerung zustimmt oder die sie ablehnt. In Russland sind Wahlen eine pure Formalität, eine Zeremonie der Legitimierung der Partei, die ohnehin an der Macht ist. In den 90er Jahren haben viele Russen erst die Kreml-Partei Demokratisches Russland gewählt. Als die durch Unser Haus Russland ersetzt wurde, ging die Unterstützung auf diese über. Heute ist es das Geeinte Russland.
Und das, obwohl die Partei kein Programm hat und sich in Phrasen erschöpft?
Darum geht es nicht. Die meisten Russen sehen den Staat weiterhin als Versorger. Bis zu 70 Prozent erwarten, dass der Staat ihre sozialen Probleme löst, ihnen Job und Wohnung, Rente und Kindergeld garantiert. Dass kann aus der Sicht der Mehrheit das Geeinte Russland am besten, da es eh schon an der Macht ist. Viele Russen haben zu dieser Einstellung auch keine Alternative…
Warum ?
Weil immer noch zwei Drittel aller Russen in Dörfern oder kleinen Städten wohnen und kaum etwas vom Fortschritt mitbekommen, der in Moskau oder Petersburg selbstverständlich ist. In Dörfern und Kleinstädten ist die Struktur der Sowjetzeit fast unverändert. Der Staat stellt Schulen und Krankenhäuser, oft auch die einzige Fabrik, Ausweichmöglichkeiten gibt es nicht. Also stimmen die Leute für diejenigen, die diese Struktur aufrechterhalten oder zurückbringen sollen, falls sie schon zerfallen ist. Aber die Erwartungen sind außerordentlich gering.
Selbst an Putin und die Kreml-Partei?
Ja. 83 Prozent der Befragten glauben, dass sie ohnehin nicht auf Entscheidungen in Moskau einwirken können - und drei Viertel, dass sie das nicht einmal bei sich zu Hause können. Die meisten Russen glauben, dass die Wahl ihr Leben nicht zum Besseren verändert.
Wie hoch wäre denn das Stimmpotenzial für demokratische Parteien, wenn sie denn ungehindert an der Wahl teilnehmen könnten?
Nicht höher als fünfzehn Prozent. Die meisten Russen haben eine verzerrte Vorstellung davon, was Demokratie in Wahrheit ist, und können sich nicht vorstellen, dass an der Macht befindliche Gruppen oder Personen tatsächlich kontrolliert werden können.
Warum gibt es denn in anderen Staaten Osteuropas echte demokratische Wahlen?
Weil dort echte Revolutionen stattgefunden haben, bei denen mit dem Kommunismus auch die wirtschaftlichen und staatlichen Strukturen geändert wurden. In Russland gab es keine Revolution, und die Sowjetstrukturen - etwa Armee, Geheimdienste, Gerichte sind bis heute höchstens kosmetisch verändert. Außerdem werden 35 Prozent aller Führungspositionen heute von KGB-Veteranen oder anderen Uniformträgern besetzt, die zuerst die Macht in Moskau, dann in den Regionen und dann die Geldströme unter ihre Kontrolle gebracht haben. Bei diesem Prozess ist das wenige, das an Demokratie und Kontrolle aufgebaut worden war, wieder beseitigt worden. Doch der Glaube an die Macht und die Identifikation mit ihr ist in Russland stärker und hartnäckiger, als wir dies am Ende der Sowjetunion geglaubt haben.
































































