Die Kölner Rundschau veröffentlichte am 25.9. ein Interview mit Putin-Kritiker Garri Kasparow:
Sie verlangen von der EU eine härtere Haltung gegenüber Moskau. Wie soll die aussehen?
Wir brauchen keine Unterstützung von außen. Was wir nicht gebrauchen können, ist die uneingeschränkte Unterstützung für Putin. Wir versuchen, die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass Russland keine Demokratie ist, sondern ein autoritäres Regime an der Grenze zur Diktatur. Und dann sehen die Menschen die Bilder: Putin mit Bush, Blair, Schröder. Putin in der G 7. Dabei agiert er wie (der simbabwische Präsident) Mugabe.
Der Westen sollte Putin ächten wie die Briten Robert Mugabe ächten?
So einfach ist das natürlich nicht. Russland ist nicht Simbabwe. Aber der Westen müsste mehr in der Richtung tun. Man macht ja auch Geschäfte mit China, aber keiner behandelt China als Demokratie. Schröder hat mit seinem „lupenreinen Demokraten“ Putin eine erstklassige Waffe gegen uns geliefert.
Wie soll der Westen dem neuen russischen Imperialismus entgegen treten?
Das ist ein Mythos. Putin ist alles, aber kein Imperialist. Der Einfluss des russischen Staates ist ihm egal, er interessiert sich nur für den Einfluss von Gasprom und Rosneft. Es geht ums Geschäft, nicht um ein Reich. Die Ideologie der Kunden ist gleich. Was zählt, ist der Ölpreis. Alles, was den in die Höhe treibt, ist gut: Spannung im Nahen Osten, Atomtechnik für Iran, selbst Ärger mit Nordkorea. Putin verhält sich wie ein Mafia-Pate, seine Kumpels kontrollieren immer mehr Staatsfirmen.
Was soll die Ernennung von Wiktor Subkow zum Premier?
Eine Familienangelegenheit. Subkow gehört zum inneren Freundeskreis in St. Petersburg. Putin hält sich jetzt an seine engsten Vertrauten. Ich sage schon lange: Vergesst Iwanow und Medwedew, die Frontfiguren und angeblichen Hauptkandidaten. Putin ist ein KGB-Mann. Alles, was er tut, ist Geheimoperation. Das ändert er nicht ausgerechnet bei der wichtigsten Entscheidung seines Lebens. Er wird jemanden aussuchen, dem er total vertraut - soweit es das in der Mafia gibt.
Sie sind unter Druck gesetzt und festgenommen worden. Wie ist Ihre Situation jetzt vor den Wahlen?
Wir versuchen, das „Andere Russland“ bei den Wahlen zugelassen zu bekommen. Das wird kaum klappen, aber wir wollen den Leuten zeigen: Es gibt eine Alternative. Was die Präsidentschaftswahlen anlangt, muss man warten, bis Putin seinen Kandidaten benannt hat. Vielleicht sehen wir klarer, wenn er am 2. Oktober auf dem Kongress des Vereinten Russland gesprochen hat.
Die russische Wirtschaft läuft besser denn je. Wie wollen Sie da Erfolg haben?
Die läuft nur auf Staatsebene gut. Was die Lebensbedingungen anlangt, ist das Land geteilt: 85 Prozent auf der einen, 15 auf der anderen Seite. Der Minderheit geht es gut, die haben die Firmen, die Luxusautos, die dicken Häuser. Aber jenseits der Innenstädte von Moskau und Petersburg liegt ein anderes Land. Russland wird in den nächsten zwei Jahren trotz der Öleinnahmen eine wirtschaftliche Krise durchmachen. Es gibt keine wirklichen Investitionen, selbst der Bankensektor ist wegen der steigenden Zahl fauler Kredite verwundbar. Die Lage ist wackelig. Dies Regime wird die nächsten Wahlen 2012 nicht mehr erleben. Es wird in der Mitte der Legislatur zusammenbrechen.
Wodurch?
Selbst wenn der Ölpreis so hoch bleibt wie jetzt - das ganze Geld kommt ja nicht an. Es verschwindet einfach. Wohin, kann man von Riga bis London besichtigen. Im kommenden Winter wird Russland nicht einmal genug Gas haben, das muss man sich vorstellen! Sie haben zuviel verkauft, für den Eigenbedarf reicht es nicht mehr. Die Krise wird aber nicht nur wirtschaftlich und sozial sein, sondern auch politisch. Auch wenn Putin die eigenen Leute an die Macht bringt, wird es Kämpfe zwischen den verschiedenen Gruppierungen geben.

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