[Teil X der Serie kann hier nachgelesen werden]
Land zu 50 Euro der Hektar
Zum Umweltaspekt der Nord-Stream-Gaspipeline
Grigory Pasko, Journalist
Nord-Stream-Vertreter versichern der Öffentlichkeit, dass sowohl beim Bau als auch beim Betrieb der Erdgasleitung für Umweltschutzmaßnahmen gesorgt worden sei und werde; dazu zählten die:
- größtmögliche räumliche Begrenzung der Bautrasse
- technische und biologische Rekultivierung des geschädigten Landes
- Ausarbeitung und Erfüllung von Kompensationsmaßnahmen zur Wiedergutmachung entstandener Umweltschäden und
- Durchführung einer breit angelegten ökologischen Überwachung.
Schauen wir uns diese Versprechen einmal näher an. Auf den Fotos, die ich während meiner Reise zu den Orten des Geschehens im Wologdaer und Leningrader Oblast (siehe die ersten Artikel dieser Serie) aufgenommen habe, kann man sehen, dass die Bautrasse auf dem Landabschnitt der Pipeline ordentliche 50 und mehr Meter breit ist. Und es steht zu bezweifeln, dass die Bauherren – gerade aus technischen Erwägungen, die sich auch auf den sicheren Ablauf der gesamten Operation beziehen – einer bedeutenden Verengung der Trasse zustimmen werden.
Rekultivierung geschädigter Landstriche findet vielleicht statt – irgendwo. Im Rayon Babajewo im Wolgodaer Oblast beispielsweise hat aber niemand auch nur davon gehört. Bestimmte ökologische Probleme werden zweifellos auch da auftauchen, wo Wasserwege wie der Fluss Scheksna (Oblast Wologda), der Wolchow, die Newa und der Saimenskij-Kanal (Oblast Leningrad) gekreuzt werden müssen. Zur Vorbereitung der Trasse auf dem Gebiet des Leningrader Oblast wird ein 500 Kilometer langer und 45-50 Meter breiter Waldstreifen zerstört werden müssen. Die Pipeline wird mit Sicherheit die Ackerkrume schädigen; landwirtschaftliche Flächen werden aus der Bewirtschaftung herausgenommen werden müssen. Auf dem Gebiet des Leningrader Oblast wird die Pipelinetrasse 40 Autostraßen und 17 Eisenbahnlinien kreuzen müssen und auf einem 100 Kilometer langen Streifen auf Felsvorsprünge gelegt werden.
Diese Fakten sind alle bekannt. Aber das Unternehmen Nord Stream muss der breiten Öffentlichkeit erst noch in einem ökologischen Gesamtbild darlegen, wie sich diese Tatsachen auf die Umwelt auswirken werden - und zwar jenseits des Geredes darüber, dass „alles berücksichtigt werden wird“.
Und nun zu den Kompensationsmaßnahmen. Es sieht so aus, als beschränkten diese sich vornehmlich darauf, die Unordnung an der Trasse aufzuräumen. Hier ist ein Beispiel: In Tichwin fanden letztes Jahr öffentliche Anhörungen auf der Grundlage von Materialien zu einer Einschätzung der Umweltfolgen bei der ersten und zweiten Bauphase der Nordeuropäischen Erdgasleitung statt. Die Organisatoren der Anhörung sprachen viel über die Einhaltung der Umweltgesetze. Als jedoch eine konkrete Frage nach der Höhe der Kompensationszahlungen an den Rayon Tichwin gestellt wurde, sagten die Auftraggeber und Autoren des Projekts, dass solche Daten bislang nicht vorlägen. Später wurden bestimmte Daten jedoch gefunden. Demzufolge werden im Rayon Tichwin 335,5 Hektar Land für den Pipelinebau umgewidmet werden; der Rayonhaushalt wird laut den Planungen dafür 495 089 Rubel an Kompensationszahlungen erhalten. In anderen Worten: Für jeden Hektar Land, der der Bewirtschaftung entzogen wird, werden die Tichwiniter weniger als 1500 Rubel erhalten – rund 50 Euro. (Zum Vergleich: Im Moskauer Oblast belaufen sich die Kosten für ein Stück Land pro Hektar auf 250 000 Dollar. Selbst in Bolivien kostet ein Hektar Land 300 Dollar.
Zum Thema Überwachung wurde auch nicht viel gesagt. In Grjasowetz haben sie gesagt, sie würden ein Umweltlabor bauen. Häufiger werden in diesem Zusammenhang Untersuchungen des Osteseegrundes genannt, mit denen die russische Ostseeflotte angeblich befasst ist. (Wie sich die russische Marine mit Umweltsicherheit befasst, habe ich am eigenen Leib erfahren, als ich Artikel über die geheime Versenkung radioaktiven Abfalls durch die Pazifikflotte im Japanischen Meer schrieb – G.P.) [Wegen seiner Bemühungen verbrachte Grigory Pasko drei Jahre im Gefängnis – der Herausgeber]
Nichtsdestoweniger ist die Überwachung des gesamten NEGP-Baus unbedingt notwendig. Der unterseeische Abschnitt der Nordeuropäischen Ergasleitung hat den Ostseeanrainern und vor allem den Ökologen Sorgen bereitet, und das zweifellos zu Recht.
Bekanntermaßen wird sich der Unterwasserabschnitt der NEGP (von der Portowaja-Bucht im russischen Rayon Wyborg bis zur deutschen Ostseeküste in der Nähe von Lubmin) auf insgesamt 1198 Kilometer belaufen. Die Planungen für den unterseeischen Teil der Pipeline unterliegen den Normen der norwegischen Klassifikationsgesellschaft DNV, die weltweit für den Bau von Untersee-Pipelines genutzt werden.
Der Strand bei Lubmin, wo die Erdgasleitung ankommen wird; Foto von Grigory Pasko.
Nord Stream wird durch die ausschließlichen Wirtschaftszonen in Russland, Finnland, Schweden, Dänemark und Deutschland ebenso verlaufen wie durch Gewässer in russischem und deutschem Hoheitsgebiet. Mit Ausnahme Russlands werden diese Staaten im Rahmen der Espoo-Konvention „Ursprungsparteien“ bezeichnet. Russland hat diese Konvention unterzeichnet, aber nicht ratifiziert; soweit das in Anbetracht der nationalen Gesetzgebung möglich ist, wird es als „Ursprungspartei“ auftreten.
NEGP-Repräsentanten verkünden fortwährend das immergleiche Mantra: Gemäß der Espoo-Konvention umfassen die Stadien der Umweltverträglichkeitsprüfung im grenzüberschreitenden Rahmen, abgesehen von der Einreichung einer Projektinformation (anscheinend schon geschehen), Konsultationen der zuständigen Organe und der breiten Öffentlichkeit, die Vorbereitung einer Umweltverträglichkeitsprüfung und eines entsprechenden Berichts sowie Feldforschung auf der Grundlage von HELCOM-Daten mit dem Ziel, die Meeresumwelt der Ostsee – einschließlich Flora, Fauna, Wasserzusammensetzung und Ablagerungen auf dem Meeresgrund – am Routenverlauf der Gaspipeline zu untersuchen. Die vorbereitenden Arbeiten für den Umweltverträglichkeitsbericht sollen laut Plan im Herbst 2007 angeschlossen sein. Die endgültige Genehmigung der Umweltverträglichkeitsprüfung möchten die Bauherren der NEGP Anfang 2008 erreichen.
Gazprom-Vertreter beharren darauf, dass eine Begutachtung des Ostsee-Meeresgrunds über die gesamte Länge der künftigen Pipeline auf einer Breite von 2 Kilometern bereits durchgeführt worden sei und dass die zu umgehenden Orte – das heißt gesunkene Schiffe, abgestürzte Flugzeuge, Schleppnetze und große Fischereigeräte - schon identifiziert worden seien. Dabei wird stillschweigend impliziert, dass die Pipelinetrasse ihnen nirgendwo nahe kommen wird. Laut der Projektdokumentation geraten militärische Übungsgebiete zwischen Rügen und dem Osten der dänischen Insel Bornholm „in Konflikt“ mit dem geplanten Pipelineverlauf.
In der Projektdokumentation der Nord Stream heißt es auch, dass in den Jahren 1947 und 1948 auf Anordnung der Alliierten östlich von Bornholm annähernd 11 000 Tonnen und bei Gotland 1000 Tonnen chemischer Munition versenkt worden seien. Wir reden hier über giftige Gase und Phosgen in Granaten von mittlerem Kaliber, über Bomben aus dem Luftkrieg, „Container“ oder „Fässer“.
In Greifswald traf ich mich mit Vertretern von Greenpeace, den Grünen und der Nichtregierungsorganisation BUND. Sie nannten verschiedene Aspekte des NEGP-Baus, die sie beunruhigen. Bemerkenswerterweise standen die Chemiewaffen dabei nicht auf der Prioritätenliste. Die genannten Probleme standen vielmehr mit der Einrichtung eines Gaslagers in einem Industriegebiet nahe Lubmin, der Abholzung von Wäldern, der Beeinträchtigung der Ackerkrume, der Industriefischerei und anderem in Verbindung. Aber im großen Ganzen, meinten die Ökologen, seien sie nicht gegen den Bau der Pipeline.
Luc Leippold und Dr. Ralph Doring, Angehöriger der Greifswalder Universität und BUND-Mitglied; Foto von Grigory Pasko.
In diesem Zusammenhang ist die Ansicht von Jewgeni Schwartz erwähnenswert. Der Vorsitzende des russischen Zweigs des WWF merkte an, dass unter dem Gesichtspunkt einer Lösung für die versenkten Chemiewaffen der Bau der Pipeline über den Meeresgrund sogar insofern von Nutzen sei, da dadurch vielleicht die Aufmerksamkeit der regionalen Behörden auf dieses Problem gelenkt werde. Ich muss zugeben, dass ich dies für das schwächste Argument in der Gedankenführung der Ökologen halte. Hier ist ein Beispiel, warum: Seit Jahrzehnten „lenken“ Ökologen „die Aufmerksamkeit“ der russischen Behörden auf den Baikalsee, doch in der ganzen Zeit war an seinem Ufer eine Papiermühle in Betrieb und ist es noch heute. Und selbst die Entscheidung, die Ostsibirien-Pazifik-Pipeline am Baikalsee vorbei zu bauen, zeugt meiner Ansicht nach eher vom autoritären System des Präsidenten Putin denn von der Wirkung der Aktionen, die die Ökologen in Gang gesetzt haben.
Dafür, dass der ökologische Zustand der Ostsee keinen Schaden erleiden wird, spricht nach Meinung der Planer auch, dass während der Bauarbeiten moderne metallurgische Techniken zum Einsatz kommen werden: hochdehnbare Stähle, Röhren mit verbesserter Korrosionsschutzbeschichtung und so weiter. Sie führen die Erfahrung bei dem Betrieb von Untersee-Pipelines an: In dreißig Jahren hätten beispielsweise die Unternehmen Statoil und Norsk Hydro bei ihren Pipelines in der Nordsee nicht nur keinen einzigen Unfall, sondern noch nicht einmal Betriebsstörungen gehabt.
Wie kann man sich hier nicht an die Versicherungen erinnern, die die Planer und Betreiber der Tschernobyl-Reaktoren über deren Sicherheit abgaben? Schließlich gibt es für alles ein erstes Mal.
Die Ostsee in einer Aufnahme von Grigory Pasko
Natürlich ist es gut zu hören, dass Nord Stream die Sorgen und Empfehlungen der Ostsee-Staaten berücksichtigt und sich verpflichtet sicherzustellen, dass die neue Pipeline hohen ökologischen Standards entspricht. Noch besser wäre es, wenn sich das Unternehmen solche Beschlüsse auch beim Pipelinebau über russisches Territorium zueigen machen würde.
Es wird angenommen, dass die Stellungnahmen zu allen aufgeworfenen Fragen in den Bericht über ein Umweltfachgutachten eingehen werden, den «Gazprom» und seine Mitstreiter im Herbst 2007 vorlegen wollen. Okay, ich denke, wir werden das Erscheinen des Berichts abwarten. Vielleicht wird er Antworten auf all die Fragen enthalten, die die Gesellschaft interessieren.