September 2007 Archives

Präsident Putin hat im September gezeigt, dass er alle Fäden in der russischen Politik in der Hand hält. Der Kreis seiner Vertrauten wird jedoch immer enger und abgeschlossener, meint Ingo Mannteufel, Leiter der Russischen Online-Redaktion der Deutschen Welle.

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Wer bislang noch kleinste Zweifel hatte, dass Putin der unumschränkte Herrscher in Russland ist, wurde im September eines besseren belehrt: Mitten in den vom Kreml dirigierten Vorbereitungen der Parteien zu den Duma-Wahlen im Dezember setzte Präsident Putin einen neuen Ministerpräsidenten und eine neue Regierung ein. Deutlicher konnte er nicht klar machen, dass die Duma-Wahl keinen Einfluss auf den politischen Kurs Russlands haben wird. Sie dürfte zu einer völligen Farce verkommen.

Einschränkung des politischen Raums

Schon seit langem war klar, dass es vor den Duma-Wahlen zu keinem fairen politischen Wettbewerb zwischen Parteien und Politikern um die besseren Ideen für die Zukunft in Russland kommen würde. Der Raum für unterschiedliche politische Vorstellungen und Meinungen ist in den russischen Medien, insbesondere im Fernsehen, begrenzt.

Zudem hat die neue, äußerst restriktiv wirkende Wahl- und Parteiengesetzgebung die politische Vielfalt noch weiter eingeschränkt. Letztendlich gibt es nur noch eine große starke Pro-Präsidenten-Partei sowie zwei kleinere Pro-Präsidenten-Parteien und eine faktisch angepasste Kommunistische Partei. Von den vielen Parteien und Politikern in Opposition zum Kreml werden nur ganz wenige geduldet. Ihre Chancen, dass sie über die neu eingeführte Sieben-Prozent-Hürde kommen, sind gegenwärtig gering.

Politikfreier Wahlkampf

Mit der Einsetzung einer neuen Regierung unter dem neuen Premierminister Viktor Subkow ist die Auseinandersetzung über die konkreten politischen Vorhaben endgültig auf Null reduziert worden. Denn in der neuen alten Regierung fehlen ausgerechnet die drei Minister, deren bisherige politische Arbeit in der ansonsten so apolitischen russischen Gesellschaft noch für Zündstoff im Wahlkampf hätte sorgen können: Gesundheits- und Sozialminister Surabow, Wirtschaftsminister Gref und der Minister für regionale Entwicklung, Jakowlew. Der neue Premierminister Subkow kann nun mit leichter Hand jeglichen Unmut an der vorherigen Regierung von sich weisen oder sogar - wie kürzlich im Fernsehen gezeigt - seine Kritik in scharfer Form äußern.

Politische Diskussionen über die besseren Ideen für die Zukunft der russischen Gesellschaft - das Kennzeichen von Wahlkämpfen in Demokratien - sind unter diesen Bedingungen nicht möglich. Es stellt sich daher tatsächlich die Frage, wozu sich Millionen von Russen am 2. Dezember - an einem sicherlich eisigen Wintertag - aufmachen sollen, um auf Wahlzetteln Kreuze zu machen. Einen Einfluss auf die Politik im Lande und die politischen Führung hat das Wählen in Russland nicht.

Verschlossener Zirkel der Macht

Doch mit der Einsetzung einer neuen Regierung ist nicht nur deutlich geworden, dass von Politik im Sinne eines breiten und offenen Austausches der Gesellschaft über die eigene Zukunft in Russland nicht mehr gesprochen werden kann.

Vielmehr zeigt die Zusammensetzung der neuen Regierung, dass der Zirkel der Mächtigen in Russland immer enger und familiärer wird: Anatoli Serdjukow, der Schwiegersohn des neuen Ministerpräsidenten Viktor Subkow, bleibt Verteidigungsminister; Tatjana Golikowa, die neue Gesundheits- und Sozialministerin, ist die Ehefrau vom Minister für Industrie und Energie, Viktor Christenko, und der alte Putin-Vertraute Dmitri Kosak kehrt aus dem Nordkaukasus als neuer Minister für regionale Entwicklung zurück. Die Regierung ähnelt so immer mehr einem alten Familien- und Freundeskreis, auch wenn das nicht unbedingt heißen muss, dass sich alle verstehen und mögen.

In allgemeiner Hinsicht begünstigt Vetternwirtschaft Korruption und persönliche Bereicherung. Doch selbst wenn das hier nicht der Fall sein sollte, dokumentiert diese Kaderauswahl noch etwas ganz Anderes: Die regierende Elite im Kreml um Präsident Putin vertraut immer weniger Menschen. Sie verschließt sich und nimmt eine Wagenburgmentalität an. Unter solchen Bedingungen sind neue Ideen eher unwahrscheinlich, die Innovationskraft läßt gewaltig nach. Stattdessen tritt die eigene Machtsicherung ins Zentrum aller Aufmerksamkeit. Wie lange so etwas gut gehen kann, sollte die eigentliche Frage der Kremlologen und Polittechnologen sein, auch wenn die gegenwärtig lieber über den Namen des künftigen Präsidenten spekulieren.

Das Handelsblatt meldet:

Der britisch-niederländische Energiekonzern Shell erschließt gemeinsam mit dem russischen Konkurrenten Tatneft Ölfelder in der Wolga-Region. Dabei gehe es um Schwerölvorkommen in der russischen Republik Tatarstan, teilten beide Unternehmen mit. Einen entsprechenden Vertrag hätten sie bereits unterzeichnet.
(Handelsblatt vom 28.9.07, Seite 20)

Putin demontiert Wirtschaftsressort

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Nach der Regierungsumbildung in Russland: Die Kompetenzen werden sortiert - Die neue Wirtschaftsministerin gilt als kompetente, aber farblose Technokratin.

Russlands neue Wirtschaftsministerin Elwira Nabiulina kann sich auf lange Stunden in Regierungsflugzeugen einstellen: Ihr neuer Chef, Premier Wiktor Subkow, hat seit seinem Amtsantritt bereits bewiesen, dass er die Mitglieder des Kabinetts gerne auf Dienstreisen in die russische Provinz schickt. Dazu wird die neue Ministerin genug Zeit haben - denn ihr Ministerium soll Kompetenzen in erheblichem Umfang verlieren.

"Sie wird den Niedergang des Ministerium überwachen und verwalten", sagt Stanislaw Belkowski vom Rat für nationale Strategie in russischen Medien. "Das Wirtschaftsressort schrumpft zu eine Art beratende Behörde", erwartet ein Banker in Moskau. Präsident Wladimir Putin hatte bei der Vorstellung des neuen Personal-Tableaus klar gemacht, dass die Funktionen des Ministeriums "angepasst" werden sollten. "Hinter den Kulissen wird jetzt um Geld und Zuständigkeiten gerungen", heißt es in diplomatischen Kreisen in Moskau.

Nabiulinas eloquenter und telegener Vorgänger German Gref hatte sein Land als liberales Aushängeschild bei den großen Treffen in Davos, London oder New York vertreten. Gleichzeitig hatte er den Machtbereich seines Ministeriums kontinuierlich ausgebaut. Der Putin-Gefolgsmann aus Petersburger Tagen machte aus dem einst eher unbedeutenden Ressort eine Superbehörde, der es mit zunehmendem Einfluss des Staates auf die Wirtschaft aber auch an Effizienz mangelte.

Aus Perspektive ausländischer Investoren wurde das Ministerium für viele Vorhaben zum Flaschenhals. Von einem Antreiber der Liberalisierung habe sich das Ministerium selbst zum Investor gewandelt, kritisiert Alexander Branis, Direktor von Prosperity Capital Management, einem der größten ausländischen Investitionsfonds in Russland. In Moskau wird kolportiert, Gref sei in seinen letzten Amtstagen damit beschäftigt gewesen, ausstehende Unterschriften im Akkord zu leisten.

Ganz im Gegensatz zu Gref scheint Nabiulina regelrecht öffentlichkeitsscheu zu sein. Ihr Leumund ist dafür untadelig: Sie gilt als Analytikerin, die als das "Hirn" hinter den liberalen Wirtschaftsreformen der ersten Putin-Jahre stand. Die in Ufa Geborene ist in der Moskauer Finanzwelt keine Unbekannte, wirkte bisher aber vor allem hinter den Kulissen. Fondsmanager Brandis hatte sie bei Debatten über die Öffnung des Strommarktes schätzen gelernt: "Im Gegensatz zu vielen russischen Beamten ist sie sehr gradlinig und scheut nicht davor zurück, ihre Meinung zu sagen."

"Offensichtlich haben sich Gref und Vizepremier Dmitrij Medwedjew bei dieser Personalie durchgesetzt", sagt Andrej Scharanow, auch er ein ehemaliger Vize im Wirtschaftsministerium, der nun im Aufsichtsrat der Investmentbank Troika Dialog sitzt. Nabiulina werde garantieren, dass sich die grundsätzliche Ausrichtung der Wirtschaftspolitik nicht ändere, erwartet Scharonow.

Die Aufsicht über den staatlichen Investitionsfond jedenfalls muss Nabiulina an Dmitrij Kosak, den neuen Minister für regionale Entwicklung abgeben. Mit Hilfe des Fonds, der bis 2009 mit rund 12 Mrd. Dollar ausgestattet sein wird, will die russische Regierung große Infrastrukturprojekte stemmen, gemeinsam mit privaten Investoren.

Zudem bekommt das Wirtschaftsministerium einen "Aufpasser": Alexej Kudrin, Finanzminister und neu ernannter Vize-Premier wird über das Ressort wachen - ein weiteres Anzeichen dafür, dass die neue Ministerin nicht für eine herausragende Rolle vorgesehen ist. Analysten erwarten, Nabiulina werde vor allem die Kompetenz für den Außenhandel behalten und das Ministerium zu einer Art "Think Tank" umformen. Ihr neues Verantwortungsgebiet kennt sie jedenfalls schon lange: Bereits 1994 trat sie in die Dienste des Ministeriums, das aus der ehemaligen sowjetischen Planbehörde Gosplan hervorgegangen war. Vier Jahre später gestattete sie sich einen kurzen Ausflug in die Privatwirtschaft, kehrte aber 1999 wieder zurück, um Putins Wirtschaftspolitik zu formulieren.

Wenig später wechselte sie auf den Chefsessel des Center for Strategic Research. Im Jahr 2006 ist sie bereits wieder im Ministerium und leitet unter anderem die Kommission zur Vorbereitung auf die G8-Präsidentschaft Russlands. Sie sei ein Experte - kein Manager,
heißt es in Moskau. Vielleicht ist sie daher auch ganz froh, wenn sie eine weniger prominente Rolle spielen kann als ihr Vorgänger.


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(Ein Artikel aus dem Handelsblatt vom 28.9.07, Seite 10)

Gesetz verbietet Kritik an Putin

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Nachdem Mitte letzten Jahres das Gesetz zum Schutz gegen "Extremismus" ausgeweitet wurde, wird nun der Russische Publizist Gesetz Andrej Piontkowski das erste prominente Opfer. Sein Vergehen: Veröffentlichung eines putinkritisches Buches. Die mögliche Strafe: Bis zu 15 Jahren Lagerhaft.

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Andrej Piontkowski

In einem Gesinnungsprozess ist der russische Politologe und Publizist Andrej Piontkowski angeklagt, sich des "Extremismus" schuldig gemacht zu haben. Sein Vergehen: Piontkowski soll in seinem kürzlich veröffentlichten, putinkritischen Buch "Das ungeliebte Land" zu nationalem Hass aufgerufen und Hass gegen das amerikanische, jüdische und russische Volk geschürt haben. Sollte er verurteilt werden, drohen ihm 15 Jahre Lagerhaft.

Angeklagt ist der Publizist vor dem Moskauer Basmanny-Gericht, das mit seinen Urteilen im Prozess um den Yukos-Konzern traurige Berühmtheit erlangt hat. Bei dem Buch handelt es sich um Artikel, die Piontkowski, einer der scharfsinnigsten Analytiker des modernen Russland, in den Jahren 2005 und 2006 veröffentlicht hat. Scharf kritisiert er darin die Politik von Präsident Putin.

Piontkowski weist die Extremismus-Vorwürfe zurück. "Eine blödsinnige Anschuldigung", sagte er im Gespräch mit der WELT. In seinem Buch gebe es keine einzige Textstelle, mit der sich die Beschuldigungen belegen ließen. Tatsächlich hat sich Piontkowski im Verlauf der beiden Jahre scharfzüngig zahlreicher innenpolitischer Themen angenommen, auch der Kremlchef wird darin mit viel Ironie bedacht. Extremismus, Aufforderungen zu Gewalt und nationalem Hader gibt es darin nicht.

Im Juli vergangenen Jahres wurde das Anti-Extremismus-Gesetz deutlich verschärft, die Liste der Handlungen, die als extremistisch eingestuft werden, ausgeweitet. Dazu gehört unter anderem die "öffentliche Verleumdung" von Vertretern der Staatsmacht oder die "Erniedrigung der nationalen Würde". Das Gesetz, so die Einschätzung der Opposition, sei in erster Linie gegen sie gerichtet.

Der Prozess bestätige nun diese Befürchtungen, sagte Piontkowski. Auch gegen Autoren wie Julia Latynina oder Viktor Schenderowitsch werde mit der gleichen Begründung ermittelt. "Zur Stalin-Zeit gab es das Gesetz über konterrevolutionäre Agitation. Zur Zeit Breschnews das Verbot, Ansichten zu verbreiten, die den sowjetischen Gesellschaftsaufbau beschädigen könnten. Millionen Menschen wurden in den 30er-Jahren eingesperrt, ebenso die Dissidenten bei Breschnew. Jetzt, in der Zeit Putins, haben wir den Extremismus", meint der Publizist.

Der Versuch, ihn abzuurteilen, sei allerdings am Dienstag im ersten Anlauf fehlgeschlagen. Der Vertreter der Anklage habe auf die Frage seines Anwalts, wo in dem Buch von Gewalt, Vernichtung oder Mord die Rede sei, keine Antwort geben können. Eigentlich hätte der Prozess damit beendet sein müssen. Aber "bei uns gibt es keine unabhängigen Gerichte, die Richterin wäre für die Nichterfüllung ihres Auftrags bestraft worden". Also habe sie getan, was in solchen Fällen noch bleibt. Sie ordnete ein neues Gutachten an.

Das war ein wichtiger Erfolg zumindest für die Jabloko-Partei, deren Führung Piontkowski angehört. Wäre das Buch vom Gericht als extremistisch eingestuft worden, hätte Jabloko als Herausgeber nicht mehr an der Parlamentswahl teilnehmen können.

Ein Artikel aus der Welt.

Die Kölner Rundschau veröffentlichte am 25.9. ein Interview mit Putin-Kritiker Garri Kasparow:

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Sie verlangen von der EU eine härtere Haltung gegenüber Moskau. Wie soll die aussehen?

Wir brauchen keine Unterstützung von außen. Was wir nicht gebrauchen können, ist die uneingeschränkte Unterstützung für Putin. Wir versuchen, die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass Russland keine Demokratie ist, sondern ein autoritäres Regime an der Grenze zur Diktatur. Und dann sehen die Menschen die Bilder: Putin mit Bush, Blair, Schröder. Putin in der G 7. Dabei agiert er wie (der simbabwische Präsident) Mugabe.

Der Westen sollte Putin ächten wie die Briten Robert Mugabe ächten?

So einfach ist das natürlich nicht. Russland ist nicht Simbabwe. Aber der Westen müsste mehr in der Richtung tun. Man macht ja auch Geschäfte mit China, aber keiner behandelt China als Demokratie. Schröder hat mit seinem „lupenreinen Demokraten“ Putin eine erstklassige Waffe gegen uns geliefert.

Wie soll der Westen dem neuen russischen Imperialismus entgegen treten?

Das ist ein Mythos. Putin ist alles, aber kein Imperialist. Der Einfluss des russischen Staates ist ihm egal, er interessiert sich nur für den Einfluss von Gasprom und Rosneft. Es geht ums Geschäft, nicht um ein Reich. Die Ideologie der Kunden ist gleich. Was zählt, ist der Ölpreis. Alles, was den in die Höhe treibt, ist gut: Spannung im Nahen Osten, Atomtechnik für Iran, selbst Ärger mit Nordkorea. Putin verhält sich wie ein Mafia-Pate, seine Kumpels kontrollieren immer mehr Staatsfirmen.

Was soll die Ernennung von Wiktor Subkow zum Premier?

Eine Familienangelegenheit. Subkow gehört zum inneren Freundeskreis in St. Petersburg. Putin hält sich jetzt an seine engsten Vertrauten. Ich sage schon lange: Vergesst Iwanow und Medwedew, die Frontfiguren und angeblichen Hauptkandidaten. Putin ist ein KGB-Mann. Alles, was er tut, ist Geheimoperation. Das ändert er nicht ausgerechnet bei der wichtigsten Entscheidung seines Lebens. Er wird jemanden aussuchen, dem er total vertraut - soweit es das in der Mafia gibt.

Sie sind unter Druck gesetzt und festgenommen worden. Wie ist Ihre Situation jetzt vor den Wahlen?

Wir versuchen, das „Andere Russland“ bei den Wahlen zugelassen zu bekommen. Das wird kaum klappen, aber wir wollen den Leuten zeigen: Es gibt eine Alternative. Was die Präsidentschaftswahlen anlangt, muss man warten, bis Putin seinen Kandidaten benannt hat. Vielleicht sehen wir klarer, wenn er am 2. Oktober auf dem Kongress des Vereinten Russland gesprochen hat.

Die russische Wirtschaft läuft besser denn je. Wie wollen Sie da Erfolg haben?

Die läuft nur auf Staatsebene gut. Was die Lebensbedingungen anlangt, ist das Land geteilt: 85 Prozent auf der einen, 15 auf der anderen Seite. Der Minderheit geht es gut, die haben die Firmen, die Luxusautos, die dicken Häuser. Aber jenseits der Innenstädte von Moskau und Petersburg liegt ein anderes Land. Russland wird in den nächsten zwei Jahren trotz der Öleinnahmen eine wirtschaftliche Krise durchmachen. Es gibt keine wirklichen Investitionen, selbst der Bankensektor ist wegen der steigenden Zahl fauler Kredite verwundbar. Die Lage ist wackelig. Dies Regime wird die nächsten Wahlen 2012 nicht mehr erleben. Es wird in der Mitte der Legislatur zusammenbrechen.

Wodurch?

Selbst wenn der Ölpreis so hoch bleibt wie jetzt - das ganze Geld kommt ja nicht an. Es verschwindet einfach. Wohin, kann man von Riga bis London besichtigen. Im kommenden Winter wird Russland nicht einmal genug Gas haben, das muss man sich vorstellen! Sie haben zuviel verkauft, für den Eigenbedarf reicht es nicht mehr. Die Krise wird aber nicht nur wirtschaftlich und sozial sein, sondern auch politisch. Auch wenn Putin die eigenen Leute an die Macht bringt, wird es Kämpfe zwischen den verschiedenen Gruppierungen geben.

Wohin treibt Russland? Der Weg zum Staatskapitalismus scheint vorgezeichnet zu sein. Die neue Wirtschaftsministerein Elvira Nabiullina wird diesen Kurs wohl fortsetzen.

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Elvira Nabiulina gilt eher als Denkerin denn als Macherin

Ausgerechnet Russlands Wirtschaftsminister German Gref, so etwas wie eine Symbolfigur für den marktwirtschaftlichen Kurs in Russland, hat bei der Kabinettsumbildung sein Amt verloren. Der Liberale hatte immer wieder den Staatskapitalismus unter Präsident Wladimir Putin kritisiert. Grefs Versuche, die Verstaatlichung weiter Teile der Wirtschaft zu stoppen, brachten ihm Ärger mit der Kremladministration ein. Es war also Zeit zu gehen.

Die neue Wirtschaftsministerin heißt Elvira Nabiullina, bislang Grefs Vize. Die Frau aus der zweiten Reihe verfügt nicht über den Drang zu Glamour und Scheinwerferlicht wie Gref. Darauf soll es auch gar nicht ankommen.

Die promovierte Ökonomin, vor 43 Jahren in der Erdölmetropole Ufa im Ural geboren, soll aus dem Ministerium einen Think Tank machen, eine Ideenschmiede, um ein Wirtschaftsprogramm für die Zeit nach 2008, also die Ära nach Putin, zu formulieren.

"Im Gegensatz zu Gref ist sie eher eine Analytikerin als eine Managerin", beschreibt die Zeitung "Kommersant" den Neuling am Kabinettstisch. So soll das Ministerium künftig nicht mehr die Wirtschaftsentwicklung in den Regionen bestimmen und auch nicht mehr über den Investitionsfonds, über den Milliarden von Dollars in die Modernisierung der Infrastruktur gepumpt werden, verfügen. Diese Funktionen wandern an das Ministerium für regionale Entwicklung, dass der Putin-Vertraute Dimitri Kosak übernimmt. Nicht weniger wichtig: Das Wirtschaftsministerium dürfte auch seine Rolle als Anlaufstelle für Auslandsinvestoren verlieren.

Bahn frei für den Staatskapitalismus

Manche Beobachter sehen nun freie Bahn für die Verfechter eines wenig transparenten Staatskapitalismus. Der hat sich schon im Rohstoffsektor Bahn gebrochen, wo Staatskonzern Rosneft de facto aus der Konkursmasse des einst größten russischen Ölunternehmens Yukos hervorging, Gazprom immer mächtiger wird und wo Staatskonzerne zunehmend Auslandsinvestoren zurückdrängen.

"Nach dem Rücktritt Grefs wird Russland versuchen, den Einfluss von Auslandsinvestoren weiter zu verringern", glaubt Dimitri Absalow vom "Zentrum für politische Konjunktur". "Gref trat immer gegen eine Stärkung von Staatsmonopolen auf. Er stand den Staatskonzernen ohnehin stets skeptisch gegenüber."

Nabiullina kann auf eine lange Beamtenlaufbahn zurückblicken. 1996 heuerte sie im Wirtschaftsministerium an, arbeitete nach dem Rubelcrash 1998 kurzzeitig bei einer Privatbank, um schließlich 1999 ins Ministerium zurückzukehren und Putins Wirtschaftsprogramm mit zu formulieren. Seit Juni 2000 war sie die Erste Vize-Ministerin. Als "ruhig", "sachlich" und " eine kluge Frau" wird sie bezeichnet. Doch viel Macht wird sie künftig nicht mehr haben.

Seit 1999 wächst Russlands Wirtschaft ununterbrochen und boomt vor allem dank der hohen Öl- und Metallpreise. Aber noch immer ist der Erfolg abhängig von den Rohstoffpreisen. Unter Putin, der kürzlich erst erklärte, Russland brauche auf seinem Modernisierungskurs dringend Auslandsinvestoren, ist es nicht gelungen, ein breit angelegtes Wachstum zu erreichen. So müssten zahlreiche Industriezweige wie Automobil-, Flugzeug- und Anlagenbau dringend modernisiert werden. Das ist aber ohne das Ausland gar nicht möglich. Stattdessen werden sie zu Staatsholdings zusammengefasst.

Zudem wird die ineffiziente Verwaltung zu einem immer größeren Problem. So dürfte auch ein Grund für Grefs Karriere-Ende gewesen sein, dass er nur fünf von 46 staatlichen Infrastrukturprojekten - allesamt Steckenpferde Putins - einen effizienten Mitteleinsatz bescheinigte.

Ein Artikel aus der Welt.

Ich freue mich sehr über die Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises an meinen Freund und Kollegen Grigory Pasko. Grigory wurde am 21. September in Osnabrück ausgezeichnet. Den Blog-Lesern ist er seit längerem ein Begriff. Grigory Pasko schreibt seit letztem Jahr exklusiv für diesen Blog.

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Grigory Pasko (links) im Gespräch mit Tony Judt (rechts) nach der Preisverleihung in Osnabrück am 21. September.

Lesen Sie einen längeren Artikel zur Preisverleihung auch auf krusenstern.ch

Nach Informationen der FTD rechnet Eon-Chef Wulf Bernotat nicht damit, das gleiche Schicksal zu erleiden wie die Konkurrenten BP oder Shell. Ob er Recht behält ist fraglich. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass in Russland noch lange nicht mit stabilen politischen Bedingungen zu rechnen ist.

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"Unser Engagement ist deutlich zu unterscheiden von den Engagements der Öl- und Gasunternehmen wie Shell, BP oder Yukos und den damit verbundenen Problemen heute", wies er entsprechende Vergleiche zurück. "In der Stromindustrie geht es darum, Investoren ins Land zu holen, um den Mangel an Erzeugungskapazitäten so schnell wie möglich auszugleichen. Deshalb schätze ich die Gefahr eines Herausdrängens oder einer Verstaatlichung gering ein."

Viele westliche Energiekonzerne schrecken derzeit vor Investitionen in Russland zurück. Sie verweisen auf das Schicksal privater Öl- und Gaskonzerne, die sich im Zuge der Privatisierung russischer Staatsunternehmen in den 90er-Jahren günstig eingekauft hatten und später mit fragwürdigen Mitteln zurückgedrängt wurden. "In diesen Fällen ging es dem russischen Staat darum, den staatlichen Einfluss auf die Rohstoffindustrie zurückzugewinnen, den man in den 90er-Jahren verloren hatte", sagte Bernotat. "In der Stromindustrie hat die russische Regierung dagegen ein großes Interesse daran, Partner zu finden, die bereit sind zu investieren. Diese klare Interessenlage gibt uns Schutz und Sicherheit."

Im Vergleich zu Investitionen in Westeuropa kalkuliert Eon in Russland gleichwohl mit einem Risikozuschlag: "Bei OGK-4 werden wir ab dem dritten Jahr unsere Kapitalkosten decken - mit einem Aufschlag für das Länderrisiko", sagte Bernotat. Durch den Erwerb von zunächst 70 Prozent am russischen Stromerzeuger für rund 4,1 Mrd. Euro verfügt Eon nun über fünf Kraftwerke - und will noch zwei weitere bauen. "Wir erwarten im russischen Strommarkt fünf bis sechs Prozent Wachstum in den nächsten Jahren", so Bernotat.

Mittelfristig setzt Eon darauf, den ehemals staatlichen Erzeuger vollständig zu übernehmen und weitere Kraftwerke zuzukaufen. "In den nächsten Monaten werden weitere Erzeuger versteigert. Wir schauen uns das alles genau an. Es wäre aber unklug, sich vorher öffentlich zu äußern und den Wettbewerb unnötig schlau zu machen", sagte Bernotat. "Bei OGK-4 hat nach unserer Kenntnis nur Fortum aus Finnland mitgeboten und war am Ende sehr knapp unterlegen. Das war ein Wimpernschlagfinale."

Durch die langjährigen Lieferverträge der Eon-Tochter Ruhrgas nach Russland und die Beteiligung am dortigen Energieriesen Gazprom haben die Düsseldorfer traditionell besonders gute Beziehungen in das rohstoffreiche Land. "Wir sind seit mehr als 30 Jahren größter Kunde Russlands im Gasgeschäft und haben bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht", sagte Bernotat. Dabei profitieren die Deutschen auch von der teils prekären Versorgungslage. "Die Stromproduktion ist in den letzten Jahren nicht mit der Wirtschaft gewachsen", sagte er. "Die russische Volkswirtschaft kommt damit zunehmend in eine Klemme." Anders als in Deutschland, wo Industrie, Verkehr und Landwirtschaft zusammen etwa 60 Prozent des Stroms verbrauchen, liege in Russland allein der Anteil der Industrie bei 80 Prozent.

Bei den folgenden Versteigerungen weiterer Kraftwerke hätte Eon im Falle einer Beteiligung gute Chancen. "Wenn andere Bieter jetzt noch einsteigen wollten, kämen sie womöglich etwas spät", sagte Bernotat. "Der gesamte Prozess soll im nächsten Sommer abgeschlossen sein." Bisher haben in Russland offenbar weder der Rivale RWE noch die Franzosen mitgeboten.

Den Vorwurf seiner Kritiker, Bernotat wolle mit seiner Russlandoffensive von der gescheiterten Endesa-Übernahme in Spanien ablenken, wies der Eon-Chef zurück. "Mit den erreichten Marktpositionen sind wir noch nicht zufrieden", räumte er ein. "Wir werden aber in Spanien, Italien und Frankreich wichtige Beteiligungen erhalten, die Plattformen für weiteres Wachstum bilden. Die nächsten Schritte können aber noch ein, zwei oder auch drei Jahre dauern. "

Abermals hat sich ein Staat geweigert, im Yukos-Fall mit Russland zu kooperieren. Aufgrund eindeutiger Hinweise auf politische Gründe verweigerte Litauen die Auslieferung des ehemaligen Yukos-Managers Michail Brudno.


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Litauen weigert sich, Michail Brudno, einen der ehemaligen Jukos-Besitzer, an Russland auszuliefern. Gleichzeitig verleiht Litauen Brudno Immunitätsstatus, erklärte die Generalstaatsanwältin des Landes, Laima Tschekelene.

"Bei der Durchsucht der Jukos-Materialien sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass der Fall politisch motiviert ist, dass Michail Brudno möglicherweise wegen anderer Personen, die mit der Tätigkeit von Jukos zu tun haben, verfolgt wird. Wir sind daher zu der Schlussfolgerung gekommen, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe einen politischen Hintergrund haben, sagte sie in einem Video-Interview des Verlags Lietuvas rytas am Samstag.

RIA Novosti konnte bisher keinen Kommentar der russischen Generalstaatsanwaltschaft zu dem Fall bekommen. Im März 2004 hatte das Bezirksgericht Basmanny in Moskau auf Antrag der Staatsanwaltschaft einer Verhaftung des Jukos-Aktionärs Michail Brudno zugestimmt, gegen den in Abwesenheit im November 2003 Anklage erhoben worden war.

Die Staatsanwaltschaft verdächtigt Brudno, dass er als Mitglied einer kriminellen Vereinigung den Raub von Öl und Ölprodukten der Unternehmen "Tomskneft", "Juganskneftegas" und "Samaraneftegas" verübt habe. Nach Informationen der Staatsanwaltschaft hatte Brudno zwischen 2001 und 2002 Einnahmen in Höhe von 6, 798 Milliarden US-Dollar. Zudem wird ihm die Legalisierung von 111,23 Milliaren Rubel vorgeworfen, die unter dem Anschein von Dividenden zypriotischer Firmen ausgezahlt wurden.

Nach Angaben der litauischen Staatsanwaltschaft, erhielt sie den russischen Antrag zur Festnahme Brudnos im Juni. Zu dieser Zeit hatte sich die Kreisstaatsanwaltschaft von Mazeisk darum gebeten, sich an die israelische Regierung zu wenden, um Brudno als Zeugen und Experten in einem der Fälle anzuhören. Entsprechend der Europäischen Konvention über gegenseitige Hilfeleistung bei Strafverfolgung kann ein Zeuge nicht festgenommen, nicht verhaftet und nicht verurteilt werden, erklärte Tschekelene. Darum habe Brudno bei seiner Ankunft auf dem Flughafen den Status der Immunität verliehen bekommen.

In welchem Fall Brudno als Zeuge gerufen wurde, teilte Tschekelene nicht mit. Sie berief sich dabei auf Untersuchungsgeheimnisse.

Brudno kam mit seiner Familie aus Israel, wo er ein Haus in einer Vorstadt von Tel Aviv besitzt, nach Litauen. Er ist einer der Besitzer des petrolchemischen Komplexes Carmel in Haifa. Nach Informationen des Blattes baut er sich auch in Litauen ein Anwesen.

"Mir wurden zwei Anklagen vorgelegt. Aber die absurdeste von allen besteht darin, dass die von mir geleitete kriminelle Vereinigung Jukos angeblich entweder 15 oder 13 Milliarden USD gestohlen habe. Aber das ist schon prinzipiell ausgeschlossen", zitiert die Zeitung Brudno.

Obwohl Brudno schon vier Jahre in Israel lebt, ist er in Litauen sehr bekannt, da er 2002 Verhandlungen über die Übernahme eines Aktienpakets an der Raffinerie Mazeikiu Nafta durch die amerikanische Gesellschaft Williams International führte und anschließend Vorstandsvorsitzender der Raffinerie wurde.

Die Staatsanwältin betonte, dass vor der Entscheidungsfindung über die Nicht-Auslieferung die Materialien des Londoner Prozesses 2005 über den Auslieferungsantrag Russlands gegen Berater Michail Chaodorkowski und dessen Bewertung durch den US-Senat studiert wurden. In beiden Fällen wurde ein politischer Charakter der Verfolgung konstatiert.

Ein Artikel von RIA Novosti.

Ein Fußabtreter für seinen Herrn…

Von Grigory Pasko, Journalist

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Salawat Karimow, Chefermittler für besonders wichtige Fälle der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation, der in zwei Strafverfahren gegen Michail Chodorkowski die Ermittlungen leitete, hat seinen Rückzug angekündigt. Die einfache Erklärung lautet, dass er gebeten wurde, die Akten der Fälle Chodorkowski und Lebedew abzugeben und sein Büro zu räumen. Alexander Bastrykin, der Vorsitzende der Untersuchungskommission, die der Generalstaatsanwaltschaft der RF zugeteilt wurde, wollte Karimow nicht in seiner Behörde beschäftigen, und als der Generalstaatsanwalt Juri Tschaika Karimow als Trostpflaster eine Beraterstelle anbot, lehnte dieser ab – dies sei seiner Erfahrung nicht angemessen.

Die gefällte Entscheidung kommentierte er seinen Kollegen gegenüber so: „Nachdem sie ihre Füße an mir abgewischt haben, glauben sie immer noch, dass ich bleiben würde…“

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Salawat Karimow

Bekanntermaßen hat sich niemand anders als Karimow die Anklageformel gegen Chodorkowski und Lebedew ausgedacht, der zufolge sie im Grunde das ganze Öl, das die Tochterunternehmen „Yuganskneftegas“, „Samaraneftegas“ und „Tomskneft VNK“ zwischen 1998 und 2004 produzierten, gestohlen und den Großteil der Einkünfte aus diesem Diebstahl über ausländische Steueroasen legalisiert hätten. Die Anwälte der Angeklagten Chodorkowski und Lebedew haben diese Theorie der Staatsanwaltschaft mittlerweile für wahnhaft erklärt.

Dennoch weigern sich die Anwälte, den Grund für Karimows Rückzug zu kommentieren. Anscheinend hält die Berufsethik sie in diesem Fall davon ab.

In meinem Fall zwingt mich jedoch gerade die Berufsethik, meine Meinung über Karimow und Leute wie ihn zu äußern.

Meiner Ansicht nach macht Karimow nicht den Eindruck eines kompletten Idioten. Selbst wenn er sich in seiner Anklage ein so bahnbrechendes Beispiel an Jurisprudenz wie den Diebstahl der gesamten Ölerzeugung ausgedacht hat. Umso mehr ist es ein Jammer, dass jemand wie er, obwohl ein vernunftbegabtes Wesen, nicht in der Lage war vorherzusehen, dass er für andere zum Fußabtreter werden würde. Eigentlich haben sie ihre Füße an jedem abgewischt. Sie wie ein bestimmtes Gummiprodukt benutzt und dann weggeworfen. Allmächtiger, wie viele solche Fälle hat es in der russischen Geschichte schon gegeben!

Dafür braucht man in der Geschichte noch nicht einmal tief zu graben. Ich erinnere mich an „meinen“ Fall. Die Ermittlerbrigade bestand aus 24 Personen – Verwaltungsangestellten des FSB für Primorsky Kray und die Pazifikflotte. Nach Abschluss des ersten Verfahrens gegen den „Spion Pasko“ wurde fast jeder von ihnen ausgezeichnet, belobigt und befördert. Aber nach dem zweiten Prozess wurden fast alle von ihnen versetzt, manche sogar ganz aus dem Dienst entlassen. Sie waren für andere zum Fußabtreter geworden. Man hatte sie wie diese Gummiwaren benutzt und einfach fallengelassen.

Zwar erhielt der Leiter der Ermittlungsbrigade einen netten, ruhigen Posten in Moskau. Aber nach ein paar Jahren wickelten sie diesen Posten ab. Wo dieser „Spionfänger“ heute ist, interessiert niemanden, so wie der Mann selbst niemanden interessiert. Weil er nur … ein Gummiprodukt ist.

Ich glaube, dass sich auch an Karimows Namen in ein paar Jahren niemand mehr erinnert. Gummierzeugnisse haben keinen Namen. Nur Spitznamen oder Nummern – höchstens.

Aber das scheint die Karimows dieser Welt nicht zu beunruhigen. Vor allem nicht in den Momenten, in denen sie jenen, die sie benutzen, so inbrünstig und hingebungsvoll zu Diensten sind.

Also warum sind sie dann später beleidigt! Wenn man sich bewusst an ungesetzlichen Machenschaften beteiligt, muss man mit der Möglichkeit rechnen, selbst so behandelt zu werden. Und wenn man dann nicht ruhig in die Nacht entschwindet, sondern das Jammern anfängt, verschwindet man vielleicht einfach. Sie werden sagen: Da gab es nie jemanden, du hast ihn dir nur eingebildet.

Übrigens: Seit wann ist es Gummiartikeln erlaubt, sich zu beschweren? Sie sind nicht zum Jammern da, sondern nur dafür, benutzt und fallengelassen zu werden. Wie Karimow, zum Beispiel…


Lesen Sie auch das Interview mit Grigory Pasko das er im Juli der Internetplattform www.planet-interview gegeben hat.

Nach dpa-Informationen verschließt der ehemalige Bundeskanzler noch immer die Augen vor den Realitäten in Russland. Noch immer plädiert er für eine Annäherung und dafür, Russland "unvoreingenommen" entgegenzukommen.

Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat um mehr Geduld für Russlands Weg der Demokratisierung geworben. «Wir sollten Verständnis für den Transformationsprozess haben. Und das heißt nicht, Fehler zu verschweigen», sagte Schröder zu Beginn eines von Studenten organisierten Kongresses der European Business School (ESB) am Donnerstag in Oestrich-Winkel.

Es gebe die historische Chance für eine strategische Partnerschaft zwischen EU und Russland, da sich die russische Führung als Teil Europas begreife, sagte Schröder. «Europa sollte die ausgestreckte Hand nicht verweigern.» Sonst könne sich Russland auch in Richtung
asiatischer Raum orientieren. Schröder ist Aufsichtsratsvorsitzender der mit der geplanten Ostsee-Pipeline befassten russisch- deutschen Gesellschaft Nord
Stream.

Regierung verbietet Betreiberkonsortium Vorarbeiten.

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Die estnische Regierung hat dem Konsortium zum Bau der russisch-deutschen Ostseepipeline vorbereitende Untersuchungen vor der eigenen Küste untersagt. Mit Blick auf die "nationalen Interessen" in Estlands ausschließlicher Wirtschaftszone habe man der Nord Stream AG die Erlaubnis zu geologischen Tests verweigert, hieß es in einer Mitteilung auf der Website der estnischen Regierung.

Die Weigerung Estlands bedeutet einen weiteren Rückschlag für das Pipelineprojekt, dessen Zeitplan zunehmend in Gefahr gerät. Nord Stream hatte auf Bitten Finnlands die bis dato geplante Route weiter nach Süden verlegt und war damit in die estnische Wirtschaftszone geraten. Das baltische Land aber, das äußerst angespannte Beziehungen zu Russland unterhält, steht der Pipeline seit Langem ablehnend gegenüber.

In einer ersten Reaktion hieß es bei Nord Stream, vor einer Bewertung der Entscheidung Estlands sei "eine sorgfältige Prüfung erforderlich". Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax, er hoffe, dass sich die estnische Führung "nicht von Ideologie, sondern von nüchternen Überlegungen" leiten lasse. Die 1200 Kilometer lange Leitung soll ab 2010 Gas aus Russland nach Deutschland pumpen.

Auch in anderen Ländern des Ostseeraums gibt es Vorbehalte gegenüber der Pipeline. Vor allem der Umstand, dass mit dem Energiekonzern Gazprom ein vom russischen Staat kontrolliertes Unternehmen die Mehrheit an dem Projekt hat, weckt bei den Anrainerstaaten Misstrauen. Zudem gibt es massive umweltpolitische Bedenken gegenüber dem Vorhaben. Eine Teilfinanzierung durch die Europäische Investitionsbank (EIB) gilt daher als aussichtslos.

(Financial Times Deutschland vom 21.9.07, Seite 11)

Kasparow sieht Ende der Ära Putin

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Der russische Oppositionspolitiker und ehemalige Schachweltmeister Garry Kasparow rät dem Westen, auf Distanz zum russischen Präsidenten zu gehen und Russland nicht mehr als Demokratie zu bezeichnen. Zu Recht schließt er in seiner Kritik auch Gerhard Schröder mit ein. Sollte sich herausstellen, dass der ehemalige Kanzler bereits während seiner Amtszeit über die Vertragsbedingungen mit Gazprom verhandelt hat, dann kann es, um mit Kasparows Worten zu sprechen, nur eine Bezeichnung dafür geben: Es wäre nicht anderes als ein Verbrechen.


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Der russische Regimekritiker und ehemalige Schachweltmeister Garry Kasparow sieht das Ende der Ära Putin kommen. „Das Regime hat die politische und finanzielle Macht die Wahlen 2008 zu überleben, aber nicht die von 2012“, sagte er von Journalisten in Kopenhagen, wo Kasparow mit dem erstmals vergebenen Pundik-Friedenspreis der Stiftung des Verlages Politiken geehrt wurde. Er appellierte an den Westen, auf Distanz zu dem russischen Staatspräsidenten zu gehen und das dortige politische System nicht mehr öffentlich als Demokratie zu bezeichnen.

„Man soll die Dinge beim Namen nennen“, so Kasparow, der eine der Führungsfiguren der Oppositionsbewegung „Anderes Russland“ ist. „Es ist in Ordnung, mit Russland zu handeln, so wie es in Ordnung ist, mit China zu handeln. Aber niemand behauptet, die chinesischen Kommunisten seien Demokraten, warum ist das bei Putin anders?“ Unter Russland-Experten ist umstritten, wieweit Putin für die demokratischen Defizite Russlands verantwortlich gemacht werden kann. Für einiges hat Vorgänger Jelzin die Grundlagen gelegt.

Scharfe Kritik an Schröder

In Russland finden im März 2008 Präsidentschaftswahlen statt, noch ist offen, wer aus Putins Umfeld kandidieren wird. Vergangene Woche hatte Putin den relativ unbekannten Viktor Subkow, Chef der Föderalen Finanzaufsichtsbehörde, als neuen Premier installiert. Damit hatte er Spekulationen Nahrung gegeben, Putin wolle bei den Wahlen 2012 kandidieren und bis dahin einen eher schwachen Statthalter installieren. Bei den Wahlen im März darf Putin selbst nicht mehr kandidieren, da ihm keine dritte Amtszeit erlaubt ist.

Scharfe Kritik äußerte er auch am ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Aufsichtsratschef der von der staatlichen russischen Gazprom betriebenen Gasleitung durch die Ostsee geworden ist. Entscheidend sei, wann er über seine Vertragsbedingungen verhandelt hat. „Wenn er es getan hat, während er noch an der Macht war, und danach sieht es aus, dann ist es ein Verbrechen“, so Kasparow.

Unabhängig davon sei Schröders Arbeit für die Gazpromtochter „eine Schande, nicht nur für Deutschland, sondern für die Demokratie als solche“, sagte Kasparow. Putin nutze es, dass er durch westliche Politiker anerkannt werde, um zu Hause zu demonstrieren, dass er als Demokrat gewürdigt werde.

Keine freie Presse

Die von Kasparow angeführte Oppositionsbewegung „Anderes Russland“ ist vor allem dadurch geeint, dass ihre Mitglieder gegen Putin sind. Politisch sind die verschiedenen Gruppen, die sich unter diesem Namen gesammelt haben, aber teils weit voneinander entfernt. Das birgt das Risiko, im Falle eines unwahrscheinlichen Wahlsiegs Instabilität zu bringen. „Hätten wir demokratische Wahlen, so würden wir im Parlament teilweise sicher weit voneinander entfernt sitzen“, räumte Kasparow ein. Ihm und den anderen Oppositionellen sei gemein, dass sie demokratische Wahlen wollen. „Bald sind in den USA Wahlen, dann ist klar, über wen abgestimmt werden kann“, sagte Kasparow.

Im Vergleich dazu sei es in Russland schwierig, mehr über die Kandidaten zu erfahren, die bei den russischen Präsidentschaftswahlen kandidieren. Auch gebe es keine freie Presse, womöglich wisse nicht mal der engste Kreis um Putin, was geplant sei. Umfragen, denen zufolge Putin in der Bevölkerung Zustimmungsraten von 70 Prozent hat, nannte Kasparow unglaubwürdig. „Das sind Zahlen, die die westlichen Medien von russischen Meinungsumfragen haben. Aber hätten sie 1974 einer Umfrage getraut, in der in Spanien nach Francos Popularität gefragt wird?“

Bevölkerung ist Verlierer der Ära Putin

Ebenso wenig will er Putin anrechnen, dass das russische Durchschnittseinkommen während dessen Amtszeit deutlich gestiegen sei. Laut Kasparow haben große Teile der Bevölkerung davon nicht profitiert. „Sie können als Arzt leicht in einem Krankenhaus sagen, die durchschnittliche Temperatur der Patienten ist in Ordnung“, so Kasparow. Das sage aber nichts über die Einkommensverteilung aus. Während Leute wie der russische Milliardär Roman Abramowitsch ihr Vermögen massiv vergrößert hätten, lebe immer noch ein großer Teil der Russen in Armut. Kasparow warf Putin vor, dass sein Regime als einzigen Wert den des Geldes kenne. „Diesen Wert hat Russland mit dem Westen gemein, doch die westlichen Staaten haben noch andere Werte wie Demokratie, Russland nicht.“

Als Putin im Jahr 2000 das erste Mal russischer Präsident wurde, war Kasparow anfangs von ihm angetan, änderte seine Meinung aber schnell. Kasparow nutzt die Popularität, die er genießt, seit er 1985 als 22-jähriger Schachweltmeister wurde, um für Demokratie in seiner Heimat zu kämpfen. Er wollte auch nicht ausschließen, dass er selber als Präsidentschaftskandidat der Opposition antritt.

Ein Artikel der Welt.

Verbraucher sollen profitieren

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Der Plan der EU-Kommission zur Zerschlagung der Energiekonzerne provozierte in Deutschland gegensätzliche Reaktionen. Während Verbände der privaten und industriellen Energieverbraucher applaudierten, gab es eine scharfe Ablehnung durch die Konzerne selbst. Das Ziel der Kommission ist klar: Sie will mit ihrem Vorstoß für sinkende Energiepreise sorgen.

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Ein explosives Gemisch aus Gas und Strom hat die Brüsseler EU- Kommission zusammengerührt und kalkuliert gezündet. Die Kommissare beschlossen ihr drittes Energiepaket. Das klingt harmlos. Doch der Brüsseler Gesetzesplan beschwört massive Konflikte mit der Energiebranche und mächtigen Lieferländern wie Russland herauf - alles zum Nutzen der europäischen Verbraucher, wie die Kommissare beteuern.

"Eine bessere Versorgung zu günstigeren Preisen" verspricht Energiekommissar Andris Piebalgs den Kunden. Das Zauberwort dafür heißt: mehr Wettbewerb. Wenn Strom- und Gasanbieter zugleich die großen Überlandleitungen und Pipelines besitzen, könnten sie unliebsamen Konkurrenten die Durchleitung verwehren. Deshalb, so meint die Brüsseler Behörde, müssen Energieerzeugung und Energietransport in unterschiedlichen Händen liegen.

Weil die betroffene Branche und Mitgliedsstaaten wie Deutschland frühzeitig Protest anmeldeten, schlug die Kommission nun auch eine Alternative zur gewünschten Zerschlagung der Konzerne vor: Es reiche, wenn die Unternehmen ihre Netze von unabhängigen Betreibern managen lassen. Dann müsse aber die staatliche Aufsicht verstärkt werden. Die Folge wäre eine "sehr große Regelungslast", warnte Kommissionspräsident José Manuel Barroso.

Ohnehin sieht der Kommissionsvorschlag mehr Befugnisse für die nationalen Aufsichtsbehörden vor. Außerdem soll eine neue EU-Agentur den freien Fluss von Energie über Grenzen hinweg überwachen. Bisher werde zwischen den EU-Ländern noch zu wenig mit Energie gehandelt, klagt Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes. Kräftig gewachsen sind hingegen die Lieferungen aus Ländern außerhalb der EU: Die Abhängigkeit der Europäer von fremden Energiequellen dürfte in absehbarer Zeit auf fast zwei Drittel ihres Verbrauchs steigen. Um den Einfluss ausländischer Lieferanten auf Europas Energiemärkten zu begrenzen, sollen die geplanten EU-Regeln zur Entflechtung auch für fremde Konzerne gelten.

"Die Gazprom-Klausel ist ausdrücklich keine Gazprom-Klausel", sagt ein Brüsseler Fachmann. Alle Investoren aus Nicht-EU-Ländern müssten die Trennung von Produktion und Netzbetrieb einhalten, wenn sie Leitungen in der EU übernehmen wollten. Doch das passt genau auf den russischen Energieriesen: "Gazprom könnte nach diesen Regeln kein Netzwerk in Europa kontrollieren", heißt es in der Kommission. Russland wäre zu einem gesonderten Abkommen gezwungen.

Zuerst müssen aber die Mitgliedsstaaten und das Europa-Parlament dem Kommissionsplan zustimmen. Obwohl Frankreich bisher jeden Angriff auf seinen Energiekonzern EDF abgewehrt hat, hofft Kommissar Piebalgs auf einen Beschluss im Herbst 2008: "Ich habe jedenfalls keine Angst davor, diese Verhandlungen unter französischem Vorsitz abzuschließen." Andernfalls rückt das Ende der Amtszeit von Kommission und Parlament im Sommer 2009 gefährlich nahe.
Als Lockmittel setzt Piebalgs das Versprechen sinkender Preise ein. Seine Kollegin Kroes rechnet vor, dass deutsche Kunden zuletzt 31 Prozent mehr für ihren Strom bezahlten als Verbraucher in Großbritannien, wo Produktion und Transport von Elektrizität bereits getrennt sind.

Offen ließen die Kommissare allerdings die Frage, wo bei sinkenden Preisen der Anreiz für ein anderes erklärtes EU-Ziel bleibt: das Energiesparen.

(Landeszeitung für die Lüneburger Heide vom 20.9.07, Seite 17)

Die Europäische Kommission will niedrigere Preise bei Strom und Gas erzwingen. Geplant ist einen Teil der Gewinne der Energiekonzerne abzuschöpfen. Außerdem wird die Kommission an diesem Mittwoch vorschlagen, die Unternehmen per Gesetz in zwei Teile zu zerlegen; die Konzerne sollen damit die Hoheit über die Netze verlieren. Diese Aufspaltung stößt auf Widerstand in wichtigen Mitgliedsstaaten wie Deutschland und Frankreich.

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Ein Artikel des ORF:

Der Gas- und Strommarkt ist in Europa immer noch fest in der Hand der nationalen Konzerne, und die schotten ihre Märkte ab. Die größten davon sind der französische Energieriese EdF oder der deutsche E.On-Konzern. Die Folge: Die Preise für Strom und Gas sind daher sehr unterschiedlich in Europa: Italienische Kunden zahlen derzeit um rund ein Viertel mehr für ihren Strom als die österreichischen Kunden.

EU will Wettbewerb ankurbeln

Die EU-Kommission will daher - auch über die Landesgrenzen hinweg - für mehr Wettbewerb sorgen. Denn der wird derzeit auf verschiedene Arten verhindert, sagt Energieexperte Christian Egenhofer: "Da gibt es zwei Möglichkeiten: Einerseits werden die Leitungen nicht ausgebaut - dann ist es für neue Anbieter nicht interessant, auf den Markt zu kommen. Andererseits werden zum Teil überhöhte Preise verlangt." EU-Kommissar Andris Piebalgs fordert daher von den Konzernen, die Kontrolle über ihre Gasleitungen und Hochspannungsnetze abzugeben. So soll langfristig ein gemeinsamer europäischer Energiemarkt entstehen.

Proteste aus mehreren EU-Ländern

Doch gegen die Zerschlagung der Konzerne regt sich Widerstand. Deutschland und Frankreich haben bereits im Sommer einen Protestbrief an den Kommissar verfasst. Mit unterschrieben haben auch sieben andere Länder, darunter Österreich. Das Argument von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein: Es gebe keinen Beleg dafür, dass die Pläne der Kommission auch wirklich zu niedrigeren Preisen und mehr Versorgungssicherheit führen.

Energie-Kontrollbehörde widerspricht

Dem wiederum widerspricht der Chef der Energie-Kontrollbehörde in Österreich, Walter Boltz. Er hält dem entgegen, dass alle europäischen Regulatoren diese Frage sehr genau geprüft häten und überzeugt seien, dass die eigentumsrechtliche Trennung die beste Lösung ist. Sie würde ja auch in mehr als der Hälfte der EU-Länder schon praktiziert.

Piebalg schlägt Kompromiss vor

Energiekommissar Andris Piebalgs will den Kritikern dennoch entgegenkommen. Er stellt sie vor die Wahl: entweder die Netze komplett verkaufen oder eine unabhängige Betreibergesellschaft schaffen - so sein jüngster Vorschlag. Dass die Energieriesen Europas dadurch geschwächt, und so für Übernahmen aus China oder Russland verwundbar werden, lässt die Kommission nicht gelten. Sie schlägt ein eigenes Gesetz vor, dass den EU-Energiemarkt schützt. Wie das rechtlich gehen soll, darüber waren die Details bis zuletzt aber noch offen.

Italiener bauen die Ostseepipeline

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Nach Informationen des Handelsblatts hat der italienischen Öl-Service-Konzern Saipem die Ausschreibung für den Bau der Ostseepipeline gewonnen. (Sehen Sie hierzu eine Dokumentation der Berichterstattung auf diesem blog) Das gab Nord Stream, das Pipeline-Konsortium von Gazprom, Eon, der BASF-Tochter Wintershall und der niederländischen Gasuni gestern bekannt. Saipem, der größte europäische Anbieter auf dem Sektor, konnte sich gegen drei Wettbewerber durchsetzen. Bis spätestens Februar soll der Vertrag mit Saipem über die Verlegung der 1.200 Kilometer langen Gasleitung unter Dach und Fach sein, sagte eine Sprecherin von Nord Stream. Der Wert des Auftrags dürfte einer Analystenschätzung zufolge bis zu 1,9 Mrd. Euro betragen.

Das Pipeline-Projekt sieht sich nach wie vor Widerständen aus den Anrainerstaaten der Ostsee ausgesetzt, die vor allem Sorgen wegen möglicher Umweltschäden ins Feld führen. Nord Stream geht aber davon aus, den Zeitplan für Bau einhalten zu können: Die Pipeline soll im Jahr 2010 betriebsbereit sein. Dann soll russisches Gas von Wyborg in der Nähe von St. Petersburg direkt nach Greifswald in Deutschland gepumpt werden.

Neben dem Druck der Ostseeländer muss das Konsortium auch mit dem engen Marktumfeld klar kommen: Der Preise für Infrastruktur und Dienstleistungen im Energiesektor sind hoch - Kapazitäten weltweit begrenzt. Mit der Wahl von Saipem hat Nord Stream nun offenbar eine wichtige Hürde nehmen können

(Handelsblatt vom 19.9.07, Seite 16)

Das Europaparlament fordert eine Neuorientierung der europäischen Energiepolitik. Laut Jacek Saryusz-Wolski, dem Vorsitzenden des auswärtigen Ausschusses, soll sich die EU-Kommission mehr um die Versorgungssicherheit kümmern und die EU besser vor Pressionen aus Russland schützen. Dabei müsse auch die Ostsee-Pipeline auf den Prüfstand.

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Die EU konzentriere sich zu sehr auf den Binnenmarkt, vernachlässige aber außenpolitische und strategische Aspekte der Energieversorgung, sagte der Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses, Jacek Saryusz-Wolski. Vor allem die EU-Kommission sei zu sehr auf Liberalisierung bedacht, sagte der polnische Politiker.

„Die Kommission soll uns vor dem Monopol von Gazprom genauso schützen, wie sie es bei Microsoft getan hat“, forderte Saryusz-Wolski. Dazu sei es nötig, auch laufende Projekte wie den Bau der Ostsee-Pipeline zu überprüfen. Zunächst sei zwar nur an Konsultationen mit den betroffenen Mitgliedstaaten – in diesem Fall vor allem Deutschland und Polen – gedacht. „Ich bin Realist, mehr ist derzeit nicht drin“, so Saryus-Wolski.

Bei künftigen, strategisch wichtigen Energieprojekten müsse die EU jedoch von vorneherein beteiligt werden. Dies gelte auch für staatliche Beteiligungen oder Energieabkommen. Es gehe darum, „eventuelle nachteilige Auswirkungen“ von Energieprojekten „zu neutralisieren“, heißt es in einem Bericht zur Energieaußenpolitik, der in der kommenden Woche im Europaparlament verabschiedet werden soll. Der „energiepolitische Unilateralismus“ müsse aufhören und durch eine Politik der „Energiesolidarität“ ersetzt werden, fordert Berichterstatter Saryus-Wolski darin.

Seine Initiative ist gut getimed: Am heutigen Mittwoch legt die EU-Kommission ihr Gesetzespaket für mehr Wettbewerb auf den Energiemärkten vor. Der Entwurf von Energiekommissar Andris Piebalgs sieht bereits eine Solidaritätsklausel vor, bleibt aber weit hinter den Vorstellungen des Europaparlaments zurück. So spricht sich Piebalgs zunächst nur für „regionale Solidaritäts-Abkommen“ zur Energieversorgung aus. Sie sollen von den EU-Staaten geschlossen werden; der Kommission käme nur eine begleitende Rolle zu.

Demgegenüber fordert das Parlament die Kommission auf, bis Ende 2007 einen genauen Fahrplan für die Schaffung einer gemeinsamen Energieaußenpolitik vorzulegen. Die EU soll zudem einen hohen Vertreter für Energieaußenpolitik erhalten, der sowohl der Kommission als auch dem Ministerrat zugeordnet wäre. Saryus-Wolski verspricht sich davon den Aufbau einer „Energiediplomatie“, die Europa in Verhandlungen mit Russland, aber auch mit Öllieferanten im Nahen Osten oder in Afrika vertreten soll.

Bisher scheitert der Aufbau einer Energieaußenpolitik jedoch an EU-internen Problemen. Offiziell ist Chefdiplomat Javier Solana mit dem Thema betraut. Die 27 EU-Staaten lassen sich vom dem Spanier jedoch kaum in die Karten blicken. Auch in der EU-Kommission gibt es Querelen zwischen Energiekommissar Piebalgs auf der einen und Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner auf der anderen Seite. Beide fühlen sich für Russland zuständig; nicht immer sprechen sie mit einer Stimme.

Die internen Reibereien hätten den Aufbau einer gemeinsamen Energieaußenpolitik bisher verhindert, räumt Saryus-Wolski ein. Mit dem neuen EU-Reformvertrag könne sich dies jedoch ändern, sagte er am gestrigen Dienstag in Brüssel. Der Vertrag sieht nämlich bereits den „Doppelhut“ für den künftigen Außenbeauftragten vor, der eine enge Verzahnung zwischen Kommission und Ministerrat sichern soll. „Der neue Energiebeauftragte könnte also in der Außenpolitik mitreden“, gibt sich Saryus-Wolski optimistisch. Der Reformvertrag tritt allerdings frühestens 2009 in Kraft.

(Handelsblatt vom 19.9.07, Seite 6)

Die Regierungsumbildung in Russland scheint auch weit reichende Auswirkungen auf die Großkonzerne des Landes zu haben. Zahlreiche hochrangige Regierungsvertreter stehen nach Informationen von Manfred Quiring kurz vor dem Absprung.

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Die Wahl des Putin-Intimus Viktor Subkow zum neuen russischen Premierminister wird russischen Medien zufolge auch weitreichende Folgen für die großen Staatskonzerne haben. Sowohl Gazprom als auch Rosneft könnten neue Spitzen erhalten. Das gesamte Wochenende, so die Wirtschaftszeitung "Wedomosti", hätten Konsultationen stattgefunden.

Putin muss offenbar vor allem die Verlierer unterbringen. Den Informationen der Zeitung zufolge gilt es als wahrscheinlich, dass Dmitri Medwedjew, Erster Vizepremier und bisher einer der beiden inoffiziellen Kronprinzen für die Putin-Nachfolge, aus der Regierung ausscheidet. Der Posten eines Gazprom-Chefs wäre eine logische Fortsetzung seiner Karriere, meint das dortige Management. Medwedjew ist derzeit Aufsichtsratsvorsitzender des Erdgas-Monopolisten. Er könnte, wenn Putin dem zustimmt, den Vorstandsposten von Alexej Miller übernehmen, der von einer nicht näher bekannten chronischen Krankheit geplagt wird.

Medwedjews bisheriger Konkurrent um die Nachfolge im Präsidentenamt, Sergej Iwanow, wird nach Meinung von "Wedomosti" seinen Posten in der Regierung behalten, während die meisten bisherigen Minister das Feld wohl räumen müssen. Ihre Rücktrittsgesuche liegen bei Putin. Bei Ex-Premier Michail Fradkow hat er es bereits angenommen. Fradkow wird inzwischen als Chef von Transneft gehandelt. Dem Staatskonzern gehören sämtliche Erdölpipelines des Landes. Dessen bisheriger Präsident Semjon Wainschtok war in der vergangenen Woche von Putin mit der Leitung der Staatskorporation zur Gestaltung der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 betraut worden. Dafür stehen ihm 300 Mrd. Rubel (rund 8,5 Mrd. Euro) zur Verfügung.

Für den Job bei Transneft käme allerdings anderen Quellen zufolge auch der bisher noch amtierende Industrie- und Energieminister Viktor Christenko oder der gegenwärtige Rosneft-Präsident Sergej Bogdantschikow infrage, berichtete die Agentur Nakanune.ru. Christenko wird allerdings auch im Zusammenhang mit Rosneft erwähnt. Nach der vergleichsweise herben Kritik des neuen Premiers Subkow an der Tätigkeit dieser Behörde wird die ministerielle Karriere Christenkos wohl zu Ende gehen. Auch das Ministerium selbst wird umgestaltet. Es soll wieder in zwei Institutionen - für Energie und Industrie - aufgeteilt werden, wie es bereits vor der administrativen Reform im Jahr 2004 der Fall war.

Das gleiche Schicksal soll dem Vernehmen nach das Verteidigungsministerium erleiden, dem bisher die Wissenschaft zugeordnet war. Der Wissenschaftsbereich, so "Wedomosti", werde künftig wieder dem Industrieministerium angegliedert.

Als negatives Zeichen dürfte die an Reformen interessierte westliche Wirtschaftswelt den Abgang von Wirtschaftsminister German Greff bewerten, wenn er denn keinen Posten im neuen Kabinett Subkow finden sollte. Für den Fall hat Greff offenbar vorgebaut. Ihn erwartet ein Platz im Imperium von Oleg Deripaska. Der Inhaber von Basic Element rangiert auf der diesjährigen Forbes-Liste der reichsten Russen mit 16,8 Mrd. Dollar auf Platz zwei nach FC-Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch mit 19,2 Mrd. Dollar.

Ein Artikel der Welt.

"Reise nach Jerusalem"

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In einem Gastkommentar für die Welt beschreibt die an der New School University in New York lehrende Nina Chruschtschowa anschaulich, wie die aktuellen russischen Präsidenten stets gegen alljene vorgingen, die sie an die Macht gebracht haben. Ganau diesen Kreislauf scheint Putin nun mit Subkow durchbrechen zu wollen. Die spannende Frage lautet: Ist der neue Ministerprädsident auch wirklich schwach genug?


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Nina Chruschtschowa

Es ist wieder einmal so weit - Russland nähert sich den Wahlen, und so werden die Premierminister ausgetauscht, als spielte man mit ihnen die "Reise nach Jerusalem". Wer sich als Letzter setzt, so wird angenommen, wird Russlands nächster Präsident. Als das Ende seiner Amtszeit näher rückte, verschliss Boris Jelzin mindestens ein halbes Dutzend Premierminister, auf der Suche nach dem einen, der nicht nur die Sicherheit der neuen russischen Demokratie und Marktwirtschaft gewährleisten würde, sondern auch die seiner "Familie" und der Reichtümer, die sie während seiner Amtszeit angehäuft hatte. Wer sich zuletzt setzte, war natürlich Wladimir Putin.

Jetzt ist Putin an der Reihe und darf den Ton angeben. Er entließ Michail Fradkow und löste die Regierung auf, die ihm in seiner zweiten Amtszeit gedient hatte, um sich auf die im Dezember bevorstehenden Parlamentswahlen und die Präsidentschaftswahlen im März 2008 vorzubereiten. Jelzin wählte 1999 Putin aus, der damals der kaum bekannte Chef des FSB (früher KGB) war. Putin entschied sich für den ebenso geheimnisvollen Chef der Föderalen Finanzaufsichtsbehörde, Viktor Subkow.

Trotz der Parallelen scheinen die Beweggründe für diese Ernennungen recht unterschiedlich zu sein. Jelzins Entscheidung für Putin - die ironischerweise von Boris Beresowski unterstützt wurde, dem prominenten russischen Oligarchen und Berater Jelzins, der jetzt als Todfeind Putins im Londoner Exil lebt - beruhte auf seinem Glauben, der ruhige Apparatschik sei, obwohl er früher Spion beim KGB war, im Innersten Demokrat. Als Insider der Sicherheitsdienste schien Putin gut geeignet, Jelzin und seine oligarchischen Verbündeten zu schützen. In der Tat hatte Beresowski vor, das Land weiter aus dem Hintergrund zu regieren. Der KGB ist in Russland jedoch dafür bekannt, den Spieß bei jedem Gefecht mit dem Kreml-Apparat umzudrehen. So überraschte es niemanden außer Jelzin und Beresowski, als Putin, ihre vermeintliche Marionette, anfing, die Fäden zu ziehen. Und wie er sie zog! Er machte aus Beresowski einen internationalen Bösewicht, schickte den ehemaligen Medienmogul Wladimir Gussinski ins Exil, sperrte den Ölmagnaten Michail Chodorkowski ein und errichtete schließlich ein neues autoritäres Regime hinter der Fassade Jelzins demokratischer Institutionen.

Putins eigene Version der premierministerlichen "Reise nach Jerusalem" lässt nicht den Wunsch erkennen, sich selbst einen ruhigen Posten hinter den Kulissen zu sichern für die Zeit, wenn ein anderer regiert; denn er weiß nur zu gut, dass der Weg aus dem Kreml nur ins innere Exil und ins Grab führt. Stalin löste den sterbenden Lenin ab, Chruschtschow verurteilte Stalin, Breschnew verbannte Chruschtschow auf seine Datscha, und Gorbatschow trug Tschernenko zu Grabe. Nur Jelzin machte es anders. Er konnte seinen Vorgänger Michail Gorbatschow ebenso wenig ausstehen, wie seine Vorgänger ihre Vorgänger ausstehen konnten. Aber trotzdem behandelte er Gorbatschow anständiger, weil Jelzin im Grunde an die Demokratie glaubte. Putin unternahm selbstverständlich nichts gegen den zurückgetretenen Jelzin, aber das brauchte er auch gar nicht. Er ignorierte ihn einfach, während er Jelzins Errungenschaften beim Aufbau eines freien Russlands wieder rückgängig machte.

Vor Subkows Ernennung machten Berichte die Runde, der nächste Premierminister werde Putins Nachfolger als Präsident, wobei Sergej Iwanow, derzeit einer der stellvertretenden Premierminister, als der wahrscheinlichste Kandidat genannt wurde. Doch würde Iwanow, der als "stark" gilt, eine unwillkommene Konkurrenz für Putin bedeuten, der schließlich noch ein "starker" Präsident bleibt. Hätte er Iwanow sofort zum Premier gesalbt, würde Putins Macht schon jetzt anfangen zu bröckeln.

Der aus dem Amt scheidende Fradkow fasste die Angelegenheit überraschenderweise am besten in Worte, als er erklärte, warum er zurückgetreten war: Weil die Wahlen näher rücken, brauche Putin freie Hand. Durch die Ernennung Subkows braucht Putin sich also weiterhin nicht in die Karten gucken zu lassen. Subkow wird selbstverständlich Fradkows Regierungsstil des "Ja, ganz wie Sie wünschen, Herr Präsident" beibehalten. Darüber hinaus wird er aufgrund seiner ehemaligen Position als Chef der Föderalen Finanzaufsichtsbehörde aus einer Vielzahl von Informationen schöpfen können, um alle möglichen Feinde und Konkurrenten unter Kontrolle zu halten. Die einzige Frage ist jetzt, ob es ihm oder seinem Nachfolger am Ende gelingen wird, aus Zar Wladimir die Art Unperson zu machen, zu der auch Putins Rivalen geworden sind.

Einstieg in russischen Markt

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n-tv berichtet: Deutschlands größter Energieversorger Eon steht vor dem Einstieg in den russischen Strommarkt. Der Düsseldorfer Energieriese legte bei der Versteigerung des russischen Kraftwerksunternehmens OGK-4 das höchste Angebot vor. Für die Mehrheit an dem Konzern will Eon bis zu 4,6 Mrd. Euro zahlen.

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Konzernchef Wulf Bernotat sagte: "Wir wollen damit einen wichtigen und großen Schritt zum Einstieg in den russischen Strommarkt machen, der zu den größten und wachstumsstärksten der Welt gehört." Insgesamt will sich der Konzern durch sein jetzt vorgelegtes Kaufangebot, eine Kapitalerhöhung und ein Angebot an die Minderheitsaktionäre bis zu 77 Prozent der Anteile an OGK-4 sichern. Mit einem Abschluss des Geschäfts rechnet der Konzern Ende des Monats. Erklärtes Ziel des Konzerns ist es, langfristig eine starke Position in den wachstumsintensiven Industrieregionen Ural, Westsibirien, Wolga und Zentralrussland aufzubauen.

Die zurzeit stattfindende Privatisierung der russischen Stromwirtschaft bietet den westlichen Energiekonzernen derzeit eine einzigartige Chance zum Eintritt in den russischen Markt. Die russische Regierung hat beschlossen, sechs Großkraftwerksgesellschaften an den Meistbietenden zu verkaufen. Der Hintergrund: Nur mit westlichen Milliarden und westlichem Know-how kann der gigantische Investitions- und Modernisierungsbedarf der russischen Stromwirtschaft gedeckt werden. Insgesamt wird der Investitionsbedarf bis 2010 auf über 120 Mrd. US-Dollar (86,5 Mrd. Euro) geschätzt.

Eon will im Ausland wachsen

So tief wie Eon hat dabei bislang allerdings noch kein anderer westlicher Konzern in die Tasche gegriffen. Zum Vergleich: Der italienische Konkurrent Enel zahlte für eine knapp 30-prozentige Beteiligung am Stromkonzern OGK-5 "nur" 1,3 Mrd. Euro.

Dennoch bezeichnete Bernotat den Kaufpreis für OGK-4 als angemessen. Denn das Unternehmen habe unter allen angebotenen russischen Stromkonzernen die mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren jüngsten Kraftwerke, die beste Auslastung und die günstigsten Betriebskosten. Außerdem erhalte Eon eine Mehrheit am Unternehmen.

Insgesamt betreibt das russische Unternehmen vier Gaskraftwerke und ein Kohlekraftwerk mit einer Gesamtkapazität von rund 8,6 Gigawatt. Das entspricht etwa sechs Prozent der russischen, thermischen Stromerzeugung. Die Kraftwerke von OGK-4 liegen Eon zufolge zum allergrößten Teil in der Region Europa/Ural, in der der Strombedarf auf Grund der steigenden Nachfrage der Grundstoff- und Schwerindustrie künftig besonders stark seien dürfte.

Geplant ist außerdem der Bau weiterer moderner Gaskraftwerke mit einer Kapazität von 2,4 Gigawatt bis 2011. "Damit haben wir eine hervorragende Ausgansposition für weiteres organisches Wachstum in einem Markt, der stromhungrig ist wie kaum ein anderer", meinte Bernotat.

Ob sich Eon auch bei der Versteigerung weiterer russischer Stromkonzerne mitbieten will, ließ Bernotat offen. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen. Finanziell wäre der Konzern dazu dank seiner gut gefüllten Kriegskasse ohne Probleme in der Lage. Bernotat betonte, Eon werde auch künftig mit Vorrang im Ausland investieren, da der Konzern in Deutschland schon aus kartellrechtlichen Gründen praktisch nicht mehr wachsen könne.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat Spekulationen Nahrung gegeben, er werde zum nächstmöglichen Termin wieder kandidieren. Danach befragt, ließ er bei einem Treffen mit Politikanalysten und Journalisten in Sotschi die Entscheidung zwar offen, sagte aber: "Ich hoffe, ich werde fit genug sein. Das wäre ein Faktor."

Derzeit wird der Präsident des Landes für vier Jahre gewählt. Allerdings darf ein Kandidat nur zweimal hintereinander in den Kreml einziehen. Für Putin wäre es deshalb erst nach einer Pause möglich, wieder anzutreten. Mit der Wahl Viktor Subkows zum Ministerpräsidenten in der vorigen Woche waren Spekulationen laut geworden, nach denen der putintreue Subkow als möglicher Präsident ab 2008 die Rückkehr des aktuellen Staatschefs im Jahr 2012 oder früher vorbereiten könnte. Offen für ein solches Vorgehen sprach sich am Wochenende der Vorsitzende des russischen Oberhauses, Sergej Mironow, aus: "Ich bin überzeugt davon, dass Wladimir Putin 2012 wieder vorgeschlagen und gewählt wird."Poltische Beobachter werten solche Äußerungen als Belastung für jeden Nachfolger. Putin verwahrte sich dagegen: "Ich habe kein Interesse an einem schwachen Präsidenten nach mir. Russland kann nicht existieren ohne starken Präsidenten." Es gebe "fünf, sechs ausgezeichnete Kandidaten" für seine Nachfolge im kommenden Jahr. Alle hätten die Unterstützung der Partei "Einheitliches Russland". Auf die Frage nach seinem Fahrplan meinte der Staatschef: "Im Laufe einiger Monate kann sich viel ändern."Außerdem machte Putin deutlich, dass sein Land an stabilen Ölpreisen interessiert ist. Angesichts der Rekordstände kritisierte der Kreml-Herr das internationale Kartell der Förderländer: "Wir sind nicht in der Opec. Und wir haben kein Interesse an Monopolen oder überhöhten Ölpreisen." Dahinter steht die Befürchtung, die großen Kunden in den westlichen Industrieländern könnten mithilfe neuer Technologien immer unabhängiger werden.Putin sieht denn auch in hohen Preisen "eine Prämie auf Substitution" und verwies darauf, dass überall an der Reduzierung des Verbrauchs sowie an alternativen Energien gearbeitet werde. Seinem Land sei nicht an einer Verknappung gelegen: "Wir werden sogar die Produktion ausweiten."Bei der internationalen Energiezusammenarbeit pochte Russlands Staatschef auf eine Beteiligung russischer Unternehmen an Verarbeitung und Vertrieb: "Wenn der Westen auf nachgelagerten Märkten Zugeständnisse macht, kann er auch an der Quelle einsteigen", sagte der Präsident bei dem Gespräch, an dem auch ein Vertreter der WELT teilnahm. Gleichzeitig versucht er, Bedenken gegen Beteiligungen auszuräumen: "Wir wollen andere Länder nicht infiltrieren."

Ein Artikel der Welt.

Die Gazoviki, das Geld und die Gier

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Der Stern-Journalist Hans-Martin Tillack über das Gazprom-Firmengeflecht:

Dies ist die Geschichte einer Invasion. Eines gewaltigen Feldzugs, von langer Hand geplant. Der Generalstab sitzt weit im Osten, in Moskau, der Hauptstadt Russlands. Das Zielgebiet ist Deutschland - und das restliche Westeuropa. Es geht bei dieser Invasion um Gas. Aber mehr noch um eine große Menge Geld. Um sehr viel Geld für sehr wenige. Und zwar für Menschen, die größten Wert darauf legen, nicht bekannt zu werden.

Es ist die Geschichte von Gazprom, dem russischen Gasriesen. 180 Milliarden Euro beträgt sein Börsenwert, gut doppelt so viel wie der von Siemens. Gazprom ist der größte Konzern Europas - und zugleich der am schwersten zu durchschauende. Verschleierung scheint Geschäftsprinzip zu sein.

Für Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) war es eine "Ehrensache", für 250 000 Euro jährlich einen Posten im Aktionärsausschuss der Gazprom-Tochter Nord Stream anzunehmen. Dies sei, sagt Schröder, im Interesse "unseres Landes und Europas". In der Geschichte dieser Invasion wimmelt es jedenfalls von alten Stasi-Leuten und halbseidenen Figuren. Es geht um Briefkastenfirmen, die nicht einmal einen Briefkasten haben, um ineinander verschachtelte Firmen und Unterfirmen, die vor allem eins bewirken: Sie verbergen Geldflüsse.

Gazoviki werden die Gazprom-Manager in Russland genannt. Viele von ihnen kommen vom KGB oder aus dem sonstigen Freundeskreis des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Weil sie wegen der staatlich verordneten Niedrigpreise im eigenen Land nur Verluste machen, müssen die Gazoviki ran an die europäischen Endverbraucher. "Downstream" nennen das Insider. "Im Downstream kann man größere Gewinne erzielen", sagt der Energieexperte Andreas Heinrich.

Die Invasoren sind bereits weit vorangekommen. Gazprom-Gas hat einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent, auf 60 Prozent kann der Wert in den nächsten Jahren steigen. Andere Staaten, wie Finnland, sind sogar zu 100 Prozent von den Lieferungen abhängig. In der Berliner Markgrafenstraße haben die Gazoviki ihren ersten Brückenkopf etabliert. Hier residiert die deutsche Tochter Gazprom Germania. Mit Eon und BASF sitzen auch die beiden wichtigsten Partner des Staatskonzerns in Deutschland. Gemeinsam mit Gazprom bauen sie eine sechs Milliarden Euro teure Pipeline durch die Ostsee, 2010 soll sie fertig sein.

Unter dem ehemaligen DDR-Gasfunktionär Hans-Joachim Gornig hat Gazprom Germania für die Moskauer Bosse ein verzweigtes Netz von Beteiligungen in ganz Europa aufgebaut. Zur Imagepflege investiert Gazprom Germania Riesensummen, bis zu 125 Millionen Euro für den Bundesligisten Schalke 04 etwa. Wenn Gerüchte über einen Einstieg bei RWE oder Ruhrgas auftauchen, schrillen in Deutschland die Alarmglocken. Nicht ohne Grund. "Es ist sehr schwer, eine Firma zu finden, die nicht auf unserer Watchlist steht", sagt Gazprom-Vize Alexander Medwedjew. Einige Beteiligungen haben nur wenig mit dem Kerngeschäft zu tun - wie die Mini-Tochter ZMB Mobil im brandenburgischen Möthlow. Sie betreibt mit sieben Mitarbeitern eine Kfz-Werkstatt, die auch Autos von Benzin auf Gas umrüstet.

Aber warum investiert Gazprom sechsstellige Euro-Beträge ausgerechnet in einem 194- Einwohner-Dorf, zwischen freilaufenden Hühnern und verfallenden LPG-Ställen? Schon der sichtbare Teil der Gazprom- Invasion gibt Rätsel auf, aber auch ein weniger sichtbarer. Archbishop Makarios III Avenue 199 im zypriotischen Limassol: Kein Firmenschild und kein Briefkasten verraten es, aber hier verbirgt sich eine zentrale Schaltstelle im mysteriösen Geflecht der Gazprom-Firmen. In dem unauffälligen dreistöckigen Gebäude mit Ziegeldach sitzt die Centrex Group Holding. Sie besitzt 100 Prozent der 2003 gegründeten Wiener Centrex- Gruppe, die seit 2006 österreichische Kunden mit russischem Erdgas beliefert.

Für 2007 erwartet Centrex bereits einen Gas-Umsatz von 265 Millionen Euro. Man habe "enge persönliche Beziehungen zu Führungskräften von Gazprom", sagte ein Centrex-Manager im August 2005 Kartellexperten der EUKommission. Centrex steht sogar an der Spitze des Gazprom- Vormarsches in Westeuropa - nur dass die beiden Unternehmen die Liaison nicht immer offen zugeben.

Zwischen die Gazprom-Zentrale und das operative Centrex-Geschäft in Wien schalteten die russischen Manager zahlreiche weitere Gesellschaften - via Limassol, Liechtenstein, Nikosia und Amsterdam. Erst ganz am Ende führt die Spur nach Moskau (siehe Grafik).

Aber warum? Was die Gazoviki in Zypern oder Liechtenstein an Steuern sparen, geht für die kaskadenartige Struktur wieder drauf. "Da verrauchen Kosten sinnlos", sagt der Wirtschaftskriminalist Helmut Görling. "Wenn eine Gesellschaftsstruktur zu
kompliziert wird, ist das erklärungsbedürftig. Wenn man die Notwendigkeit nicht erkennen kann, wird es verdächtig." Die Liechtensteiner IDF etwa wurde nur 16 Tage, bevor sie Centrex kaufte, gegründet - unter bemerkenswerten Umständen. Als IDF-Gründer trat zunächst die Zürcher Multina AG auf, vollständig im Besitz eines Schweizer Anwalts namens Hans Baumgartner.

Nachdem die Konzession erteilt war, kaufte eine zypriotische Firma namens Siritia Ventures Limited alle Aktien. Siritia hat in Nikosia zwar eine Adresse am Sitz einer Anwaltskanzlei, viel mehr aber auch nicht. Die offizielle Siritia- Mutter Rubin wiederum ist an der angegebenen Adresse in Moskau nicht auffindbar. Noch 2005 führte die Gazprombank sie offiziell als Tochter auf. Eine Firma dieses Namens sei ihr nicht bekannt, verkündete die Bank jetzt auf Anfrage des stern. Auf welchem Weg Gazprom dann die Töchter in Zypern und Wien kontrolliert, bleibt rätselhaft. Solch abenteuerliche Konstruktionen machen es fast unmöglich, den Weg des Geldes zu verfolgen. Sie erlauben es, Geld zu verstecken - zum Beispiel vor den westlichen Gazprom-Teilhabern, die seit Jahren über die undurchsichtige Geschäftspolitik des Konzerns klagen.

Auch Eon hält 6,4 Prozent der Gazprom- Aktien. "Wenn ich Aktionär wäre, würde ich fragen, was auf diesen Stufen abfließt, bevor der Gewinn oben ankommt", sagt Wirtschaftskriminalist Görling. "Die Konzernzentrale hat ja Durchgriff auf die verschiedenen Kaskaden und kann da jederzeit einen Berater reinschieben." In der Tat scheinen im Centrex-Geflecht beträchtliche Summen zu versickern - zum Beispiel Millionen Euro allein für "Beratungskosten". So im Mai 2005 für ein "Consultancy Agreement" mit einem Ex- Mitarbeiter des großen britischen Centrica- Konzerns, für dessen Kauf sich Gazprom kurz darauf interessierte. Centrex sagt, alle Aufträge an Dienstleister seien "lückenlos" dokumentiert und "geprüft". Bei den Gazprom-Aktionären kam jedenfalls praktisch nichts an. 2006 schüttete Centrex Wien bei 47 Millionen Euro Gewinn null Dividende aus. Centrex- Mutter IDF wiederum zahlte weder für 2004 noch 2005 irgendeine Dividende aus - und für 2006 lumpige 100 000 Schweizer Franken.

Im verschwiegenen Fürstentum Liechtenstein machten einige aber sehr wohl das Geschäft ihres Lebens. Denn die IDF hat für die Aktienanteile an Centrex einen Fonds aufgelegt. Der Wert der Anteile - Mindesteinsatz: eine Million Dollar - ist seit 2004 rasant gestiegen. Wer im April 2004 für eine Million Dollar kaufte, hat heute über 20 Millionen.

Wer besitzt die Anteile des IDFFonds? Der Fonds verfügt angeblich über "keine Informationen". Bekannt ist dagegen, wem die IDFAnleger ihr Glück verdanken. Gazprom-Vize Medwedjew etwa, der mit Gerhard Schröder im Aktionärsausschuss der Gazprom- Tochter Nord Stream sitzt. Medwedjew verschaffte Centrex im September 2006 einen 20-Jahres-Vertrag für Gaslieferungen nach Österreich.

Aber warum überlässt Gazprom den Profit unbekannten Anlegern? Der Konzern spricht wolkig von "geschäftlichen" Erwägungen. Die Centrex-Obermutter Siritia in Nikosia hatte bis Anfang des Jahres – über die Wiener Firma Arosgas - noch eine Tochter: die Rosukrenergo AG. Von der flossen jährlich Gewinne in dreistelliger Millionenhöhe durch die Briefkastenfirma Siritia, die seit zwei Jahren keine geprüften Bilanzen mehr eingereicht hat. Im Vorstand von Rosukrenergo sitzt auch der von IDF bekannte Zürcher Anwalt Hans Baumgartner. Auch hier ist unklar, warum Gazprom die Anteile lange Zeit nicht direkt, sondern über Gesellschaften in Wien und Nikosia hielt - erst seit diesem Jahr kontrolliert die Moskauer Zentrale Rosukrenergo direkt.

Auch hier teilte Gazprom die Gewinne - 2006 waren es 626 Millionen Euro - offenbar ohne Not mit einem Partner: dem Ukrainer Dmitrij Firtasch. Das FBI verfolgte den Verdacht, es gebe Beziehungen zum organisierten Verbrechen, etwa dem angeblichen Mafia- Boss Semjon Mogilewitsch. Firtasch sagt, er kenne Mogilewitsch, aber nur flüchtig. Auch bei Centrex half den Invasoren ein Partner, dessen Ruf nicht über jeden Zweifel erhaben ist: der Wiener Unternehmer Robert Nowikovsky. Seine "RN Privatstiftung" hielt bis März 2006 ein Fünftel der Centrex- Anteile. Der 51-Jährige war 2004 auch mit dabei, als in Vaduz der IDF-Fonds aufgelegt wurde. Zurzeit ermitteln Staatsanwälte in Israel und Wien, weil eine angeblich mit Nowikovsky verbundene Firma 2002 den Söhnen des damaligen israelischen Premiers Ariel Sharon illegal 4,5 Millionen Dollar gezahlt haben soll, angeblich zusammen mit einem anderen Wiener Geschäftsmann: dem geheimnisumwitterten Milliardär Martin Schlaff.

Laut Centrex halten heute weder er noch Nowikovsky Anteile an der Gruppe. Aber Schlaffs Vertrauter Michael Hason, der bei mehreren Firmen des Geschäftsmanns Funktionen hat, besetzt in der Centrex- Gruppe bis jetzt eine Reihe wichtiger Positionen. Zu Schlaffs Imperium gehört ebenfalls eine Firma in Zypern. Die hat dort denselben Sitz wie die Centrex Holding - sowie einige Direktoren, die auch bei den Zypern-Töchtern von Gazprom amtieren. Centrex, Schlaff und Nowikovsky teilen sich in Wien sogar den Pressesprecher.

Schon vor der Wende hatte Schlaff Embargoware an die DDR geliefert und dabei gut verdient. Der SED-Untersuchungsausschuss des Bundestagesstellte im Mai 1998 fest, dass die Schlaff-Gruppe im Frühjahr 1990 "Firmengründungen ehemaliger MfSMitarbeiter finanziell unterstützt hat". Die von Schlaff geförderten Stasi- Agenten hatten bis 1989 von Dresden aus den Westen ausspioniert. Hier schließt sich ein Kreis. Denn in Dresden widmete sich damals auch ein junger aufstrebender KGB-Oberstleutnant der Auslandsaufklärung. Sein Name: Wladimir Putin.

Kein Wunder also, dass Gazprom heute wie eine Auffanggesellschaft für ehemalige Tschekisten wirkt. Der frühere Stasi-Mann Matthias Warnig etwa betrieb - nach eigenen Worten - "Industriespionage". 1989 war auch er in Dresden aktiv. Heute ist er Chef der Gazprom-Tochter Nord Stream. Gazprom Germania beschäftigt zwei weitere ehemalige Stasi-Leute in führender Position. Im derzeitigen Moskauer Gazprom-Vorstand zählte die "Financial Times" gleich drei Männer mit KGB-Vergangenheit auf entscheidenden Posten.

Angesichts einer zunehmend aggressiven russischen Außenpolitik böte das genügend Grund zur Sorge. Schließlich hatte Gazprom der Ukraine im Winter 2006 den Gashahn abgedreht, weil die sich weigerte, einen höheren Kubikmeterpreis zu zahlen.

Noch alarmierender ist, dass die Gazoviki zwischen Expansionsstreben und Verschleierungstaktik ihr eigentliches Geschäft vernachlässigen. Es klingt absurd, aber Gazprom könnte das Gas ausgehen. Nach einer Studie der britischen Defence Academy könne der Konzern Schwierigkeiten bekommen, seine Lieferverpflichtungen für Westeuropa zu erfüllen. Eigentlich, so Eon- Chef Wulf Bernotat, brauche Gazprom "hohe Investitionen in die eigenen Anlagen und Produktionsstätten". Die bestehenden Förderfelder haben ihre beste Zeit hinter sich. Neue liegen zwischen Eisbergen in der arktischen See und sind unter 70 Milliarden Dollar nicht zu erschließen. Doch die Gazprom- Kasse ist leer, trotz hoher Einnahmen.

Erst dieser Tage kürzte der Konzern das Investitionsbudget für Gasfelder und Pipelines um 700 Millionen Euro. Grund: Man hatte sich bei der Übernahme von Firmen übernommen. Eine sich "dramatisch abzeichnende Gaslücke" erkennt der britische Energiexperte Alan Riley. Bei Gazprom will man davon freilich nichts wissen: Auch in Zukunft sei genug Gas für alle da. Doch das Gazprom-Rätsel hätte plötzlich eine Lösung. Das heimliche Motto der Invasion der Gazoviki wäre: Rette sich, wer kann - bevor die Gaskrise die russische Wirtschaft samt Rubel nach unten zieht. Öffentlich verbreitet Gazprom- Deutschland-Chef Gornig freilich ganz andere Befürchtungen - etwa die, die EU wolle seinen Konzern enteignen.

Doch tatsächlich wirkt es eher so, als fürchteten er und seine Vorgesetzten einen bevorstehenden Umsturz in Russland. Als sei die Invasion eine Art präventive Kapitalflucht. Oder sie ist, wie der britische Energieexperte Alan Riley spekuliert, eine Vorsichtsmaßnahme, "um führende Gazprom- Leute mit sicheren Sparschweinen zu versorgen, wenn 2008 das Regime wechselt" - und Putins Einfluss schwindet. Mitarbeit: Luisa Brandl, Albert Eikenaar, Olga Podolskaya

Grafik:

Das Matrjoschka-Prinzip

Wie Gazprom seine Beteiligung an der Gashandelsgesellschaft Centrex in Wien verschachtelt, die für den russischen Energiekonzern den europäischen Markt aufrollen soll

(1) Gazprom Moskau, Russland, Aktiengesellschaft, Börsenwert ca. 180 Milliarden Euro. 50,002 Prozent im Besitz des russischen Staats, Eon Ruhrgas hält 6,4 Prozent

(2) Gazprombank Moskau, Russland, Bilanzsumme 33,88 Milliarden Euro. Zu 87,49 Prozent im Besitz von Gazprom (2005)

(3) Gazinvest finance B. V. Amsterdam, Niederlande, GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Haftung), Stammkapital 10 Millionen Euro. 2001 von der Gazprombank gegründet. Geführt von einer Treuhandtochter der Deutschen Bank AG

(4) Brochan B. V. Amsterdam, Niederlande, GmbH, Stammkapital 100 000 Euro. Geschäftsführung durch Deutsche- Bank-Treuhandtochter. Gehört seit November 2003 zu 100 Prozent Gazinvest Finance B. V.

(5) Gasexco Gas Exploration company Limited Nikosia, Zypern, GmbH, Stammkapital 436 000 Euro. Am Sitz in Nikosia kein Firmenschild und kein eigener Briefkasten. Seit 2004 zu 100 Prozent bei Brochan B. V.

(6) Siritia Ventures Limited Nikosia, Zypern, GmbH, Stammkapital: 1700 Euro. Am Sitz kein Firmenschild und kein eigener Briefkasten. Jahresabschlüsse für 2005 und 2006 im Handelsregister nicht auffindbar (Stand August 2007) - ein Verstoß gegen örtliche Vorschriften. 2004 von der Gazprombank via Gasexco für 2000 Dollar gekauft. Gehört seit September 2005 nicht mehr Gasexco, sondern der Moskauer Gazprom- Tochter Rubin

(7) IDF Anlagegesellschaft AGmVK Vaduz, Liechtenstein, Fondsgesellschaft, Aktienkapital (2006) 306 000 Euro. Bekam im März 2004 die Konzession der Liechtensteiner Regierung nach Prüfung des "guten Rufs" der Beteiligten. Präsentierte damals als Eigentümer die Zürcher Multina AG. Im Dezember 2004 kaufte Siritia Ventures Limited alle Aktien. Seit Ende 2005 hält die Russische Kommerzial Bank in Zürich 80 Prozent. Diese wird nach eigenen Angaben demnächst von Gazprombank übernommen

(8) Centrex Group Holding Limited Limassol, Zypern, GmbH, Stammkapital 200 000 Euro. Am Sitz in Limassol kein Firmenschild und kein eigener Briefkasten. Seit 21. 4. 2004 zu 100 Prozent kontrolliert von der am 5. 4. 2004 gegründeten IDF

(9) Centrex Europe Energy & Gas AG Wien, Österreich, Aktiengesellschaft, Grundkapital 2 Millionen Euro, Bilanzgewinn 2006: 47 Millionen Euro. Bis März 2006 zu 80 Prozent, seitdem zu 100 Prozent kontrolliert von Centrex Group Holding, Zypern. Tochtergesellschaften in Österreich, Schweiz, Italien, Ungarn, Russland, British Virgin Islands Rubin Moskau, Russland, GmbH, kontrolliert seit 16. September 2005 die Siritia Ventures Ltd in Nikosia. 2005 von der Gazprombank für 1000 US Dollar gekauft

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Michail Chodorkowski hat im juristischen Kampf um seinen Haftstandort einen erneuten Sieg errungen. Ein Gericht in Moskau erklärte am Donnerstag den Antrag der Staatsanwaltschaft, Chodorkowski im sibirischen Tschita den Prozess zu machen, für "illegal".

Chodorkowski sitzt derzeit in Tschita im Gefängnis. Er fordert seine Verlegung ins 6000 Kilometer entfernte Moskau. Bereits im April hatte ein Moskauer Gericht geurteilt, das neue Verfahren gegen Chodorkowski müsse in der Hauptstadt stattfinden.

Dagegen hatte die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt. Chodorkowskis Anwalt Juri Schmidt sagte, er fürchte, das neue Urteil werde nicht respektiert. Die Anklage könne erneut in Berufung gehen.

Der ehemalige Chef des russischen Ölkonzerns Yukos war wegen Betrugs und Steuerhinterziehung 2003 verhaftet und 2005 in einem Berufungsprozess zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Im Dezember 2006 wurde er nach Tschita verlegt; zuvor hatte er seine Haftstrafe in einem Straflager an der russisch-chinesischen Grenze abgesessen. Wegen neuer Vorwürfe drohen ihm nun weitere sieben Jahre Haft. Chodorkowski und seinem ebenfalls bereits verurteilten Geschäftspartner Platon Lebedew wird Geldwäsche vorgeworfen sowie die illegale Beschaffung von Staatsaktien und Diebstahl von Öl.

Der der Yukos-Konzern war nach einem Streit um Steuerzahlungen 2005 faktisch zerschlagen und 2006 einem Konkursverwalter unterstellt worden. Beobachter´vermuteten dahinter politische Gründe.

Eine Nachricht von AFP

Frank Nienhuysen von der SZ über Premier Viktor Subkow, die neueste Figur im Manöver des russischen Präsidenten:

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An diesem Freitag soll sein Nachfolger Viktor Subkow (rechts) das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen.

Es klang ziemlich beiläufig, als Wladimir Putin vor ein paar Tagen einen Vergleich mit dem Eishockey zog, und das beim Wüstentrip in den Arabischen Emiraten. Die Russen wüssten schon, dass wirkliche Profis bis zur letzten Sekunde kämpfen, sagte er da. Nun weiß auch die Welt, was er damit meinte. In einem halben Jahr wird in Russland ein neuer Präsident gewählt, und Putin will die ausstehende Spanne so lange wie möglich ausreizen, um sich nicht als erste "lahme Ente" der russischen Neuzeit bis zur Wahl zu quälen. Das genau wäre wohl passiert, hätte er statt des nahezu unbekannten 65 Jahre alten Viktor Subkow nun einen der beiden ersten Vizepremiers an die Regierungsspitze gesetzt - Sergej Iwanow oder Dmitrij Medwedew. Stattdessen setzt er seine langjährige Strategie fort: teile und herrsche.

Nur wird das politische Spiel nun vollends unüberschaubar, seit am Donnerstag auch der bisher wenig ambitionierte Subkow seine Präsidentschaftswünsche lanciert hat. Und niemand mag darauf wetten, dass Putins Gunst nicht kurz vor der Wahl doch noch einem ganz anderen Kandidaten zufällt: Wladimir Jakunin etwa, dem Präsidenten der russischen Eisenbahnen. Oder Sergej Chemezow, einem früheren Geheimdienstkollegen Putins aus Dresdner Zeiten, inzwischen Chef der staatlichen Rüstungsexport-Gesellschaft. Oder Walentina Matwijenko, der resoluten Gouverneurin von Sankt Petersburg.

Die Kandidaten und der Rechtsstaat

Sollte Putin tatsächlich mit dem Gedanken spielen, nach einer verfassungsmäßig gebotenen Auszeit doch noch eine dritte Amtszeit anzustreben, wäre die Wahl Iwanows oder Medwedews riskant. Einmal im Amt, wären beide wohl machthungrig und mächtig genug, um schnell eine neue, eigene Periode zu prägen. Beide Politiker, die Putin jeweils zu stellvertretenden Ministerpräsidenten gemacht hat, gelten trotz der überraschenden Nominierung Subkows in den russischen Medien noch immer als chancenreiche Kandidaten. Beide sind seit Jahren Vertraute Putins und pflegen das Mantra von einem starken Staat Russland. Und doch gibt es zwischen ihnen Unterschiede, die auch das künftige Verhältnis Moskaus zum Westen beeinflussen könnten.

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Ein letztes Mal durfte Michail Fradkow (rechts) am Mittwoch als Ministerpräsident im Kreml auf dem Besucherstuhl Platz nehmen.

Iwanow ähnelt im Ton noch am ehesten dem selbstbewussten, bisweilen auch unwirschen und dünnhäutigen Putin. Er kennt Putin aus früheren Petersburger Zeiten, war Verteidigungsminister und symbolisiert die militärische Kraftmeierei mit den USA, die im jüngsten Test einer russischen Vakuumbombe gipfelte. Nicht zufällig begleitete er Putin auf der Münchner Sicherheitskonferenz bei dessen Brandrede gegen die amerikanische Außenpolitik. Iwanow ist als Vizepremier nun zuständig für die Modernisierung der russischen Industrie - eine der wichtigsten Aufgaben in der vor allem von den Öl- und Gasexporten abhängigen Wirtschaft des Landes.

Auch Medwedew hat ein mächtiges Portfolio. Der 42-Jährige ist Aufsichtsratschef von Gazprom und als Vizepremier verantwortlich für ein gewaltiges Sozialprogramm, das den Lebensstandard in Russland dauerhaft verbessern soll. Anders als Iwanow ist Medwedew wirtschaftsliberaler und weitaus konzilianter im Stil. Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow sagte der Süddeutschen Zeitung: "Medwedew weiß, was einen Rechtsstaat ausmacht." Und er sei der Einzige in Moskaus innerem Machtzirkel, der keinen KGB-Hintergrund habe. Die konfrontative Rhetorik mit dem Westen könnte er wohl von allen Protegés am besten abbauen.

Putin könnte daran gelegen sein, das Machtgefüge zwischen den beiden Rivalen und ihrem Gefolge in Balance zu halten - auch, indem er nun Subkow als Premier zu einer weiteren einflussreichen Figur macht, vielleicht gar zu seinem Nachfolger. Dem Chefredakteur der Nesawissimaja gasjeta, Konstantin Remtschukow, sagte Putin im August, Russland brauche mehr wirtschaftlichen Wettbewerb und eine stärkere Antimonopolagentur - und lobte en passant Subkows Finanzaufsichtsbehörde, ihren Kampf gegen Geldwäsche und Korruption.

Wer immer Russland führen wird, ob ein Platzhalter-Präsident oder ein dauerhafter, er wird angesichts der Rekordpreise für Öl und Gas wuchern können - und steht doch vor gewaltigen Aufgaben. Am 1. Oktober soll die Grundrente um 40 Prozent erhöht werden, doch um den sozialen Frieden zu wahren, muss die Kluft zwischen Armen und den wenigen Reichen geringer und der Mittelstand deutlich gestärkt werden. Putin setzt zudem auf den teuren Ausbau der Infrastruktur, nach Ansicht von Finanzminister Alexej Kudrin eine wichtige Bedingung, um ausländische Firmen anzulocken. Diese wiederum wollen Rechtssicherheit - und werden gut zuhören, was der neue Präsident alles verspricht.

(Süddeutsche Zeitung vom 14.9.07, Seite 2)

In der Ruhe liegt die Macht

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Die Süddeutsche Zeitung schreibt heute über die Agonie in Russland und die scheinbare politische Gleichgültigkeit der Russen.


Von Thomas Urban

Russland hat einen neuen Regierungschef, doch die meisten Russen scheint dies nicht sonderlich zu interessieren. Sie haben sich längst an die häufigen Wechsel im Gebäude des Ministerrates am Moskwa-Ufer gewöhnt. Viktor Subkow ist der achte Ministerpräsident in den vergangenen zehn Jahren. In der kollektiven Erinnerung haben nur zwei seiner Vorgänger einen Platz gefunden, allerdings als kuriose Fußnoten. So ging ein Satz von Viktor Tschernomyrdin, mit dem er die Bilanz seiner Amtszeit zog, in den Zitatenschatz des russischen Volkes ein: "Wir wollten das Bestmögliche tun, heraus kam es wie immer!" Und Sergej Kirijenko bekam den Spitznamen "Kinderüberraschung", weil er erst 35 Jahre alt war und noch viel jünger aussah.

Ganz offensichtlich interessiert sich die Mehrheit der Russen nicht einmal sonderlich dafür, wer der Nachfolger von Staatspräsident Putin wird. 55 Prozent gaben nun bei einer Umfrage an, dass sie den Präsidentschaftskandidaten wählen werden, "den Putin vorschlägt". Soziologen schließen daraus, dass die Mehrheit keineswegs politikverdrossen ist, sondern in guter russischer Tradition die Politik "denen da oben" überlassen will, solange Ordnung herrscht und die Perspektive auf Wohlstand besteht. So war es schon zur Zarenzeit, als die Masse die Herrscher verehrte, so war es auch zu Sowjetzeiten, als die Menschen die Verhältnisse nicht in Frage stellten und die Forderungen einer kleinen Gruppe von Dissidenten nach Demokratie entschieden ablehnten.

Die Frage stellt sich auch heute nicht, denn Demokratie ist für die meisten gleichbedeutend mit dem Chaos der neunziger Jahre unter Boris Jelzin. Seine Amtszeit bedeutete zwar einerseits Presse- und Demonstrationsfreiheit, andererseits aber auch die Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten, eine das ganze Land erfassende Kriminalitätswelle, gleichzeitig die maßlose Bereicherung einer kleinen Gruppe von Wendegewinnlern, schließlich auch den ersten Tschetschenien-Krieg, gegen den Mitte der neunziger Jahre Zehntausende auf die Straße gingen.

Im heutigen Russland gibt es keine großen Protestkundgebungen mehr. An Demonstrationen gegen die Allmacht der Staatsverwaltung, für Minderheitenrechte oder gegen die Tschetschenien-Politik Putins nehmen nur wenige Hundert Menschen teil. Nur nach der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja gingen noch einmal Tausende auf die Straße und forderten Demokratie. Doch findet praktisch keine öffentliche Debatte über Politik mehr statt. Das Fernsehen sendet vor allem Spielshows und patriotische Spielfilme.

Zweifellos sind für die absolute Mehrheit stabile Verhältnisse wichtiger als die für sie abstrakten Werte der Demokratie. Hinzu kommt, dass die Mehrheit auch vom langanhaltenden Wirtschaftsboom profitiert, dass die privaten Einkommen also unter Putin deutlich gestiegen sind. Also findet er auch Beifall mit seiner Losung, dass die "Vertikale der Macht" weiter gestärkt werden müsse. Im Alltag bedeutet dies den Ausbau der Staatsverwaltung. Doch die meisten Russen scheint es nicht zu stören, dass sie nahezu wehrlos den Behörden ausgeliefert sind - und auch nicht, dass nach Studien Moskauer Institute trotz der von Putin verkündeten "Diktatur des Gesetzes" Korruption nach wie vor Alltag ist.

(Süddeutsche Zeitung vom 14.9.07, Seite 2)

Lesen Sie nachfolgend eine exklusive Übersetzung eines gestrigen Artikels aus der Moscow Times:

Der Kampf hinter den Kulissen
The Moscow Times
Mittwoch, 12. September 2007. Seite 8.


Von Julia Latynina


Alle Parteien sind startklar für die bevorstehende heiße Phase des Wahlkampfes. Dabei spreche ich nicht von den Parteien, die laut Präsident Wladimir Putins offizieller Ankündigung in der "Rossijskaja Gaseta" als Kandidaten zur Wahl stehen. Ich beziehe mich auf die ungleich wichtigeren Parteien im endlosen Kampf um Geld und Macht.

So beschloss zum Beispiel am 9. August das Gericht im Moskauer Distrikt Twerskoj, das Vermögen des Ölkonzerns Russneft einzufrieren. Wie es dazu kam? Zwei Widersacher haben massives Interesse an Russneft entwickelt — Igor Setschin, Vizestabschef des Präsidialamtes und Aufsichtsrats¬vorsitzender des staatlichen Ölkonzerns Rosneft, und Oleg Deripaska, der Kreml-nahe Industriemagnat, Chef der Holding Basic Element. Mit Putins Segen plant Deripaska, Russneft aufzukaufen.

Später wird Deripaska Russneft aller Voraussicht nach an den Staat verkaufen. Warum also wurden die Aktien eingefroren?

Ein Grund dafür war eventuell die Sorge, dass Deripaska es sich anders überlegen könnte, falls einer der ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten, Dimitrij Medwedew oder Sergej Iwanow, Präsident wird, und dann möglicherweise Russneft doch an eine von Setschin kontrollierte Unternehmensgruppe verkauft. Verhindert man, dass Deripaska das Unternehmen nach der Wahl verkauft, könnte dies Setschins politischen Einfluss beschneiden.

Diese Analyse lässt erahnen, dass es beim Ringen um Russneft nicht wirklich ums Geschäft geht. Auf dem Spiel steht vielmehr der Einfluss von Männern aus Putins politischem Umfeld - Einfluss, der sich in Dollarmilliarden bemisst.

Im August wurde außerdem Wladimir Barsukow verhaftet, ein wohlhabender Geschäftsmann und früher eine bekannte Größe der Unterwelt in St. Petersburg. Die Stadt verdient ihren Beinamen "Verbrechenshauptstadt" wahrlich, aber nicht etwa, weil sie voller Gangster wäre, sondern weil sich Gangster in den wirtschaftlichen und politischen Eliten der Stadt bewegen. Schaut man einmal darauf, wer die Drahtzieher hinter Barsukows Verhaftung sind, sieht es vor allem nach einem kapitalen Sieg von Setschins persönlichem Machtzirkel über die mit ihm verfeindeten Clans aus.

Nicht nur um Unternehmen, sondern um ganze Regionen wird geschachert: Putin hat in der Sachalin-Region einen Gazprom-nahen Gouverneur eingesetzt und in der Samara-Region einen mit Verbindungen zum staatlichen Waffenexporteur Rosoboronexport.

In aller Eile werden neue Staatsunternehmen gegründet, vollständig ausgestattet mit großzügigen Sonderzulagen und Privilegien für ihre Manager. So dynamisch, wie Putin seine Freunde mit Staatsfirmen versorgt, steht er Katharina der Großen bei ihrer Zuteilung von Landgütern kaum nach.

Hier tobt der eigentliche Kampf, bei dem es nicht um Wählerstimmen, sondern um Milliarden geht. Niemand weiß, wer Putin im Amt folgen wird, aber jeder hat begriffen, dass sich unter seinem Nachfolger egal welcher Couleur Grundlegendes bei der Verteilung von Eigentum und Einfluss ändern wird. So versucht im Vorfeld der Wahlen jeder kremlnahe Clan, so viel Vermögen aus öffentlichen und privaten Quellen wie möglich beiseite zu schaffen, und bedient sich dabei an staatlich konfisziertem Vermögen, in der Hoffnung, so seine politische Macht zu mehren — die sich an den Dollarmilliarden bemisst. Wer immer der nächste Präsident sein wird, wird diese imposante Macht im Staate auf seiner Rechnung haben müssen, die nicht davor zurückschreckt, zu manipulieren, zu bestechen und sogar zu ruinieren.

Bei diesem Spiel um hohe Einsätze haben die Spitzenkandidaten der offiziellen politischen Parteien wie Sergej Mironow vom Gerechten Russland und Boris Gryslow vom Vereinten Russland nicht mehr zu mitzureden als die prächtig herausgeputzten Damen in den Ballsälen des 19. Jahrhunderts bei der Schlacht bei Austerlitz. Man muss einfach sehen, dass die Staatsduma zur Bedeutungslosigkeit verurteilt ist: nicht weil es dort keine Oppositionsparteien gibt, sondern weil die mächtigen Clans hier nicht in Erscheinung treten. Nachdem sie ihren Wohlstand und ihren Status im Geheimen erworben haben, verabscheuen sie jede Form von Öffentlichkeit — auch die in Form von Mitwirkung in den politischen Parteien, über die sie ohnehin die Kontrolle haben. Ob Rosneft sich Russneft einverleibt, wird nicht von der Parteiführung des Vereinten Russlands entschieden. Ebenso wenig hat Mironow Einfluss darauf, ob Rosoboronexport das Stahlwerk Magnitogorsk übernimmt.

Wenn Sie wissen wollen, wie es um die politische Lage im Land wirklich bestellt ist, schauen Sie nicht auf die Duma. Achten Sie stattdessen lieber darauf, wer kürzlich im Lefortowo-Gefängnis inhaftiert wurde oder welche Urteile das Gericht im Moskauer Distrikt Basmanny gefällt hat.

Julia Latynina moderiert eine politische Talkshow beim Radiosender Echo Moskwy.

Noch nicht im Amt - und schon große Pläne: Der designierte russische Ministerpräsident Wiktor Subkow denkt über eine Teilnahme an der Präsidentschaftswahl nach. Er kündigte außerdem an, das Kabinett umzubilden - er könnte mehrere Minister entlassen.
Die Entwicklungen in Russland zeigen: Russlands Präsident Putin setzt auf unpolitische Politiker um seine eigene Position zu stärken.


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Wiktor Subkow war nach dem gestrigen Rücktritt des russischen Ministerpräsidenten Michail Fradkow von Präsident Wladimir Putin als Fradkows Nachfolger vorgeschlagen worden - und hat offenbar große Ziele. "Wenn ich etwas als Ministerpräsident erreichen sollte, schließe ich diese Möglichkeit nicht aus", sagte Subkow auf die Frage nach seinen Präsidentschaftsambitionen bei der Wahl im nächsten Jahr. Zugleich bezeichnete er die Kabinettsstruktur als nicht ideal.

Subkow habe gesagt, dass er personelle Veränderungen im Kabinett plane, sagte der Parlamentierer Gennadi Gudkow. Leute, die etwa keine gute Arbeit geleistet hätten, würden im neuen Kabinett nicht mehr mitarbeiten. Zuvor hatte Gudkows Fraktion ein nicht-öffentliches Treffen mit Subkow. Auch andere Teilnehmer des Treffens zitierten Subkow mit den Worten, einige Minister sollten entlassen werden.

Der designierte russische Regierungschef stellte sich heute den Fraktionen in der Staatsduma vor. Es bestehe kein Zweifel daran, dass die Mehrheit des Parlaments morgen für den Vorschlag von Präsident Wladimir Putin stimmen werde, sagte der Duma-Vorsitzende Boris Gryslow von der Kremlpartei Geeintes Russland, wie die Nachrichtenagentur Interfax meldete. Die Partei Geeintes Russland verfügt in der Duma über eine Zweidrittelmehrheit. Die oppositionellen Kommunisten kündigten an, sie wollten gegen Subkow stimmen. Subkow leitete bislang die Behörde für Finanzkontrolle im Kampf gegen Geldwäsche.

Putin hatte gestern den bisherigen Regierungschef Fradkow nach dreieinhalb Jahren im Amt entlassen. Der Kremlchef erklärte dies mit der Notwendigkeit, das Kabinett auf die bevorstehende Parlamentswahl im Dezember und die Präsidentenwahl im März 2008 vorzubereiten.

Ein Artikel des Spiegel.


Lesen Sie hier weitere Artikel zum Thema:


Frischer Wind im Kreml Subkow will Putin beerben (n-tv)

Subkow schliesst Präsidentschaftskandidatur nicht aus (Basler Zeitung)

Designierter Regierungschef Russlands stellt sich der Duma vor (Die Welt)

HINTERGRUND: Alter Weggefährte des Präsidenten (Kölner Rundschau)

Erneut schwingt sich Ex-Kanzler Schröder zum Anwalt russischer Interessen auf: Er kritisierte Polen wegen des Widerstandes gegen die Ostseepipeline Nord Stream scharf, und behauptete, die Europäische Union werde aus egoistischen Gründen "zur Geisel einer nationalistischen, antideutschen und antirussischen Politik". Schröder, seines Zeichens Nord Stream-Aufsichtsratschef, macht seinem Arbeitgeber viel Freude.


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Mit der Pipeline Nord Stream soll Erdgas aus Russland an Polen vorbei nach Deutschland und weiter nach Europa geliefert werden. Sie soll bis zu 25 Prozent des Gasbedarfs der EU sicherstellen. Polen befürchtet erpressbar zu werden, wenn an seinem Territorium vorbei die Versorgung Europas sichergestellt werden kann, und versucht die Gasleitung zu verhindern. Schröder sagte dazu: "Ich habe kein Verständnis dafür, wenn aus innenpolitischen Gründen Ängste geschürt werden." Schröder sagte, es sei notwendig, eine "Energieaußenpolitik" für die Europäische Union zu entwickeln, die Russland als Partner integriere. Dazu müssten Projekte wie die Nord-Stream-Pipeline verwirklicht werden.

Zudem habe der russische Präsident Putin Europa "die Hand ausgestreckt" zur Verwirklichung weiterer Energieprojekte im Rahmen einer Partnerschaft. "Die EU muss auf dieses Angebot rasch eine Antwort geben", sagte Schröder. Der Ex-Kanzler sagte, ein Ziel müsse es sein, mit Russland gegenseitige Abhängigkeiten zu schaffen. Schröder nannte dies: "Annäherung durch Verflechtung." Auch russischen Unternehmen müsse die Möglichkeit gegeben werden, sich in Europa zu beteiligen. "Wir dürfen den Energiemarkt nicht abschotten", sagte Schröder.

Ein Artikel der Welt.

Gazprom hat die Wahl

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Die russische Nachrichtenagentur RIA NOVOSTI berichtet, dass Gasprom in Kürze einen neuen Partner für das Stockmann-Gasfeld auswählen wird.

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Fünf ausländische Unternehmen haben laut dem russischen Energiekonzern Gasprom die Chance, in das Projekt zur Erschließung des riesigen Stockmann-Gasfeldes in der Barentssee einzusteigen.

Das teilte Gasprom-Vize Valeri Golubew am Dienstag in Sankt Petersburg mit, ohne konkrete Unternehmen zu nennen. Nach seinen Worten wird Gasprom spätestens Mitte Oktober den neuen Partner bestimmen, der 24 Prozent am Projekt erwerben darf. Gegenwärtig wird Stockmann von Gasprom und der französischen Ölfirma Total erschlossen. Laut Golubew muss der zukünftige Partner über Arbeitserfahrungen unter schwierigen Wetterbedingungen sowie über Technologien verfügen, die für Förderarbeiten am Schelf notwendig sind.

Das Stockmann-Gasfeld liegt im zentralen Teil des russischen Barentssee-Schelfs. Seine nachgewiesenen Reserven belaufen sich auf 3,7 Billionen Kubikmeter Gas und mehr als 31 Millionen Tonnen Gaskondensat.

Mitte Juli unterzeichneten Gasprom und der französische Ölkonzern Total ein Abkommen über den Erstabbau des Stockmann-Feldes. Die Jahresproduktion ist in dieser Etappe mit 23,7 Milliarden Kubikmetern geplant. Beide Unternehmen sollen dafür ein Joint Venture gründen, an dem Gasprom mit 75 Prozent und Total mit 25 Prozent beteiligt werden. Außerdem sieht das Abkommen die Einbindung weiterer Partner ins Projekt vor, wodurch der Anteil von Gasprom auf mindestens 51 Prozent sinken kann.

Wie Gasprom-Vizevorstandschef Alexander Ananenkow zuvor mitteilte, wird der Staatskonzern nur in der ersten Etappe mit ausländischen Partnern zusammenarbeiten. Im Anschluss soll das Vorkommen im Alleingang ausgebeutet werden.

Mit den ersten Gaslieferungen von Stockmann sei 2013 zu rechnen. Später soll das Erdgas durch die russisch-deutsche Ostsee-Pipeline Nord Stream nach Europa befördert werden.

Kreml drangsaliert die Opposition

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Drei Monate vor den Parlamentswahlen in Russland wird die Kritik der Opposition lauter: Das Bündnis "Das andere Russland" um Ex-Schwachweltmeister Garri Kasparow klagt über weitere Behinderungen. Und ein Sieg der kremlnahen Partei ohnehin als sicher.

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Manfred Quiring von der Welt berichtet:

"Was dem Zeus erlaubt ist, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt." Mit diesem Sprichwort hatte sich Präsident Wladimir Putin jüngst über das amerikanische Vorgehen in der internationalen Politik beschwert, bei dem vermeintliche russische Rechte geschmälert würden. Das Zitat fiel innerhalb Russlands auf fruchtbaren Boden. Es dient Behörden jetzt offensichtlich als Leitfaden bei der Behandlung der politischen Opposition.

Während "Zeus", die Kreml-Partei "Einheitliches Russland", sich ungehindert auf der nationalen Bühne tummeln darf, wird der "Ochse" mit boshaften Nadelstichen gepiesackt. Die von vorauseilendem Gehorsam für den Kreml beseelten Behörden bedienen sich dabei ebenso kleinlich-dreister wie effektiver Methoden.

So ließ man am vergangenen Wochenende die oppositionelle Organisation "Das andere Russland", geführt von Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow, nach allen Regeln der Bürokratie "auflaufen". "Das andere Russland" hatte für eine Konferenz, auf der der Präsidentschaftskandidat gekürt werden sollte, das Kino Sputnik gemietet und bezahlt. Kurz vor dem Termin sagten die Kinobesitzer unter dem Druck der Behörden ab. Sie begründeten das mit der Behauptung, die Oppositionellen hätten die Art ihrer Veranstaltung nicht ordnungsgemäß angegeben und abgestimmt. Was nach russischem Gesetz bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen auch nicht erforderlich ist. Dann wurde noch der schlechte Zustand des Gebäudes nachgeschoben.

Der FSB, der russische Inlandsgeheimdienst, "kämpft nicht mit dem Terror, sondern mit Andersdenkenden", beschwerte sich Oppositionsführer Garri Kasparow gestern auf einer Pressekonferenz in Moskau. Er berichtete von Behinderungen in Rostow, wo eine private Galerie blockiert wurde, in der eine Regionalkonferenz stattfinden sollte. In Smolensk wurde der Organisator der Opposition für fünf Tage eingesperrt, in Nischni Nowgorod war niemand bereit, der Opposition einen Saal zu vermieten. Und selbst dort, wo Verträge abgeschlossen und die Miete bezahlt wurde, wird die Versammlung verhindert.

Kasparow selbst musste dieser Tage erfahren, dass zwar Gerhard Schröders Elogen an die russische Führung rechtzeitig zur Moskauer Buchmesse vorlagen. Sein eigenes, kritisches Buch "Schach als Modell des Lebens", bisher unter anderem in Deutschland erschienen, wurde dagegen unter fadenscheinigen Vorwänden nicht zum vereinbarten Termin gedruckt. Wann es kommt, ist fraglich.

Nikita Belych von der Oppositionspartei "Union der Rechtskräfte" (SPS) hatte mehr Glück. Sein Buch "Aufbau des Kapitalismus" erblickte zwar das Licht der Welt, die Werbung dafür wurde dagegen verboten. Es handele sich dabei um "Wahlagitation", befand die Staatsanwaltschaft von Samara, und die sei erst ab dem 15. September erlaubt.

Kasparow sorgt sich nun um die zentrale Konferenz seiner Organisation am 30. September. Dann nämlich sollen die Ergebnisse der regionalen Veranstaltungen in Moskau zusammengefasst und der gemeinsame Präsidentschaftskandidat gekürt werden. 800 Delegierte werden erwartet, 400 Hotelzimmer sind vertraglich gebucht.

Boris Reitschuster im Gespräch mit dem russichen Journalisten Dmitrij Muratow. Er ist Chefredakteur der oppositionellen Zeitung "Nowaja Gaseta", für die Anna Politkowskaja schrieb. Im Mai 2007 erhielt Muratows Blatt den Henri-Nannen-Preis:

FOCUS: Die Staatsanwaltschaft hat die Aufklärung des Mordes an Ihrer Kollegin Anna Politkowskaja verkündet; kurz darauf kamen Verdächtige aber wieder frei. Wissen Sie, was passiert ist?

Muratow: Ich glaube, der russische Geheimdienst FSB sowie das Innenministerium haben weitere Ermittlungen torpediert.

FOCUS: Warum?

Muratow: Die Ermittler haben offenbar in ein Wespennest gestochen mit der Enthüllung, dass aktive und ehemalige Mitarbeiter des FSB sowie des Innenministeriums wesentlich an der Tat beteiligt waren und dass Geheimdienstler und Polizisten offenbar eng mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeiten - und zwar nicht nur im Fall Politkowskaja.

FOCUS: Die Organe der Rechtspflege als Helfershelfer der Kriminellen?

Muratow: Die Korruption in diesem Bereich hat unter Putin unglaubliche Ausmaße erreicht, man kann davon sprechen, dass sich Kriminelle die Dienste von Beamten regelrecht leasen. Die Ermittlungen belegen das. So trägt Anna Politkowskaja selbst nach ihrem Tod dazu bei, die wahren Verhältnisse in Russland ans Licht zu bringen.

FOCUS: Wird jetzt weiter unabhängig ermittelt?

Muratow: Unsere Staatsanwaltschaft ist nicht unabhängig, das letzte Wort hat der Präsident. Alles hängt jetzt davon ab, ob Wladimir Putin den Mut hat, die Geister, die er selbst rief, zu bekämpfen und den ganzen Apparat von Grund auf zu reformieren.

(Focus vom 10.9.07, Seite 194)

Kampf um St. Petersburg

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St. Petersburg, mit seinen barock-klassizistischen Zentrum, gehört zu den schönsten Städten Europas. "Venedig des Nordens" wird die zweitgrößte Stadt Russlands auch genannt. Sie ist be-rühmt für ihre "Weißen Nächte". Die UNESCO hat 2.000 Gebäude als Denkmäler der Architekturgeschichte einge-stuft. Nun kommen Investoren und reißen ganze Straßenzüge nieder. Die alten Fassaden bilden sie nach, doch dahinter entsteht eine andere Stadt. So verliert St. Petersburg zwar nicht sein Gesicht - aber der Charakter gehe verloren, befürchten die Einwohner und gehen zum Protest auf die Straße

Klicken Sie das nachstehenden Banner an und sehen Sie einen Bericht von ARD-Korrespondent Thomas Roth.


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Widerstand aus Straßburg

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Das Urteil des obersten Schweizer Gerichts, Russland die Rechthilfe wegen schwerer rechtlicher Bedenken im Fall Chodorkowskij zu verweigern, zieht weitere Kreise. Auch Großbritannien, Litauen und Zypern kooperieren trotz Druck aus Moskau nicht mit den russischen Behörden. Westeuropa erkennt nun auch offiziell an, was von Anfang an offensichtlich war: Das Verfahren gegen Mikhail Chodorkowskij ist politisch motiviert und entspricht in keiner Weise rechtsstaatlichen Kriterien.

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Moskaus Verhältnis zu Europa steht vor einer neuen Belastungsprobe. inmütig erweigern uropäische Justizbehörden ie Auslieferung von zwölf hochrangigen itarbeitern des vom Kreml zerschlagenen Ölkonzerns Jukos, obwohl er russische Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika auf deren Überstellung drängt. Zuletzt widersetzten sich unter anderem Großbritannien, Litauen und selbst das raditionell Russland-freundliche Zypern. Nach der Verhaftung des Oligarchen ichail Chodorkowski hatten sich essen einstige Manager ins europäische Ausland und nach Israel abgesetzt, das Moskaus Ansinnen ebenfalls ablehnt.

Ein Beschluss der Parlamentarischen Versammlung des Europarates stützt den Widerstand. Darin billigen die Parlamentarier einen Bericht von Ex-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), der scharfe Kritik am Prozess gegen Chodorkowski übt. Die russische Justiz behindere die Arbeit der Verteidiger und versuche sogar, einigen die Anwaltszulassung zu entziehen, heißt es in dem Report; die Öffentlichkeit sei "teilweise sehr eingeschränkt".

Die Straßburger Kreml-Kritik erhält jetzt zusätzliches Gewicht durch ein im Europarat kursierendes Gutachten des renommierten Londoner Anwalts David Corker. Der britische Jurist nennt das russische Rechtssystem "infiziert von Korruption und politischem Einfluss". Es garantiere "nicht einmal ein Minimum an rechtsstaatlichen Standards", sagt auch Leutheusser-Schnarrenberger.

(Der Spiegel vom 10.9.07, Seite 138)


Lesen Sie hierzu die Dokumente von Frau Leutheusser-Schnarrenberger und die erwähnte Entschließung der parlamentarischen Versammlung:

Kurzbericht Yukos:
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Bericht Yukos:
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Entschließung Yukos:
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Schröder gibt Putins Pudel

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Am Rande der Buchvorstellung seiner Memoiren auf russisch, hat sich Altbundeskanzler Schröder erneut für russische Positionen stark gemacht: Er kritisierte die USA für deren "unsinnige Einkreisungspolitik" und forderte von der deutschen Wirtschaft, sich stärker für Investoren aus Russland zu öffnen.

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Altbundeskanzler Gerhard Schröder hat bei einem Besuch in Moskau die gegenwärtige Russlandpolitik der Bundesregierung kritisiert. Als Exportland, das selbst größtenteils von offenen Märkten abhängig sei, müsse Deutschland Protektionismus vermeiden und sich stärker auch Investoren aus Russland öffnen, sagte Schröder am Samstag bei der Vorstellung der russischen Ausgabe seiner Memoiren.

Auch im Streit um eine US-Raketenabwehr in Mitteleuropa stellte sich Schröder demonstrativ auf die Seite Moskaus. Die USA verfolgten eine "unsinnige Einkreisungspolitik gegen Russland", sagte Schröder, der ein Freund von Präsident Wladimir Putin ist und zugleich Aufsichtsratschef der Nord Stream AG für den Bau der umstrittenen Ostsee-Pipeline.

"Es besteht die konkrete Gefahr eines Wettrüstens und zwar eines globalen Wettrüstens", sagte Schröder vor Journalisten und russischen Politikern. Er forderte die Bundesregierung auf, ihre guten Kontakte zu Washington zu nutzen, damit die USA auf die Stationierung von Raketen in Polen und einer Radaranlage in Tschechien verzichteten.

Bei der Präsentation der russischen Ausgabe des Buches "Entscheidungen. Mein Leben in der Politik" bezeichnete der 63-Jährige Russland als "wichtigen und verlässlichen Partner" in Europa.

"Niemand bestreitet, dass es in Russland Defizite gibt", sagte der frühere SPD-Bundesvorsitzende. Doch habe das Land begonnen, die Rechtstaatlichkeit aufzubauen. "Wir sollten den Weg der Stabilität unterstützen", sagte er und warb für engere wirtschaftliche Beziehungen des Westens mit Russland.

Russische Medien hatten seit Tagen Werbung für die Memoiren als ein politisches Lehrbuch gemacht. Das Buch war am Mittwoch zum Auftakt der 20. Moskauer Internationalen Buchmesse vorgestellt worden. Im Vorwort schrieb Vize-Regierungschef Dmitri Medwedew, der als möglicher Nachfolger von Präsident Putin gehandelt wird, dass die Erkenntnisse aus dem Werk für die weitere Entwicklung Russlands von Nutzen seien.

Ein Artikel von sueddeutsche.de

Russland steht dem Iran näher als je zuvor. Die Tatsache, dass Australien zukünftig Uran an Moskau liefern will muss deshalb jeden alarmieren. Zwar wurde der Atomwaffensperrvertrag von Russland unterzeichnet, aber am Ende wird Moskau immer nach eigenen Interessen handeln.

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Das APEC-Ministertreffen

Australien will künftig Russland mit Uran beliefern, das laut australischer Regierung "ausschließlich zur Stromproduktion im Inland" verwendet werden darf. Ein entsprechender Vertrag wird heute am Rand des asiatisch-pazifischen Gipfeltreffens (Apec) in Sydney unterzeichnet. Vor wenigen Wochen hatte sich Australien entschieden, künftig nuklearen Brennstoff auch nach Indien zu verkaufen, und damit erstmals mit der Tradition gebrochen, Uran nur Ländern zu geben, die den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet haben.

Die Absicht Australiens, Uran in großen Mengen an Russland zu liefern, hat Kritiker aus der ganzen Welt in Alarmstimmung versetzt. Der kanadische Menschenrechtsanwalt Robert Amsterdam warnte, australisches Uran könne in iranischen Atombomben enden. "Herr Putin steht Schulter an Schulter mit Teheran", so Amsterdam. Dass Russland den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet habe, bedeute nichts, so der Anwalt, der den inhaftierten russischen Milliardär Michail Chodorkowski vertritt.

Der russische Journalist Grigori Pasko warnt davor, dem "antidemokratischen und diktatorischen Regime" unter Putin zu vertrauen. "Ich glaube keinen Moment, dass australisches Uran nur für friedliche Zwecke verwendet wird", so Pasko, der vier Jahre lang in Russland in Haft saß, nachdem er über die illegale Entsorgung radioaktiver Abfälle berichtet hatte. Die grüne australische Parlamentarierin Christine Milne ist ebenfalls gegen den Uran-Deal. "Es geht nur darum, dass die großen Bergbaufirmen großes Geld machen können."

Für den australischen Außenminister Alexander Downer sind Bedenken unbegründet. Er vertraue dem russischen Präsidenten und verweist auf das Sicherheitsabkommen zwischen den beiden Ländern, das Bestandteil des Abkommens sei. "Russland würde niemals auf die Idee kommen, den Vertrag zu brechen", so Downer. "Ich glaube nicht, dass das Land zu einem Schurkenstaat werden möchte."

Die Regierung von Premierminister John Howard ist fest entschlossen, den Verkauf des weltweit immer gefragter und teurer werdenden Rohstoffes zu beschleunigen. Bisher exportiert das Land Uranerz in 36 Staaten, die den Atomwaffensperrvertrag und ein Sicherheitsabkommen mit Australien unterschrieben haben. Wie China ist auch Russland stark an den Uranvorkommen Australiens interessiert. Australien hat keine Atomkraftwerke, kontrolliert aber mindestens ein Drittel aller auf der Welt bewiesenen Uranreserven. Das global größte, leicht abbaubare Urandepot liegt im Boden Südaustraliens.

(taz vom 7.9.07, Seite 9)

Die Bundesbürger misstrauen dem Kreml, hegen aber Sympathie für die Russen

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Russland macht den Deutschen Angst - und meist sogar mehr als allen anderen Europäern. Diese neue Furcht vor Moskau ist ein Ergebnis, das selbst die Experten des German Marshall Fund bei der Auswertung ihrer Umfragedaten überraschte. Berlin gilt auf internationaler Bühne schließlich als eine Kraft, die bei Irritationen etwa zwischen Moskau und Washington vermittelt. Und Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte ostentativ die Männerfreundschaft zu Wladimir Putin gepflegt, eine Pipeline durch die Ostsee mit dem russischen Konzern Gazprom ausgehandelt und sich selbst zuletzt in die lukrativen Dienste eines binationalen Energie-Konsortiums gestellt.

Doch genau diese Schritte, so glaubt GMF-Experte John Glenn, mag die Bundesbürger sensibilisiert haben: "Schröders Pipeline-Deal hat paradoxerweise die Sorgen der Deutschen über Russland geschürt." Mehr als in anderen EU-Ländern sei in der Bundesrepublik deshalb wahrgenommen worden, wie Moskau gegenüber Weißrussland oder der Ukraine zuletzt den Gashahn zudrehte und als Hebel seiner Außenpolitik instrumentalisierte. Das Ergebnis: 73 Prozent aller Deutschen befürchten, Russland könne seine Rolle als wichtiger Energielieferant für außenpolitischen Zwecke nutzen. Das liegt weit über dem EU-Durchschnitt (63 Prozent) und über dem Sorgenniveau der US-Bürger (58 Prozent).

Bisher galt, dass vor allem die Amerikaner ein wiedererstarktes Russland als Gefahr deuteten. Nun aber teilen auch die Deutschen diese Risikoeinschätzung. Ihre Sorgen über Russlands Politik gegenüber seinen Nachbarstaaten (67 Prozent), den dortigen Niedergang der Demokratie (76 Prozent) oder Moskaus Waffenlieferungen an zweifelhafte Regime im Nahen Osten (78 Prozent) liegen allesamt auf US-Niveau - und damit deutlich über den durchschnittlichen Stimmungsbild im Rest Europas. Lediglich die Polen warten in der GMF-Umfrage mit zum Teil höheren Angstwerten auf. Das Misstrauen gegen den Kreml kühlt aber nicht die vergleichsweise warmen Gefühle ab, die Deutsche für das russische Volk bekunden. Auf der Skala von 0 bis 100 sprachen die Bundesbürger den Russen den Sympathiewert von 48 Punkten zu. Dies ist identisch mit der Emotion der befragten Amerikaner - und liegt höher als der EU-Durchschnitt.

(Süddeutsche Zeitung vom 7.9.07, Seite 9)

Der Streit um die Stationierung amerikanischer Raketen in Mitteleuropa und die Folgen: Russland hat nun als Reaktion auf die US- Raketenabwehrpläne jetzt auch die Stationierung von Interkontinentalraketen des neuartigen Typs RS-24 bis zum Jahr 2010 angekündigt.


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Russland hat als Reaktion auf die US-Raketenabwehrpläne für Mitteleuropa jetzt auch die Stationierung von Interkontinentalraketen des neuartigen Typs RS-24 bis zum Jahr 2010 angekündigt. "Wir brauchen noch höchstens fünf Teststarts, um die Raketen in spätestens drei Jahren in Dienst zu stellen", sagte der Kommandeur der Raketentruppen, General Nikolai Solowzow, nach Angaben der Agentur Interfax. Die RS-24 kann nach russischen Angaben im Ernstfall mehrere Atomsprengköpfe transportieren und damit jede gegnerische Abwehr überwinden. Moskau hatte zuvor bereits die Stationierung anderer ballistischer Atomraketen angekündigt. Die russischen Streitkräfte hatten die neue Rakete nach eigenen Angaben erstmals im Mai dieses Jahres für einen Testflug abgeschossen. Bei der RS-24 handelt es sich nach Einschätzung von Experten um eine Variante der Rakete vom Typ Topol-M (Nato-Bezeichnung: SS-X-27). Der russische Präsident Wladimir Putin drohte im Raketenstreit mit den USA wiederholt Gegenmaßnahmen an, "um das strategische Gleichgewicht in der Welt zu bewahren". Am Wochenende gab General Solowzow die Stationierung weiterer Topol-M-Raketen nordöstlich von Moskau bekannt.

(Süddeutsche Zeitung vom 7.9.07, Seite 9)

Nebel über Moskau

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Nils Kreimeier schreibt in der Financial Times Deutschland über den Fall der ermordeten russischen Journalistin Politkowskaja. Nach seinen Angaben werden die Umstände der Ermittlungen immer mysteriöser - und die Behörden machen die Verwirrung perfekt.

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Wenn russische Behörden in etwas Übung haben, so ist es die Kunst der Verschleierung. Im Verfahren gegen den Ölmilliardär Michail Chodorkowski produzierten die Ermittler einen solchen Wust an Dokumenten, dass nicht einmal seine Anwälte mehr genau wussten, wessen man ihren Klienten eigentlich beschuldigte. Und im Fall des Terrorakts von Beslan wichen die offiziellen Angaben über die Zahl der Geiseln tagelang stark von der Wahrheit ab - die jeder Dorfbewohner kannte.

Auch bei der Suche nach den Mördern der kremlkritischen Journalistin Anna Politkowskaja ist das Dickicht an Verlautbarungen inzwischen kaum noch zu durchdringen. Am Dienstagnachmittag meldeten zwei staatlich kontrollierte Nachrichtenagenturen, der Chefermittler im Fall Politkowskaja, Piotr Garbijan, sei ausgetauscht worden. Die Nachricht sorgte in Moskau für Aufregung: Eine Woche zuvor hatte die Generalstaatsanwaltschaft noch eine Reihe spektakulärer Festnahmen vermeldet und den Fall de facto für gelöst erklärt. Auch Mitarbeiter des Geheimdiensts und des Innenministeriums, so die Darstellung, seien in den Mord verwickelt. Sollte hier ein eifriger Ermittler mundtot gemacht werden?

Doch die Meldung von Garbijans Absetzung wurde am Dienstag bereits nach wenigen Stunden dementiert. "Aufgrund des großen Arbeitsaufkommens", hieß es beim Generalstaatsanwalt, sei lediglich eine weitere Ermittlergruppe auf den Fall angesetzt worden, die mit Garbijan zusammenarbeiten werde. Deren Abteilung: "Besonders wichtige Angelegenheiten".

Staatsanwaltschaft möchte ungestört arbeiten

Schon unmittelbar nach Bekanntgabe der Festnahmen hatte es erste Unstimmigkeiten gegeben. Von den elf Verdächtigen mussten zwei wieder entlassen werden; zwei weitere waren, wie sich herausstellte, offenbar wegen völlig anderer Vergehen inhaftiert worden.

Noch dichter wird der Nebel bei der Frage nach den mutmaßlichen Auftraggebern des Mordes. Generalstaatsanwalt Juri Tschaika hat für die Tat Kremlgegner im Ausland verantwortlich gemacht, "die Russland destabilisieren wollen", ohne dies näher auszuführen. Moskauer Beobachter interpretieren Tschaikas Worte als Beschuldigung des in London lebenden Oligarchen Boris Beresowski - eine Auslegung, die Ermittler weder dementieren noch bestätigen. In den vergangenen Tagen ist die angeblich ausgehobene Tätergruppe auch noch gleich mit zwei anderen ungelösten Morden in Verbindung gebracht worden.

Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft gibt sich derweil erstaunt angesichts der vielen unterschiedlichen Meldungen. "Die Aussichten in dieser Sache sind sehr gut", sagt sie. "Man darf uns nur nicht stören."

Kreml-Gegner leben gefährlich: Sehen Sie sich hier eine Bildserie zum thema an.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet: Entgegen anderslautender Berichte aus Russland will sich der Technologiekonzern Siemens anscheinend doch nicht den russischen Turbinenbauer Power Machines einverleiben.


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Widersprüchliche Angaben zum Interesse von Siemens für den russischen Energieanlagenbauer Silowyje Maschiny (Power Machines) haben am Mittwoch für Verwirrung gesorgt. Ein russischer Konzern teilte mit, Siemens wolle ihm den Anteil von 30,4 Prozent abkaufen. Ein Siemens-Sprecher sagte dagegen in München: "Eine Mehrheitsbeteiligung an Power Machines kommt für Siemens aktuell nicht in Betracht." Siemens besitzt bereits eine Sperrminorität von 25 Prozent plus eine Aktie an Power Machines.

In Moskau hatte der russische Mischkonzern Interros mitgeteilt, Siemens wolle als PM-Aktionär von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch machen und ihm seinen Anteil abkaufen. Siemens habe bereits das russische Kartellamt über die Kaufabsicht informiert, meldete die Nachrichtenagentur Interfax. Auch der russische Stromversorger EES Rossii will sich von seinem Anteil von 25 Prozent plus eine Aktie trennen. Etwa 19 Prozent der Aktien sind in Streubesitz.

Siemens versuchte bereits in der Vergangenheit, eine Mehrheit an Power Machines zu übernehmen, scheiterte aber am Widerstand der russischen Regierung. Die Zivil-und-die Militärsparte bei PM ließen sich kaum entflechten, hieß es zur Begründung.

Power Machines ist in Russland der führende Hersteller und Lieferant von Ausrüstungen für Wasser-, Wärme-, Gas- und Atomkraftwerke sowie für die Übertragung und Verteilung von Strom. Der Konzern baut auch Transportanlagen, darunter für die Eisenbahn

Nach einem Bericht von Daniel Brössler zieht die Staatsanwaltschaft in Moskau personelle Konsequenzen aus den Fahndungspannen im Mordfall Politkowskaja. Nachdem dem zuständigen Chefermittler der Fall entzogen wurde, gerät nun auch Staatanwalt Jurij Tschaika unter Druck. Zu sehr Politisch motiviert scheinen seine angeblichen Fahndungserfolge.

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Für Jurij Tschaika war es ein schöner Tag. Erst durfte er seinem Präsidenten den großen Erfolg verkünden und wenig später auch der russischen Presse. Mittlerweile jedoch ist klar: Was der Generalstaatsanwalt am Montag vergangener Woche Kremlchef Wladimir Putin und der Öffentlichkeit als Fahndungserfolg im Fall der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja präsentierte, ist bestenfalls Stückwerk. Nach einer Reihe bekanntgewordener Pannen sah sich Tschaika nun offenbar gezwungen, Konsequenzen zu ziehen: Medien berichteten am Dienstagmorgen von der Ernennung eines neuen Chefermittlers. Tschaika habe Pjotr Garibjans von dem Fall abgezogen, meldete etwa die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf die Generalstaatsanwaltschaft. Abends behauptete eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft allerdings, es gebe keine Abberufung. Die bisherigen Ermittler würden aber durch ein neues Team verstärkt.

Tschaika hatte vergangene Woche bei einer Pressekonferenz den Fall Politkowskaja für praktisch gelöst erklärt, die Reporter über zehn Verhaftungen informiert und vage von einer angeblich zwingenden Spur ins Ausland gesprochen. "Vor allem ist dieser Mord jenen Leuten und Strukturen nützlich, welche die Lage im Land destabilisieren, die verfassungsmäßige Ordnung stürzen, in Russland eine Krise herbeiführen und eine Rückkehr zum früheren Führungssystem wollen, in dem alles durch Geld und von Oligarchen entschieden wurde", hatte er gesagt.

Schon dieser unmissverständliche Hinweis auf den im Londoner Exil lebenden Oligarchen Boris Beresowskij hatte erhebliche Zweifel ausgelöst, weil er doch allzu sehr wie vom Kreml bestellt klang. "Aus dem Gang der Ermittlungen lässt sich in keiner Weise der Schluss ziehen, dass die Spuren ins Ausland führen", mahnte Andrej Lipskij, stellvertretender Chefredakteur der Nowaja Gaseta, für die Politkowskaja ihre Reportagen aus Tschetschenien und anderen Teilen Russlands geschrieben hatte.

Doch nicht nur die angebliche Spur ins Ausland scheint im Sande zu verlaufen. Zwei der Verhafteten mussten alsbald aus Mangel an Beweisen freigelassen werden. Ein dritter Verdächtiger befand sich zur Tatzeit im Oktober 2006 gar in Haft, wie sich herausstellte. Eine Niederlage steckten die Ermittler auch vor einem Militärgericht in Moskau ein. Es stufte die Verhaftung eines Oberstleutnants des Inlandsgeheimdienstes FSB namens Pawel Rjagusow als ungesetzlich ein, weil Verfahrensregeln nicht eingehalten worden seien. Wie sich herausstellte, war der Mann gar nicht im Zusammenhang mit dem Fall Politkowskaja festgenommen worden, sondern weil er im Jahr 2002 einem Bürger ohne Rechtsgrundlage Handschellen angelegt hatte.

Tschaika, der vergangenes Jahr als zuverlässiger Gefolgsmann Putins ins Amt gelangt war, schweigt bisher zu der Pannenserie. Es sei dem Generalstaatsanwalt leichter gefallen, sich die Lorbeeren aufzusetzen, als der Fall gelöst schien, als nun die Verantwortung für die Fehler zu übernehmen, bemerken russische Journalisten. Dabei hat Tschaika nach fester Überzeugung der Redakteure der Nowaja Gaseta durch seine verfrühte Pressekonferenz den Ermittlungen schweren Schaden zugefügt und die Arbeit der Fahnder behindert. Einen kleinen Erfolg immerhin konnte die Generalstaatsanwaltschaft am Dienstag verbuchen. Das Moskauer Militärgericht genehmigte die Haft des FSB-Oberstleutnants Rjagusow doch noch.

(Süddeutsche Zeitung vom 5.9.07, Seite 9)

Aufregung um Putin in SS-Uniform

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Im Kreml schlagen die Emotionen hoch: Grund dafür ist eine Fotomontage in einer kleinen Regionalzeitung. Sie zeigt den russischen Präsidenten Putin in der Uniform eines deutschen SS-Offiziers. Was folgt war abzusehen: Wie russische Medien am Dienstag berichteten fordert die kremltreue Partei Geeintes Russland ein Strafverfahren gegen die Regionalzeitung «Saratower Reporter» im Wolgagebiet.

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"Und Sie, Stirlitz, bitte ich zu bleiben."

Für so viel Aufmerksamkeit hat die Zeitung "Saratower Reporter" wohl selten gesorgt. Das Regionalblättchen aus dem Wolgagebiet hat sich den Zorn der Regierenden im fernen Moskau zugezogen.

Die kremltreue Partei Geeintes Russland fordert gar ein Strafverfahren gegen die Zeitung, berichten russische Medien heute. Grund für die Aufregung ist eine Fotomontage in dem Blatt - wenig vorteilhaft für den Präsidenten. Zeigt sie doch Wladimir Putin in einer deutschen SS-Uniform. Die Zeitung wollte damit auf den beliebten sowjetischen Kriegsfilm "17 Augenblicke des Frühlings" anspielen, in denen ein KGB-Spion in den Reihen der SS als Standartenführer Stirlitz seinen Dienst für das Vaterland leistet.

Die Zeitung schrieb über die Putin-Montage den in Russland zum geflügelten Wort gewordenen Satz: "Und Sie, Stirlitz, bitte ich zu bleiben." Die Redaktion wollte damit auf die Diskussion um einen Verbleib Putins im Kreml auch nach der Wahl 2009 anspielen.

Gemäß Verfassung muss der frühere Geheimdienstchef mit dem Ablauf der zweiten Amtszeit abtreten. Die Regierungspartei wertete die Fotomontage als eine "empörende Beleidigung" des Präsidenten.

Ein Bericht von Spiegel Online.

Die steigende Zahl fremdenfeindlicher Übergriffe in Russland ist aus Sicht der Bundesregierung ein Anlass zur Sorge. Dies teilt sie in ihrer Antwort auf eine Große Anfrage der Grünen mit. Auch die Regierung in Moskau habe sich dazu mehrfach kritisch geäußert und die Bedeutung des Problems erkannt. Die Fraktion hatte in ihrer Anfrage das Moskauer Informationszentrum Sova zitiert: Danach hätten allein im Vorjahr fremdenfeindliche Überfälle zu 43 Toten und 386 Verletzten geführt. Dies bedeute einen Anstieg von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Regierung erwidert dazu, der russische Menschenrechtsbeauftragte Wladimir Lukin und nichtstaatliche Menschenrechtsorganisationen berichteten übereinstimmend von einer positiven Entwicklung im Jahr 2006: Es habe zahlreiche Verurteilungen gegeben, in denen fremdenfeindliche Motive ausdrücklich strafverschärfend berücksichtigt worden seien. Auch die Situation der Medien- und Pressefreiheit beobachtet die Bundesregierung nach eigenen Angaben "sehr sorgfältig".

Gelangen Sie hier zur vollständigen Antwort der Bundesregierung.

"Kein Kalter Krieg mit Russland"

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Der OSZE-Generalsekretär Marc P. De Brichambaut betont im Interview mit dem Handelsblatt, dass sich seine Organisation stärker in die Debatte mit Russland einschalten müsse.

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Herr Generalsekretär, zwischen dem Westen und Russland nehmen die Spannungen zu. Dennoch hört man wenig von der OSZE, die sich im Kalten Krieg erfolgreich um Entspannung bemühte. Woran liegt das?

Wir sind ständig mit Russland im Gespräch. Jede Woche treffen sich die Botschafter der 56 OSZE-Staaten in Wien. Alle sitzen an einem Tisch, von Spannungen kann keine Rede sein. Im übrigen stehen uns immer noch alle Instrumente zur Verfügung, um Konflikte zu lösen.

Moskau hat immerhin mit dem Ausstieg aus dem Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa gedroht . . .
Die OSZE hat sich bereits in die Debatte eingeschaltet. Präsident Putin möchte sogar, dass wir eine zentrale Rolle bei der Lösung spielen. Der spanische OSZE-Vorsitz prüft derzeit alle Optionen. Möglicherweise wird es eine informelle Debatte geben.

Russland widersetzt sich auch einer Unabhängigkeit der serbischen Provinz Kosovo. Die Kosovo-Albaner bereiten nun eine einseitige Loslösung von Serbien vor. Ist das akzeptabel?

Einige unserer Mitglieder haben Bedenken gegen eine unilaterale Unabhängigkeit. Dazu gehört natürlich auch Serbien. Aber die Hauptverantwortung liegt bei der Uno, nicht bei uns. Die OSZE
ist, was die Statusfrage betrifft, neutral.

Welche Konsequenzen hätte eine Unabhängigkeit des Kosovo für andere Regionen, etwa in Georgien?

Wir sollten das nicht unterschätzen. Die Loslösung des Kosovo könnte ein ganz wichtiger Schritt mit vielen Konsequenzen sein. Zwar geht es im Kosovo um eine spezifische Situation. Die Unabhängigkeit könnte jedoch als Beispiel für andere Regionen dienen. Außerdem
könnte es unsere Arbeit in der OSZE erschweren - wir hätten wohl größere Probleme, einen Konsens zu finden.

Fürchten Sie eine Wiederauflage des Kalten Kriegs mit Russland?

Nein. Wir sollten sehr vorsichtig mit solchen Begriffen sein. Uns stehen heute eine Vielzahl von Instrumenten zur Verfügung, die wir im Kalten Krieg nicht hatten. Es kommt allerdings darauf an, diese Instrumente auch zu nutzen. Und genau dazu brauchen wir in der OSZE einen Konsens.

(Handelsblatt vom 4.9.07, Seite 6)

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Exklusiv kann ich den interessierten Lesern dieses Blogs die deutsche Übersetzung des Schweizer Gerichtsurteils vom 13. August anbieten, mit dem das Rechtshilfeersuchen der Russischen Föderation ablehnt wurde.

Datei herunterladen

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"Nur Beweise zählen"

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Alexander Lebedew, 47, Unternehmer und Miteigentümer der "Nowaja gaseta", im Spiegel über den Fall Anna Politkowskaja

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Geschäftsmann Lebedew "Propaganda der Breschnew-Zeit"

Sie hatten unmittelbar nach dem Mord eine Belohnung von umgerechnet gut 700.000 Euro für die Ergreifung der Schuldigen ausgelobt. Betrachten Sie die Tat jetzt als aufgeklärt?

Lebedew: Das muss ein Gericht entscheiden. Ich zahle gern, sobald alle Zweifel ausgeräumt sind. Zudem habe ich in der Duma eine Gesetzesnovelle zum Zeugenschutz eingebracht.

Generalstaatsanwalt Tschaika sieht die Hintermänner im Ausland. Sie auch?

Lebedew: Wie zu Sowjetzeiten wird das Ausland wieder als finstere Bedrohung gesehen. Ich kenne die Beweise nicht, über die er anscheinend verfügt. Für mich sind Fakten wichtig, nicht Emotionen. Ich warne vor Spekulationen.

Tschaikas Fingerzeig zielt auf den Ex-Oligarchen Boris Beresowski.

Lebedew: Unter Russlands Politikern scheint es Mode zu werden, Beresowski an allem die Schuld zu geben. Wahrscheinlich wird er auch noch für die globale Erwärmung, Erdbeben und die Tsunamis verantwortlich gemacht. Vielleicht aber hat der Generalstaatsanwalt gar nicht ihn gemeint.

Putin selbst hat drei Tage nach Politkowskajas Tod gesagt, die Schuldigen seien im Ausland zu suchen.

Lebedew: Politkowskaja war als Regierungskritikerin bekannt. Deshalb kann man nicht ausschließen, dass irgendjemand der Regierung den Mord in die Schuhe schieben wollte. Genauso gut kann es sich um die Rache tschetschenischer Feldkommandeure oder anderer Leute handeln, denen ihre Berichte nicht passten.

Wie kann es sein, dass ein Staatschef mit Vorverurteilungen in laufende Ermittlungen eingreift?

Lebedew: Natürlich darf auch unser Präsident seine Meinung haben, wie jeder andere. Ich hoffe nur, dass sie nicht zum Leitfaden der Ermittler wird. Für die dürfen allein Beweise, Indizien und Zeugenaussagen zählen. Zum Glück schreiben wir nicht das Jahr 1937 ...

... das Jahr der Schauprozesse unter Stalin ...

Lebedew: ... als haltlose Anklagen zu unglaublichen Verurteilungen führten.

Es fällt auf, dass aktive Offiziere aus Geheimdienst und Innenministerium unter den Verdächtigen sind.

Lebedew: Wir brauchen eine tiefgreifende Reform der Rechtsschutzorgane, die kommen ihrer Aufgabe nicht nach. In Moskau sichert die Polizei die Rechte von Baufirmen und Immobilienhaien gegen protestierende Anwohner. Kriminelle aber haben grünes Licht.

Gibt es noch Hoffnung auf Pressefreiheit in Russland?

Lebedew: Ohne die wären wir verloren. Aber die Situation ist völlig inakzeptabel: Es gibt kaum noch Unterschiede zur Propaganda der Breschnew-Zeit. Gegen den Ersten Fernsehkanal ...

... der mehrheitlich dem russischen Staat gehört ...

Lebedew: ... würde ich gern eine Kampagne starten - um die Bürger aufzurütteln, sich von solchen Sendern nicht mehr für dumm verkaufen zu lassen. Mit der Presse steht es nicht viel besser. Sogar die "Nowaja gaseta" kann, bei allem Respekt, im Alleingang nichts Grundlegendes bewegen.

Warum halten Sie sich die kritische Zeitung?

Lebedew: Das ist meine Bürgerpflicht. Ich möchte nicht in einem Land leben, wo es so etwas wie die "Nowaja" nicht mehr gibt.

Im Kreml glauben manche, Sie wollten sich mit Hilfe des Blattes schützen - damit es Ihnen nicht an den Kragen geht wie anderen unbequemen Unternehmern.

Lebedew: Behauptet wird auch, ich hätte das Blatt im Kreml-Auftrag gekauft. Das ist lächerlich. Eine Zeitung zu finanzieren verschafft keine Immunität.

(Spiegel vom 3. September 2007, Seite 118)

Tag der offenen Tür

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Mit Stolz vermeldete der Kreml, der Mord an der Moskauer Enthüllungsjournalistin Anna Politkowskaja sei nahezu aufgeklärt. Tage später waren vier Verdächtige wieder frei. Nur eines steht so gut wie fest: Polizei und Geheimdienste arbeiteten Hand in Hand mit der Organisierten Kriminalität.

Der junge Mann sieht auf den ersten Blick aus, als könne ihn nichts umwerfen. Festen Schrittes betritt Ilja Politkowski ein Café im Zentrum von Moskau, er trägt Jeans und Pullover. Sein Blick aber wirkt gehetzt, seine kurzen Sätze klingen abgehackt, als befürchte er, die Zeit gehe ihm aus. Kaum kommt die Rede auf seine Mutter, zündet er sich mit fliegenden Fingern eine Zigarette an.

Es ist Donnerstag früh der vorigen Woche, der Moloch Moskau wischt sich gerade den Schlaf aus den Augen. Politkowski wird nachher in sein Büro gehen, er arbeitet in einer großen Werbeagentur. Mittags hat er sich mit Schwester, Großmutter und Tante verabredet, um zum Grab seiner Mutter zu fahren. Zum Grab Anna Politkowskajas. Russlands berühmteste Reporterin wäre an diesem Tag 49 Jahre alt geworden. "Ihren Geburtstag haben wir immer nur im engsten Familienkreis gefeiert", sagt Ilja, "sie mochte nicht, wenn Aufhebens um sie gemacht wurde."

Die Frau, die Russlands moralisches Gewissen war, hatte in ihrer Zeitung, der "Nowaja gaseta", den Präsidenten des "Staatsterrorismus" bezichtigt, seinen Geheimdiensten "Menschenraub" vorgeworfen und sie der Folter und des Mordes in Tschetschenien bezichtigt. Am 7. Oktober 2006 wurde sie umgebracht, mit vier Schüssen. Die zierliche Frau war eine Ikone des investigativen Journalismus, und so wurde sie nach ihrem gewaltsamen Tod auch im westlichen Ausland gewürdigt. Daheim aber wiegelte Staatschef Wladimir Putin pietätlos und zynisch ab: Politkowskajas Einfluss auf das politische Leben im Lande sei "äußerst unbedeutend" gewesen, die Folgen des Mordes für ihn selbst eigentlich schlimmer als der "durch ihre Publikationen angerichtete Schaden".

Die tote Politkowskaja wurde schnell zum Spielball politischer Interessen. Der Kreml nutzt den Mord, um damit seinen Erzfeind, den im Londoner Exil lebenden Ex-Oligarchen Boris Beresowski, zu belasten. Putin-Gegner wiederum klagen den Staat als Schuldigen an. Die internationale Empörung über die Bluttat von Moskau setzte Putin allerdings unter Druck, nach mindestens 20 unaufgeklärten Journalistenmorden wenigstens im Falle Politkowskaja der Öffentlichkeit einen Täter zu präsentieren. Vorige Woche war es so weit. Was aber am Montag als Durchbruch in einem der spektakulärsten Kriminalfälle erschien, geriet schnell wieder zur politischen Blamage.

Montag früh war Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika beim Präsidenten erschienen, um erste Ermittlungsergebnisse vorzulegen. Kurz darauf verkündete er sie stolz auf einer Pressekonferenz: Zehn Tatverdächtige seien festgenommen - Tschetschenen vor allem, aber auch drei ehemalige Polizisten und ein Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB. Der Fall sei so gut wie aufgeklärt. Ilja Politkowski hat Tschaikas Auftritt im Fernsehen verfolgt. Zehn Monate hätten Ermittler wie auch die "Nowaja" strengstes Stillschweigen bewahrt. "Dadurch aber, dass der Staatsanwalt die zehn Festnahmen öffentlich gemacht hat, torpediert er weitere Ermittlungen zu diesem Mord", erregt er sich. Mittäter und Hintermänner seien jetzt gewarnt. Er sollte recht behalten. Binnen weniger Stunden war offensichtlich, dass Tschaika mit seiner Ankündigung - bewusst oder unbewusst - maßlos übertrieben und die Spuren im Fall Politkowskaja eher verwischt hatte.

Im Laufe der Woche kam dem übereifrigen Staatsanwalt ein Mordverdächtiger nach dem anderen abhanden. Alexej Berkin, ein zwölf Tage zuvor verhafteter Leibwächter, und Oleg Alimow, ein Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden, waren am Dienstagabend wieder frei. Die Staatsanwaltschaft hatte es nicht geschafft, rechtzeitig eine stichfeste Anklage vorzulegen. Da waren es nur noch acht Verdächtige.

Sergej Chadschikurbanow, Offizier des Innenministeriums, Abteilung Organisierte Kriminalität, schob ein erstaunliches Alibi vor: Am Tag des Politkowskaja-Mordes will der Polizeimajor im Gefängnis gesessen haben. Er hatte einem Moskauer Unternehmer ein Paket mit Kokain untergeschoben, eine in Russland gängige Praxis, mit der Polizisten von reichen Opfern Geld erpressen. Nun waren es nur noch sieben.

Auch Pawel Rjagusow, Oberstleutnant des Geheimdienstes FSB, hat allem Anschein nach mit dem Politkowskaja-Mord eher am Rande zu tun. Immerhin aber könnten ihm womöglich Verbindungen zu einer Verbrechergruppe nachgewiesen werden, die in den Mord verwickelt sein soll. Da waren es nur noch sechs.

Am Donnerstag sah sich die "Nowaja gaseta" gezwungen, eine Stellungnahme zum Tschaika-Bericht und damit einen Teil ihrer eigenen Recherchen zu veröffentlichen. Mitautor der Titelgeschichte: Ilja Politkowski. Tschaikas Behauptung, der Politkowskaja-Fall sei praktisch aufgeklärt, setzen die Autoren drei Worte entgegen: "Eto ne tak" - dem ist nicht so!

Der Artikel lobt zwar die Bemühungen der Ermittler, liest sich dann aber wie eine Anklageschrift. Denn in der Person des obersten Staatsanwalts hatte Russland eine tiefe Systemkrise eingeräumt: die Verflechtung von Staat und Mafia. Dass auch beim Politkowskaja-Mord Spuren ins Innenministerium und zu den Geheimdiensten führen, scheint unbestritten. Beim Vergleich von Telefonnummern stießen die Ermittler auf Querverbindungen der Festgenommenen zu den Hintermännern eines Sprengstoffanschlags, der 2002 auf eine Moskauer McDonald's-Filiale verübt worden war.

Generalstaatsanwalt Tschaika stellte diekriminellen Gesetzeshüter als Ausnahmen dar: "Jede Familie hat ihre schwarzen Schafe", erklärte er. In Wirklichkeit handelt es sich um eine chronische Krankheit des russischen Rechtssystems. Im März erst waren fünf Moskauer Polizeioffiziere festgenommen worden, denen Diebstähle und 15 Morde zur Last gelegt werden. Ebenfalls in der Hauptstadt flog ein Ring aus Gangstern, Richtern und hohen Offizieren der Polizeiabteilung zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität auf. Sie hatten sich durch Erpressung und manipulierte Gerichtsurteile Hunderte Wohnungen erschlichen.

Tschaika räumte auf seiner Pressekonferenz ein, dass er sich auf seine eigenen Beamten und die des Innenministeriums nicht wirklich verlassen könne. Zur Verhaftung des Mafiabosses Wladimir Barsukow, genannt Kumarin, des berüchtigten "Paten von St. Petersburg", schickte er in der vorvergangenen Woche zwei Il-76-Transportflugzeuge des Katastrophenschutzministeriums von Moskau nach Petersburg. An Bord waren 300 schwer-bewaffnete Sicherheitsbeamte und sogar gepanzerte Fahrzeuge.
"Hätten wir anders gehandelt, hätte man ihn gewarnt. Wir sind auf undichte Stellen bei Staatsanwaltschaft und Stadtregierung, bei Polizei und Sicherheitsbehörden gestoßen", so Tschaika.

Nach ähnlichem Muster sickerten offenbar die Namen der zehn Verdächtigen im Fall Politkowskaja durch, denn Tschaika hatte sie gar nicht genannt. Am Tag nach der Pressekonferenz tauchten sie samt Adressen und Fotos in einer großen Boulevardzeitung sowie im Internet auf. Damit falle die Möglichkeit überraschender Gegenüberstellungen von Tatbeteiligten und Verdächtigen weg, klagen die Ermittler. "Innenministerium, FSB und Staatsanwaltschaft haben vorige Woche einen Tag der offenen Tür veranstaltet", schreibt die "Nowaja gaseta". Sogar ein Foto des Chefs der Ermittlungsgruppe, Pjotr Garibjan, kursiert jetzt im Internet. So, als sei nun er zum Abschuss freigegeben.

Das dilettantische Vorgehen von Generalstaatsanwalt Tschaika passt schlecht zu der Selbstgewissheit, mit der er auf angebliche Drahtzieher des Politkowskaja- Mordes wies. Dabei hielt er sich wie zufällig an die Sätze, die Präsident Putin gleich nach dem Mord vorgab: "An Politkowskajas Tod konnten nur Personen interessiert sein, die sich außerhalb Russlands befinden." Gemeint war damit nicht allein Boris Beresowski, der Oligarch in London, sondern auch Leonid Newslin, ein Partner des ehemaligen Ölmagnaten Michail Chodorkowski. Chodorkowski sitzt in sibirischer Lagerhaft, Newslin im israelischen Exil. "Sie wollen das Land destabilisieren und jenes System wiedererstehen lassen, in dem Geld und Oligarchen alles entschieden", wetterte Tschaika. Seine Philippika passt in die antiwestliche Stimmung des Parlamentswahlkampfes, der diese Woche beginnt.

"Die Kugel kommt aus dem Ausland", nahm das Regierungsblatt "Rossiiskaja gaseta" den Fingerzeig auf. In einer Umfrage der Zeitung "Iswestija" schlossen sich prompt auch 57 Prozent der Leser dieser These an. Der Magnat und ehemalige KGBAuslandsaufklärer Alexander Lebedew, der die "Nowaja gaseta" gemeinsam mit Ex-Präsident Michail Gorbatschow finanziert, sieht das anders. Er warnt davor, das Ausland zu verteufeln, er empfiehlt stattdessen eine "tiefgreifende Reform der Rechtsschutzorgane" im eigenen Land.

Auch Ilja Politkowski hält nicht viel von Verschwörungstheorien. Seine Mutter habe mehr als 500 Artikel geschrieben, und die meisten böten Anlass zu Rachegelüsten: "Sie wurde wegen einer ganz konkreten Recherche getötet", sagt er. Er will die Hoffnung nicht aufgeben, dass "die Wahrheit eines Tages doch noch ans Licht kommen wird".

(Spiegel vom 3. September 2007, Seite 116)