Spiegel online berichtet: Ist der Fall Politkowskaja aufgeklärt? Die Mehrheit der russischen Kommentatoren pflichtet dem Staatsanwalt bei - die Mörder der regierungskritischen Journalistin seien gefasst. Nicht alle folgen jedoch seiner Version, die Drahtzieher seien im Ausland zu suchen.

Die Lesnaja Straße liegt da wie leergefegt - auch nach den Festnahmen der mutmaßlichen Mörder von Anna Politkowskaja. Keine Kerzen brennen vor dem Hauseingang, hinter dem sie wohnte, kein Demonstrant fordert weitere Aufklärung. Einzig ein ausländisches Kamerateam dreht vor der Fassade des sechsstöckigen Altbaus. Hier wurde die Kreml-kritische Journalistin vergangenen Herbst von zwei Kugeln in den Kopf getroffen. Sie starb noch im Hauseingang.
Die russischen Zeitungen folgen heute in ihrer Einschätzung der Ermittlungen größtenteils den Angaben von Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika. Dieser gab gestern auf einer Pressekonferenz die Linie vor - die russischen Medien ziehen mit: Drahtzieher im Ausland wollten durch die Bluttat Russlands Führung stürzen.
Das Regierungsblatt "Rossijskaja Gaseta" titelt: "Kugeln auf dem Ausland". Die zur Gasprom-Holding gehörende, regierungsfreundliche Tageszeitung "Iswestija" beschuldigt in ihrem Aufmacher den Milliardär Boris Beresowski als Drahtzieher, der in London politisches Asyl gesucht hat. Die Wirkung, die Beresowski erzielen habe wollen, sei ihm gelungen. Nach dem Mord an der im Ausland bekannten kremlkritischen Journalistin hatten die westlichen Massenmedien eine breite antirussische Kampagne gestartet.
"Iswestija" vermutet dahinter eine groß angelegte Verschwörung und vergleicht den angeblichen Auftragsmord aus den Kreisen Beresowskis sogar mit der Affäre Litwinenko. Es liege darüber hinaus nahe, so nimmt das Blatt Andeutungen von Generalstaatsanwalt Tschaika auf, dass die mutmaßlichen Täter im Fall Politkowskaja auch die Morde am Chefredakteur des russischen Forbes, Paul Chlebnikow, und an Andrej Koslow, stellvertretender Vorsitzender der Russischen Zentralbank, in Auftrag gegeben haben könnten. Auch das fehlgeschlagene Bombenattentat auf die ehemalige "Kommersant"-Journalistin Elena Tregubowa sei Beresowski zuzuschreiben, behauptet das Blatt. Übrigens vermuten laut einer Online-Umfrage 57 Prozent der "Iswestija"-Leser, diese politischen Morde seien begangen worden, um Russland von außen zu destabilisieren.
Kritik aus Politkowskajas Zeitung
Anna Politkowskajas Kollegen bei der "Nowaja Gaseta", die die Untersuchungen der staatlichen Behörden unterstützt haben, halten es zwar für sehr wahrscheinlich, dass die Täter gefasst worden sind, wenden sich jedoch entschieden gegen den Regierungskurs, die Täter seien im Ausland zu suchen. Chefredakteur Dimtrij Muratow klagte gegenüber der "New York Times": Dass der Generalstaatsanwalt die Drahtzieher im Ausland vermute, sei "ein Alptraum".
Den Recherchen seiner Zeitung zufolge arbeite der festgenommene FSB-Mitarbeiter Pawel Rijagusow in einer Einheit des russischen Geheimdiensts, deren Aufgabe es war, Verbrechen zu untersuchen, die Geheimdienstoffiziere mutmaßlich begangen haben. Die Vermutung, die Drahtzieher säßen im Ausland, würde die Westen derjenigen weißwaschen, die vermutlich tatsächlich hinter dem Attentat stünden, sagte Muratow.
In einem Interview mit dem Radiosender "Echo Moskwi" sagte Muratow, seine Wochenzeitung habe eigentlich geplant, die Ergebnisse ihrer unabhängigen Recherchen am vergangenen Donnerstag zu veröffentlichen. Der Generalstaatsanwalt habe Muratow persönlich darum gebeten, diese Veröffentlichungen zu verschieben. "Der Generalstaatsanwalt verhält sich nicht wie ein Generalstaatsanwalt, sondern wie ein Politiker, der auf Befehl des Präsidenten agiert", kommentiert er.
Die regierungskritische Online-Zeitung "Gaseta.Ru" spricht in ihrem Kommentar von einer regelrechten "Informations-Verstopfung". Die meisten Leute würden den offiziellen Informationen in Russland nicht trauen. Sie bezieht sich dabei auf eine kürzlich unternommene, landesweite Umfrage des Lewada-Zentrums. 80 Prozent der Befragten schenken der Informationspolitik der Putin-Administration keinen Glauben.
"Das Echo Putins"
Ob beim Geiseldrama im Nord-Ost-Theater, der Tragödie von Beslan oder nach dem Attentat auf den Zug nach Sankt Petersburg vor wenigen Wochen: Die Machthaber machten die Schuldigen jeweils unter jenen aus, die der Führung nicht genehm seien. Der Kommentar der Online-Zeitung bezeichnet die Auslassungen von Generalstaatsanwalt Tschaikas über die Festgenommenen als "das Echo Putins". Denn schon die ersten Kommentare Putins Tage nach dem Mord an Politkowskaja hatten eine Täterspur ins Ausland angedeutet.
Der ehemals zum Beresowski-Medienimperium gehörende "Kommersant" zitiert in seiner heutigen Online-Ausgabe den kritischen und liberalen Duma-Abgeordneten Wladimir Rischkow in einem Interview nach dem Attentat vom Oktober 2006. Politkowskaja habe die Themen recherchiert, die der Führung aus FSB und Armee unangenehm seien. "Jede dieser Strukturen konnte hier als Auftraggeber des Verbrechens auftreten", sagte Rischkow damals.
Der Sohn der Ermordeten, Ilja Politkowskajas, 28, schreibt in einer Email an die "Moskau Times", es sei keine Überraschung, dass die Behörden gerade jetzt die Festnahmen bekannt gegeben haben: Der Geburtstag seiner Mutter steht am 30. September bevor und der Mord an der besonders im Westen geachteten Tschetschenien-Korrespondentin jährt sich am 7. Oktober dieses Jahres zum ersten Mal.