Von Grigory Pasko, Journalist
Bei meinen Reisen in mehrere Städte in Russland kam ich nicht umhin, den Straßen Beachtung zu schenken. Meine jüngste Fahrt in den Norden Russlands, um darüber zu berichten, wie der Landschnitt der Nordeuropäischen Erdgasleitung gebaut wird, war da keine Ausnahme. Nicht nur die Straßen in Wologda und Babajewo hinterließen bei mir Eindruck, sondern auch die Bemerkungen derjenigen, die auf die eine oder andere Art für deren Zustand verantwortlich sind.
Am 10. Juni wurde Wologda 860 Jahre alt. Als ich bei meiner Pipeline-Reise durch die Stadt kam, konnte ich die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten beobachten.
Zwei Dinge sprangen mir sofort ins Auge. Erstens: Es gibt kaum Bürgersteige in der Stadt. Stattdessen hat man Gruben und Sumpflöcher. Selbst an den Bushaltestellen gähnen mit Wasser gefüllte Schlaglöcher, und die Leute stehen und warten neben der eigentlichen Haltestelle, damit sie nicht durchnässt werden, wenn der Bus bei seiner Ankunft durch die riesige Pfütze fährt. Und zweitens: Die Festvorbereitungen waren an einem Ort deutlich zu spüren - am Kreml-Platz (in der Nähe der St. Sophia und der Auferstehungskathedrale, dem Wologdaer Kreml). Warum gerade dort? Weil der Patriarch von ganz Russland versprochen hatte, zu kommen und den städtischen Feierlichkeiten beizuwohnen.
Es ist ein ungeschriebenes, aber unumstößliches Gesetz in ganz Russland, dass Schlaglöcher nur für die Ankunft der ganz großen Herren geflickt werden. Natürlich sollten als erstes nicht die Löcher in den Straßen, sondern die in den Köpfen geflickt werden.
Wo ist der Bürgersteig? Foto einer typischen Ansicht aus Wologda von Grigory Pasko.
Am Tag meiner Ankunft schrieben die Lokalzeitungen über die im Jahr 2007 geplante Ausgabe einer Rekordsumme - 250 Millionen Rubel - für die Verbesserung der Wologdaer Straßen und Wege (ich erinnerte mich sofort an Samara, wo 3,84 Milliarden Rubel für denselben Zweck vorgesehen waren und an den Straßen noch immer nichts gemacht wurde). Und auch in Wologda beeilten sich die örtlichen Machthaber anzumerken, es sei schwierig, so viel Geld auszugeben, weil man dafür „Mechanismen, Fachleute und Material“ benötige (sie vergaßen zu erwähnen, dass man auch Integrität, Grips und ein Gewissen braucht). Insbesondere wurde dargelegt, dass Beschaffungsprobleme beim Asphalt der Aufsicht der Staatsanwaltschaft unterstünden («Wologodskije nowosti», 23. Mai 2007). (Du liebe Güte! Wann hat die russische Staatsanwaltschaft eigentlich NICHT ihre Finger im Spiel?)
Am Vorabend der Ankunft des Patriarchen wird der Kreml-Platz renoviert; Foto von Grigory Pasko.
Bemerkenswerterweise wurde in derselben Zeitungsausgabe über einen Anstieg des Schadstoffausstoßes in die Atmosphäre um 60 Tonnen allein in diesem Jahr berichtet. Als einer der Hauptverschmutzer wurden – Sie haben es schon erraten – Asphalt-Beton-Fabriken angegeben.
Fast alle Lokalzeitungen gaben großzügig den Auftritt des stellvertretenden Bürgermeisters, Valentin Gorobzow, auf einer Pressekonferenz wieder. Er für seinen Teil erzählte, es sei für das Jahr 2007 geplant, 470 Millionen Rubel allein für städtische Freizeiteinrichtungen in ganz Wologda aufzuwenden (mir fiel wieder Samara ein).
Gorobzow äußerte auch einen wunderbaren Satz, der ein Licht darauf wirft, was im Wesentlichen mit einem so rein russischen Phänomen wie „permanenter Straßenreparatur“ gemeint ist. Er sagte: „Auf der Straße, die zum Park führt, werden wir die Löcher gut ausbessern. Und direkt hinter dem Friedhof werden wir einen asphaltierten Fußgängerweg wiederherstellen.“
Verstehen Sie? In Russland bessert man nicht Straßen, sondern LÖCHER aus. Und Fußgängerwege – wo sonst, wenn nicht beim Friedhof?
In Babajewo im Wologdaer Oblast sind die Straßen genauso schlecht wie im Oblast Samara, wo ich neulich während der Arbeitssitzungen zum EU-Russland-Gipfel war. Das Stadtoberhaupt von Babajewo erzählte einem Korrespondenten der Lokalzeitung «Nascha Shisn» [„Unser Leben“] Folgendes: Es stellt sich heraus, dass im Haushalt 200 000 Rubel für die „Ausbesserung von Löchern“ bereitgestellt wurden und 700 000 Rubel für – die Asphaltierung von Straßen. Der Chef des Rayons hatte sich jedoch mir gegenüber darüber beklagt, dass die Gasleute sich in keiner Weise finanziell am Bau und der Reparatur von Straßen beteiligen.
Welche anderen Wohltaten haben die Machthaber Wologda beschert? Der Vertreter der Macht spulte die Liste ab: Sie werden 300 zusätzliche Müllurnen aufstellen [Anm. d. Übers.: Russische Städte haben anstelle von Abfalltonnen oder –körben winzige, pseudo-klassische Abfallbehälter in Urnenform aus Beton oder Metall aufzuweisen. Weil sie so klein sind, sind die augenblicklich voll, weshalb sich rundherum immer Abfall stapelt. Sie sind zum Anheben zu schwer und manchmal auch fest auf einen Zapfen montiert; wenn die Zeit für die Müllabholung gekommen ist, sitzt der Fahrer des Müllwagens daher rauchend in seiner Kabine, während eine ältere Frau aussteigt, die Urne umkippt und ihren zusammengepressten Inhalt auf den Bürgersteig entleert, die Schweinerei mit einem kurzen Reisigbesen auf eine kleine Kehrichtschaufel kehrt und Stück und Stück hinten in den Wagen wirft], mit der Verschönerung durch Anpflanzung von Blumen fortfahren; alle städtischen Friedhöfe sind bereits „auf Linie“ gebracht worden, die „Bronzelegierung der Denkmäler ist abgeschlossen“, der Transport der Kriegsveteranen zu den Festveranstaltungen organisiert, eine Bühne für das Orchester gebaut…
Ein typische russischer Urnen-Mülleimer
All das kostet vom Ausgabenstandpunkt aus gesehen nur Kopeken. Ich legte Wert darauf, etwas über die Ausgabenseite des Wologdaer Budgets des Jahres 2006 zu erfahren. Dabei kam heraus, dass 193 Millionen Rubel für so genannte gesamtstaatliche Fragen (d.h., „Bronzelegierung der Denkmäler“ und Errichtung von Orchesterbühnen) ausgegeben worden waren. Zum Vergleich: In die gesamte städtische Infrastruktur - Wohnungen und öffentliche Versorgungsbetriebe - waren 148 Millionen, in die Kultur 47 Millionen Rubel geflossen.
Früher einmal hat ein Sohn dieser Gegend, der russische Dichter und Schriftsteller Warlam Schalamow, der fast genau zwei Jahrzehnte in stalinistischen GULAG-Lagern verbrachte, über Wologda geschrieben: „Manchmal ist es zu staubig, vulgär und fleischlich; dann wieder ist es zu exilähnlich. Und zu spitzenartig.“ Spitzenartig – damit spielte er auf die berühmte Wologdaer Spitze an. Beispiel dafür sah ich in den Wologdaer Geschäften: schön und sehr kostspielig. Heutzutage ist eine andere Art von „Spitze“ in Mode: die Versprechungen der Macht, den Leuten ein gutes Leben zu bescheren. Gute Straßen schaffen es kaum auf den letzten Platz der Liste dessen, was ein „gutes Leben“ ausmacht. Nur das Leben geht vorwärts, während Straßen etwas sind, dass Russland nie hatte und noch immer nicht hat.
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