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Grigory Pasko: Dem NordStream folgend (Teil VIII)

[Teil VII der Serie kann hier nachgelesen werden]

Zwei Welten – zwei Häuser

Wird eine Pipeline sie verbinden können?

Von Grigory Pasko, Journalist

Anmerkung des Herausgebers: Heute beginnen wir damit, die zweite Hälfte der Artikelserie zu veröffentlichen, in der der Journalist Grigory Pasko über seine Reise zu den Orten erzählt, an denen die Nordeuropäische Gaspipeline – die jetzt Nord Stream heißt – gebaut wird. Dieses Mal besuchte Grigory Greifswald und Lubmin in Deutschland und reiste dann mit der Fähre von Travemünde nach Helsinki – eine Route, die weitgehend mit dem Verlauf der zukünftigen Pipeline über den Grund der Ostsee übereinstimmt. Grigory kam ein paar Stunden vor seinem Vortrag in Helsinki an, den er bei einer Anhörung des finnischen Parlaments zum Thema „Die Ostseepipeline – eine Herausforderung für die EU und die regionale Zusammenarbeit im Ostseeraum“ halten sollte. Hier zeigte er auch zum ersten Mal den Rohschnitt vom ersten Teil seines Dokumentarfilms, den er für uns über das Pipeline-Projekt dreht:

Die Anhörung fand Mitte Juni in Helsinki statt; es ging um die ökologische Komponente des Pipeline-Baus. Politiker, Umweltschützer, Wissenschaftler und Journalisten waren da, und auch ein Vertreter des Unternehmens Nord Stream, der stellvertretende Technische Direktor Dirk von Ameln. Da Dr. von Ameln in großer Eile war, schafften wir es nur, unsere Visitenkarten auszutauschen und zu vereinbaren, dass wir uns in Zukunft einmal zu einem Interview treffen würden.

Für mich war es wichtig zu sehen, dass ein Repräsentant der Nord Stream an einer Umweltanhörung teilnahm anstatt sie zu ignorieren, wie es gewöhnlich von Vertretern der russischen Monopolisten getan wird.

Ich hielt einen kurzen Vortrag über meine Reise entlang der GESAMTEN Route der Nordeuropäischen Erdgasleitung und stellte dabei fest, dass es nicht einen einzigen weiteren Teilnehmer der Anhörung gab, der die GESAMTE Route abgefahren ist – das Teilstück durch die Ostsee UND den Landabschnitt in Russland. Daher hatte ich ihnen etwas zu erzählen. Und auch ein paar Dinge, die ich den Lesern dieses Blogs erzählen kann.

Die offiziellen Berichte über den unterseeischen Abschnitt der Nordeuropäischen Gaspipeline geben gewöhnlich zwei Punkte an: den Beginn der Leitung im russischen Wyborg und ihr Ende im deutschen Greifswald. Tatsächlich beginnt sie 66 Kilometer von Wyborg entfernt – am Rande des Dorfes Bolschoi Bor in der Portowaja-Bucht Das Gleiche gilt für Greifswald: In Wirklichkeit muss man von Greifswald aus zunächst mehr als zwanzig Kilometer in den Osten fahren, in das Seebad Lubmin, und von dort noch ein paar Kilometer weiter, bis man zum Atomkraftwerk der Energiewerke Nord gelangt, das vor fünfzehn Jahren abgeschaltet wurde. Hier, im Industriegebiet rund um das ehemalige ostdeutsche Atomkraftwerk, wird der Unterwasserabschnitt der Nord-Stream-Leitung das Festland erreichen.

[Anmerkung des Herausgebers: Wäre Grigory nur noch 12 Kilometer weiter nach Osten gefahren, hätte er einen weiteren Ort erreicht, der lange mit der Annäherung zweier Völker in Verbindung gebracht wurde – in einer etwas anderen Weise: Die ehemals gefürchtete Erprobungsstelle der Luftwaffe in Peenemünde, wo die Ingenieure der Nazis unter der Leitung von Dr. Wernher von Braun die weltweit erste Rakete – die V2 – entwickelten und testeten. Sie brachte England der deutschen Feuerkraft während des Großen Vaterländischen Krieges (1941–1945) erschreckend nahe und leitete eine neue Ära in der Menschheitsgeschichte ein: die Kriegführung in der Ferne von der Behaglichkeit eines Kontrollraumes aus.]

Mein Dolmetscher Bernhard Clasen und ich kamen morgens an. Die Sonne war bereits teuflisch heiß. Ein gewaltiger Strand lockte die Besucher. Das Meer verströmte eine bleierne Kälte, dennoch gab es bereits Leute, die ein kurzes Bad nehmen wollten, obwohl das Wasser noch nicht so warm war, wie es noch werden sollte.

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Ein Schild, das Urlauber im Seebad Lubmin willkommen heißt; Foto von Grigory Pasko.

Gleich zu Beginn meiner Interviews in Deutschland traf ich mich mit Einheimischen. Eine von ihnen, Frau Heitrun Moritz, begrüßte mich in ihrem zweiten Zuhause – einem Hotel und Restaurant am Ufer des Greifswalder Boddens. Sie sprach davon, wie sie ihr ganzes Leben hier verbracht habe und dass es nirgendwo auf der Welt einen besseren oder schöneren Ort gebe. „Und wo sonst sind Sie noch auf der Welt gewesen?“, fragte ich. „Nirgends!“, antwortete sie begeistert.

Es war schwer, Frau Moritz nicht beizupflichten – das Meer ist in Lubmin wirklich unglaublich schön. Ein herrlicher Strand, ein Kiefernwald in der Nähe, saubere Seeluft ... Sie sagen, die Sonnenuntergänge sind in dieser Gegend atemberaubend. Ein wenig östlich von all dieser Schönheit kann man den dunklen Streifen eines Damms erkennen. „Das ist der Kanal, der zum Atomkraftwerk führt“, erklärte Frau Moritz. „Und dort, gleich hinter dem Damm, werden sie das Leitungsrohr verlegen.“

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Der Strand am Greifswalder Bodden bei Lubmin; Foto von Grigory Pasko.

Es stellte sich heraus, dass die Einheimischen und die kommunalen Volksvertreter – unserem Gespräch hatte sich inzwischen ein Mitglied der Greifswalder Bürgerschaft, Herr Gerhard Bartels, angeschlossen – nicht gegen die Gaspipeline sind: Neben Gas für ganz Deutschland und Europa wird es in einer wirtschaftlich schwachen Region des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern Arbeitsplätze mit sich bringen. Rund 7000 Menschen haben durch die Stilllegung des Atomkraftwerks ihren Job verloren. Die amtliche Arbeitslosenquote in der Region beträgt 25 Prozent. Laut Herrn Bartels sind es tatsächlich mehr als 30 Prozent. Nach Ansicht vieler Fachleute werden sich die Pläne zum Bau zweier Kraftwerke – eines für Gas und das andere für Kohle – sowie einer Gaskompressorstation auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks auf die regionale Wirtschaft belebend auswirken und ihrer Entwicklung neue Impulse geben.

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Frau Moritz und der Vertreter der Greifswalder Bürgerschaft, Bartels. Sie haben allen Grund, sich Sorgen zu machen; Foto von Grigory Pasko.

Die Frage ist, wie man wirtschaftliche Zweckmäßigkeit und Umweltsicherheit in dieser Region miteinander verbinden kann. Am Ende werden die Kraftwerke die Umwelt doch in der einen oder anderen Weise schädigen. Zum Beispiel müssen im Zusammenhang mit der Pipeline-Verlegung über 300 Hektar Wald südlich von Lubmin abgeholzt werden. Heute ist Lubmin als Urlaubsort weithin bekannt: Wird es auch nach dem Bau der Gas- und Kohlekraftwerke und der Kompressorstation so beliebt bleiben?

Frau Moritz kämpft leidenschaftlich dafür, dass alle Umweltstandards beachtet werden, und sie hofft, dass die deutschen Gesetzte es den Bauherren nicht erlauben werden, diese Standards zu verletzen. Man kann sie verstehen: Ihre Hotel- und Restaurantgäste kommen unter anderem wegen der unberührten Natur in diese Gegend.

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Ein typisches Haus in Lubmin; Foto von Grigory Pasko.

... Gerhard Bartels erzählte mir, wie gerne seine 80-jährige Mutter den Sonnenuntergängen am Greifswalder Bodden zusieht. Das erinnerte mich an Margarita Alexandrowna, die 70-jährige Rentnerin aus Babajewo, der es kein bisschen gefällt, dass sie ihr Haus mit Holz beheizen muss, aber sie hat keine Wahl: Zu ihrem Haus führt keine Gasleitung, obwohl zwei ihrer Söhne für eine Gazprom-Tochtergesellschaft arbeiten.

Und ich erinnerte mich ebenfalls daran, dass die Bewohner der russischen Städte nicht viel über die Umwelt gesprochen haben - im Gegensatz zu den Einwohnern von Greifswald und Lubmin. Wahrscheinlich deshalb, weil die Deutschen nicht über die Straßen nachdenken müssen: Sie denken an den Wald – wie man ihn vor den Beeinträchtigungen durch die „Gaszivilisation“ schützen kann.

„Frau Moritz“, fragte ich. „Was ist Ihr größter Wunsch?“

„Dass alle Menschen miteinander Frieden schließen und lernen, die Interessen der anderen zu respektieren. Und es schmerzt mich auch, dass Ihre Leute in Armut leben. Während wir hier denken, dass wir ein Anrecht auf dieses Gas haben ...“

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Ein typisches Haus in Babajewo; Foto von Grigory Pasko.

Frau Moritz drückte auch ihr Erstaunen darüber aus, dass in Moskau (gemessen an der Konzentration auf einem kleinen Gebiet) mehr Millionäre als irgendwo sonst leben. Und die Deutschen sammeln noch immer humanitäre Hilfe für die Russen.

Nach dem zu urteilen, was ich in Babajewo gesehen habe, erreicht die deutsche Hilfe nicht immer diejenigen, die sie brauchen. Und im Übrigen gibt es Menschen, die noch ärmer als die Bewohner von Babajewo sind: Sie mögen kein russisches Gas haben, aber sie haben wenigstens die Hoffnung, dass es in ihre Häuser kommen wird. So wie es einmal zu den Deutschen im Herzen Deutschlands gekommen ist. Und wie es wiederum zu den Deutschen in der Umgebung von Greifswald kommen wird. Vielleicht – und höchstwahrscheinlich – wird es zu den Deutschen wieder einmal früher kommen als zu den Russen.

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