[Teil VII der Serie kann hier nachgelesen werden]
Zwei Bürgermeister – zwei Sichtweisen
Von Grigory Pasko, Journalist
Der Oberbürgermeister von Greifswald, Dr. Arthur König, traf mich und meinen Übersetzer genau zur verabredeten Zeit. „Deutsche Pünktlichkeit!“, rief ich erfreut. Tatsächlich war ich exakt eine halbe Stunde später nicht mehr so glücklich darüber - genau zur verabredeten Zeit entschuldigte sich der gute Doktor freundlich mit dem Hinweis, er müsse zu seinem nächsten Termin. Obwohl deutlich war, dass unsere Unterhaltung noch längst nicht beendet war.
Von Anfang an sagte Dr. König in unserem Gespräch, er vertraue fest darauf, dass die Bauherren der Erdgasleitung keine Umweltschäden verursachen würden. Und drei Mal wiederholte er, dass er für, nicht gegen die Pipeline sei. Pflichtschuldig hielt ich seine Ansicht drei Mal in meinem Notizbuch fest.
Er sprach über die Erdgasleitung und darüber, wie sie sich auf das Leben in der Stadt auswirken werde. Mehrfach unterstrich Dr. König, dass die Pipeline die Wirtschaftsentwicklung nicht nur in der gesamten Region, sondern auch in der Stadt selbst anheizen werde.
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Der Greifswalder Oberbürgermeister Arthur König; Foto von Grigory Pasko
Hier bietet es sich an, ein paar Worte über die Stadt zu sagen. Greifswald ist eine alte Hanse- und Hafenstadt, die direkt an der Ostseeküste liegt; Länder wie Dänemark, Finnland oder Schweden sind nicht weit weg. In der einen Richtung ist man schnell bei der Insel Rügen und dem großartigen Jasmund-Nationalpark mit seinen weißen Kreideklippen und der winzigen Nachbarinsel Hiddensee, die ebenfalls im Naturschutzgebiet liegt. In der anderen Richtung liegt die Insel Usedom, die zwischen Deutschland und Polen aufgeteilt ist und sich durch Strände von märchenhafter Schönheit auszeichnet. Das vielleicht wichtigste interessante Detail über Greifswald ist die Universität, eine der ältesten Europas, gegründet 1456.
Also gibt es natürlich viele Studenten in der Stadt, darunter auch Russen. Einer von ihnen beschreibt sein Leben hier so: „Greifswald ist eine echte Universitätsstadt. Es gibt eine Vielzahl an Bibliotheken und Universitätsgebäuden, Buchhandlungen… Trotz des vorwiegend regnerischen und bedeckten Wetters haben die freundlichen und warmherzigen Einwohner hier eine herzliche und gastfreundliche Atmosphäre geschaffen. Hier fühlt man sich nicht als Außenseiter, sondern bekommt im Gegenteil den Eindruck, dass man dazugehört, dass man dazu beiträgt und gleichzeitig alles bekommt, was der Ort zu geben hat.“
In einem Teil der Stadt leben die ehemals beim Atomkraftwerk der Energiewerke Nord Beschäftigten. Das AKW liegt zwanzig Kilometer außerhalb von Greifswald, rund vier Kilometer von Lubmin entfernt, das wir in meiner vorigen Folge besucht haben. In der Stadt ist außerdem eine Zweigstelle des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, ein supermodernes Forschungsinstitut, angesiedelt. [Das eigentliche MPI für Plasmaforschung hat seinen Sitz in Garching]
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Der historische Marktplatz in Greifswald; Foto von Grigory Pasko.
Im Mittelalter gehörte Greifswald zur Hanse, einer Vereinigung niederdeutscher Kaufleute. Die typische Architektur dieser Zeit, bekannt als „Backsteingotik“, ist in der Altstadt noch überall zu sehen. Das historische Zentrum hat in den Kriegsjahren im Grunde nicht gelitten: Sie sagen, dass der Befehlshaber der dortigen Garnison so klug war, sich den sowjetischen Truppen kampflos zu ergeben. Es gibt in der Stadt sogar einige sowjetische Soldatengräber. Und niemand spricht davon, sie woandershin zu verlegen.
Ansonsten ist Greifswald wie jede andere alte deutsche Kleinstadt: mit einem Marktplatz und mittelalterlichem Rathaus, einem Dom, Geschäften, Restaurants, Hotels…
Beim Rathaus traf ich mich mit Bürgermeister Arthur König. Wie sich herausstellte, hatte er im letzten Jahr auf Einladung des örtlichen Gouverneurs Chantij-Mansijsk im ölreichen Gebiet Westsibiriens besucht. Dennoch gehört weder eine russische noch eine amerikanische Stadt zu Greifswalds „Partnerstädten“ (ein beliebtes internationales Vergnügen). Eingedenk des Gaspipeline-Baus wäre es doch logisch, über die Möglichkeit einer russischen Partnerstadt nachzudenken – wie wäre es mit Babajewo? Als ich dies dem Bürgermeister vorschlug, wirkte er nicht besonders begeistert, obwohl er dem zustimmte. Meiner Ansicht nach wäre es gar nicht schlecht, wenn russische Schulkinder und Einwohner – beispielsweise aus Babajewo – kommen und Greifswald und Lubmin besuchen könnten, um mit eigenen Augen zu sehen, wohin ihr Gas (an ihnen vorbei) transportiert wird und welche Leute das Gas nutzen.
Dr. König sprach über die positiven Folgen der Erdgasleitung für Greifswald, darüber, dass deren Planer und Bauherren die Umweltprobleme, die zum Beispiel durch die auf dem Grund der Ostsee liegenden Chemiewaffen verursacht werden, erfolgreich lösen würden.
Es zeigte sich, dass der Bürgermeister von Lubmin, Herr Klaus Kühnemann, die Pipeline und ihre Rolle für die Region ganz anders beurteilte.
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Lubmins größtes Plus – der Strand; Foto von Grigory Pasko
Zum Teil drückte er Sorge darüber aus, dass Lubmin für manche Touristen an Attraktivität einbüßen könnte, weil drei große Industrieanlagen auf einmal – eine Gaskompressorstation sowie ein Gas- und ein Kohlekraftwerk – in der Gegend auftauchen werden, weil Hunderte Hektar Wald für die Pipelinetrasse abgeholzt werden müssen und weil der Bau einer Gasspeicheranlage sich negativ auf das Ökosystem des Greifswalder Boddens auswirken könnte. „Natürlich“, sagte er, „haben sie Ihnen bei der EWN [Energiewerke Nord GmbH, der Eigentümerin des stilgelegten Atomkraftwerks – d. Übers.] zweifellos erzählt, dass alles normal sein, dass alles berücksichtigt werden wird… Vielleicht, aber bislang habe ich derart präzise Berechnungen und Beschlüsse noch nicht gesehen und kenne sie daher nicht.“
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Der Lubminer Bürgermeister Klaus Kühnemann; Foto von Grigory Pasko
Zwei Bürgermeister – und zwei diametral entgegengesetzte Ansichten über ein und dasselbe Problem. Mir scheint, dass beide Recht haben. Der erste hat Recht damit, dass die Nachfrage nach Gas in Deutschland und ganz Europa steigt (laut fachkundigen Schätzungen von 530 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2005 auf 600-700 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2015). Und da die Gasförderung in der Europäischen Union zurückgeht, werden 75 Prozent des Bedarfs über den Import gedeckt werden müssen (im Jahr 2005 lag der Anteil bei 57 Prozent).
Und der zweite Bürgermeister hat damit Recht, dass großartige Projekte in der Regel mit ökologischen Risiken Hand in Hand gehen.
Was hat keiner der Bürgermeister erwähnt? Dass Erdgaslieferungen im Energiedialog zwischen der Europäischen Union und der Russischen Föderation ein wichtiges Thema sind. Die EU betrachtet den geplanten Bau einer neuen Erdgasleitung als eines der vorrangigen Energieprojekte, das den Interessen Europas dient. Aber begreifen die Eurokraten auch die Notwendigkeit, den Wettbewerb auf den Energie- und Gasmärkten anzukurbeln, die Verlässlichkeit der Lieferungen zu erhöhen und die Umwelt zu schützen (Artikel 154-56 des Vertrags von Amsterdam aus dem Jahr 1997)?
Und wird die Nordeuropäische Gasleitungsgesellschaft all das berücksichtigen? Das wird erst die Zeit zeigen.
Der Autor möchte dem Übersetzer Bernhard Clasen für seine Hilfe bei der Vorbereitung dieses Artikels danken.