[Teil VI der Serie kann hier nachgelesen werden]
Die Portowaja-Bucht – ein Stück noch unberührter Natur
Von Grigory Pasko, Journalist
Ausgangspunkt für den unterseeischen Abschnitt der Nordeuropäischen Erdgasleitung wird eine Kompressorstation an der Küste sein, die in der Portowaja-Bucht (in der Nähe der Stadt Wyborg im Leningrader Oblast) gebaut werden wird. Über den Grund der Ostsee wird die Trasse bis nach Greifwald an der deutschen Ostseeküste mit einer möglichen Anbindungsleitung nach Schweden verlegt werden. Dann wird die Pipeline durch deutsches und niederländisches Territorium bis zum britischen Bacton verlaufen.
Dies ist die Absicht der Pipelinebauherren. Sie und ich, liebe Leser, waren bereits in Grjasowetz, wo die Pipeline ihren Anfang nimmt, in Babajewo und sind an St. Petersburg und Wyborg vorbeigefahren. Nun führt uns unser Weg zur – Portowaja-Bucht.
…Als mein Fahrer und ich auf die Hauptverkehrsstraße Richtung Finnland fuhren, warnte uns ein Schild am Straßenrand, dass wir gerade Grenzgebiet betreten hätten. Anders als viele, wenn nicht die meisten russischen Straßen zeichnen sich diejenigen nach Finnland durch gute Qualität aus. Einheimischen Fahrern zufolge haben die Finnen die russischen Behörden dazu gezwungen, die Straßen so zu bauen.
Nach dem Dorf Kondratjewo verlief unsere Route jedoch über eine unbefestigte Straße. Dann über einen Waldweg bis zum Dorf Bolschoi Bor. Hier bat ich meinen Fahrer anzuhalten. Die Einheimischen reagierten auf all meine Fragen, nicht nur auf die über die Gaspipeline, mit Unwillen: Offensichtlich machte sich der Einfluss des Grenzstreifens bemerkbar. Selbst einer derjenigen, die ihren Mut zusammennahmen und ein Interview gaben, stellte eine Bedingung: Erwähnen Sie nicht meine Arbeit. Warum nicht?, fragte ich. Das ist ein Geheimnis, bekam ich zur Antwort.
Was soll ich dazu sagen? Schon Ende des achtzehnten Jahrhunderts sagte Zarin Katharina II. (die Große): „In Russland ist alles ein Geheimnis, aber nichts ist geheim.“
Der Mann wurde Leonid genannt. Dem Aussehen nach war er über Fünfzig. Er sagt, dass er davon träumt, vor der Rente noch einen Job bei der Kompressorstation zu bekommen, die in der Umgebung gebaut werden wird. Natürlich mag er es nicht, dass in der Gegend, gleich bei seinem Haus, Bäume gefällt werden, aber er hofft, dass die Umwelt nicht gravierend beeinträchtigt werden wird. Im Allgemeinen, so sagt er, sei die Gaspipeline jedoch eine gute Sache. Und auch, dass er darauf vertraue, dass die Gasleute die Häuser auf dem Land an das Gas anschließen werden. Ich wollte ihn wirklich nicht beunruhigen, aber mir blieb keine Wahl; also erzählte ich ihm von den Einwohnern von Babajewo, die schon seit zwanzig Jahren buchstäblich auf den Gaspipelines leben und in ihren Häusern dieses Gas nicht zu sehen bekommen.
Leonids Miene verdunkelte sich.
Ein Dorfbewohner aus Bolschoi Bor, der davon träumt, in der künftigen Kompressorstation einen Job zu bekommen; Foto von Grigory Pasko.
Danach fuhren wir in Richtung Portowaja-Bucht. Und so sind wir fünf, sechs Kilometer hinter Bolschoi Bor, endlich da. Oblast Leningrad. Rayon Wyborg. Der Finnische Meerbusen. Die Portowaja-Bucht. Die Schönheit ringsherum ist unbeschreiblich. Überall hört man Vogelgesang. Jungfräuliche Wälder. Makellose Gewässer.
Mit all dem wird es in ein paar Monaten vorbei sein. Natürlich werden die Bauherren Umweltnormen beachten. Aber die Vögel und die Bäume werden verschwunden sein. Und das Wasser wird nicht mehr kristallkar sein. Das lässt sich gar nicht vermeiden. Es ist die Kehrseite jedes Bauprojekts und nahezu jedes Fortschritts der modernen Zivilisation.
Die Presse berichtete bereits über den geplanten Bau von Zufahrts- und Erschließungsstraßen in dieser Gegend, von Infrastruktur, Häusern für die Arbeiter der mit dem Vorhaben beauftragten Firmen und für die Fachleute, die die Pipeline in Betrieb nehmen werden. Nach Auskunft der Bauleitung liegen alle Arbeiten an der Nordeuropäischen Gaspipeline genau im Zeitplan. Dank des Einsatzes moderner Technik verläuft die Verlegung der Pipeline, auch unter den Flüssen Wolchow und Newa, qualitativ hochwertig. Die Bauarbeiten an der Nordeuropäischen Erdgasleitung unterliegen der Kontrolle durch staatliche Aufsichtsorgane und sind strikt ökologisch organisiert.
Meiner Erfahrung nach passen die Worte „strikt“ und „staatlich“ in Russland allerdings nur dann zusammen, wenn es um die Verhängung von Gefängnisstrafen gegen unschuldige Menschen geht. Auf die Umwelt lassen sie sich kaum anwenden.
Die Portowaja-Bucht in einer Aufnahme von Grigory Pasko. Die Gaspipeline wird hier mitten durch verlaufen.
Als Hauptsache sollte angemerkt werden: Es gibt keine schlüssige Umweltverträglichkeitsstudie zum Nord-Stream-Gaspipelineprojekt. Wenn der Bau – die Verlegung der Röhre – in der Umgebung von Babajewo stattfindet, dann haben die Arbeiten in der Nähe von Grjasowetz noch nicht einmal begonnen, während in der Umgebung von Wyborg gerade die technisch-geologische Vermessung und die Vorbereitung für die Trasse durchgeführt werden. Dies sind Arbeiten von enormer Komplexität, die ökologische Messungen und ein Verfahren zur Einschätzung der Umweltfolgen einschließen. Sie müssen zwei Ebenen durchlaufen: die nationale und die transationale, auf der ein Fachgutachten des Projekts erweisen muss, ob es die Espoo-Konvention (die Konvention über die Umweltverträglichkeitsprüfung im grenzüberschreitenden Rahmen, die 1991 im finnischen Espoo unterzeichnet wurde) erfüllt.
Mit der eigentlichen Verlegung der Pipeline über den Grund der Ostsee wird 2008 begonnen werden. Die Gesamtlänge der unterseeischen Trasse wird sich auf rund 1200 Kilometer belaufen; die maximale Wassertiefe beträgt 210 Meter. Es ist bekannt, dass für die Verlegung der Rohre moderne Spezialschiffe eingesetzt werden. Weltweit gibt es nur vier solcher Schiffe, die während der Bauzeit für die Nord-Stream-Erdgasleitung herangezogen werden können. Sie gehören Unternehmen aus den Niederlanden, Italien, Norwegen und Russland.
Vertreter der Pipeline-Bauherren versichern der Öffentlichkeit, russische und ausländische Journalisten würden sogar während der Montagearbeiten zur See freien Zugang zu den Baustellen erhalten. Das ist kaum glaubhaft, nachdem ich noch nicht einmal die Erlaubnis bekam, mit Leuten zu sprechen, die die Kompressorstationen bedienen.
Doch warten wir es ab. Russisches Staatsgebiet ist eine Sache, die Ostsee – die, Gott sei Dank, nicht Russland allein gehört – eine andere.
Ihr Korrespondent genießt die Schönheit der Portowaja-Bucht, solange es noch geht; Foto von Igor Romankow.
Wenn alles gut geht, wird meine nächste Artikelserie für den Blog aus Deutschland kommen, aus dem Gebiet, in dem die Pipeline ankommen wird: aus Greifswald.
Bis dahin, auf Wiedersehen!