Konkurrenz für die Nabucco-Pipeline

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Russland mischt sich weiterhin in Europas Pläne ein, bei der Energieversorgung unabhängiger von einzelnen Lieferanten zu werden. Kremlchef Wladimir Putin kündigte gestern an, dass seine Regierung den Bau neuer Pipelines erwäge, um Gas nach Europa zu transportieren. "Auf unserer Agenda steht die Diversifizierung der Energie-Transportrouten, sagte er auf einer Konferenz der Schwarzmeer-Anrainerstaaten (BSEC) in Istanbul.

Bereits am Freitag hatte der vom Staat kontrollierte russische Gasgigant Gazprom mit Italiens Energiekonzern Eni den Bau einer neuen Erdgas-Pipeline von Russland durch das Schwarze Meer nach Bulgarien und von dort weiter nach Österreich und Italien vereinbart. Das South- Stream-Projekt steht in direkter Konkurrenz zur Nabucco-Trasse, die zentralasiatisches Gas an Russland vorbei nach Europa bringen soll.

Gestern kündigte der türkische Energieminister Hilmi Güler am Rande der BSCE-Konferenz zudem an, Russland und Iran könnten sich selbst an der Nabucco-Pipeline beteiligen. Die 3 300 Kilometer lange und fünf Mrd. Euro teure Röhre, die Erdgas aus der Region des Kaspischen Meeres durch die Türkei und Mitteleuropa bis Österreich transportieren soll, ist von den Staats- und Regierungschefs der EU zu einem der "vorrangigen Projekte" beim Ausbau des europäischen Leitungsnetzes erklärt worden. Die wegen ihrer Wichtigkeit und Größe von der "Asian Times" als "Dicke Dame" bezeichnete Pipeline soll von 2011 an jährlich bis zu 31 Mrd. Kubikmeter Erdgas nach Europa bringen - und eigentlich die EU von Russlands Lieferungen unabhängiger machen.

Doch dieses Vorhaben wurde bisher massiv vom Kreml torpediert, der mit den Kaspi-Anrainerstaaten Turkmenistan und Kasachstan gerade den Bau einer neuen Rohrleitung am Ostrand des weltgrößten Binnenmeeres gen Russland diskutiert hat. Moskau kauft den Europäern das Erdgas am Kaspischen-Meer weg. Nur Aserbaidschan liefert bisher schon Erdöl über die von BP gebaute Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan westwärts und wird noch in diesem Jahr erstmals auch Erdgas in die Türkei liefern.

Das gasreiche Turkmenistan unterstrich unterdessen, dass es für den Bau einer Kaspi-Pipeline nach Russland bisher nur eine Absichtserklärung gebe und keine Beschlüsse, wie in russischen Berichten fälschlicherweise dargestellt. Turkmenistans neuer Präsident Gurbanguly Berdymuhamedow unterstrich bei seinem jüngsten Besuch in Iran, dass sein Land eine Diversifizierung der Abnehmerländer anstrebe.

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Nabucco wird bisher von den Energiekonzernen OMV (Österreich), Botas (Türkei), Bulgargaz (Bulgarien), MOL (Ungarn) und Transgas (Rumänien) geplant. Die USA, die einst Nabucco zur Schaffung einer stärkeren Energieunabhängigkeit der Partner Türkei und Europa von Russland angeregt hatten, haben OMV aber kürzlich gewarnt, auch Iran an die Leitung anzuschließen. Das aber will auch Güler, der bereits mit Irans Energieminister Parviz Fattah verhandelt. Auch im EU-Ministerrat sieht man "Europas Beziehungen zu Teheran sehr wichtig werden für unsere Versorgungssicherheit". Aber das sei politisch heikel, ergänzt der EU-Vertreter, der ungenannt bleiben will: "Bisher war Nabucco offiziell ohne Anbindung an das Lieferland Iran diskutiert worden. Aber eine solche Riesen-Pipeline ist ohne iranisches Erdgas wirtschaftlich sinnlos. Das weiß auch Washington und torpediert das Vorhaben deshalb."

Politische Querschüsse gegen die Nabucco- Trasse kommen seit Neuestem aber auch von innerhalb der EU: Der zehn Mrd. Euro teure Eni-Gazprom- Plan für die South-Stream-Route wird von Experten als direkte Konkurrenz zu Nabucco angesehen. Zudem würde damit die Abhängigkeit Europas von russischem Gas nicht verringert. Nabucco sei "nur ein lang gehegter Traum, aber wir brauchen Projekte", hatte zuvor Ungarns Premier Ferenc Gyurcsany gesagt. Ungarn wird für Gazprom zum Schlüsselstaat: Budapest treibt mit seinem Eintreten für South Stream einen Keil in die EUEnergiepolitik. Zugleich will sich Gazprom für einen Einstieg des deutschen Eon-Konzerns in das sibirische Gasförderprojekt Juschno-Russkoje ungarische Eon-Beteiligungen sichern.

Die EU muss sich beeilen, denn um ihre Klimaschutzziele zu erreichen, müsste sie bis 2020 ihre Erdgasimporte um 150 Mrd. Kubikmeter pro Jahr steigern. Eine Mammutaufgabe angesichts einer Jahreseinfuhr von jetzt rund 500 Mrd. Kubikmeter. Und im Kampf um Rohstoffe "muss die EU akzeptieren, dass ihre Bedeutung am Verhandlungstisch geringer wird, betont Lucia van Geuns von der niederländischen Clingendael-Stiftung: "Denn bei diesen Fragen spielt die Musik mehr und mehr im Osten", sagt die Expertin mit Blick auf China und Indien. Dorthin wollen auch immer mehr Förderländer ihre Pipelines bauen: Russland hat Öl- und Gasleitungen nach China im Bau und in der Planung. Turkmenistan spielt mit dem ernsten Gedanken, eine Trasse durch Afghanistan bis nach Pakistan und Indien zu bauen.

(Handelsblatt vom 26.6.07, Seite 7)

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