[Teil V der Serie kann hier nachgelesen werden]
Wir tun, was immer man von uns verlangt
Von Grigory Pasko, Journalist
Eine Kompressorstation (KS auf Russisch) kann man als das Gehirn einer Gaspipeline betrachten. Hier finden sich die wichtigsten Funktionen: Wartung, Gaskompressor, Stromversorgung, Dispatcher, Kommunikation… Es reicht nicht, nur eine Leitung unter der Erde zu verlegen – man muss den Gasfluss und den Druck in der Leitung überwachen und auf ungewöhnliche Situationen reagieren.
Die Kompressorstation KS-2 in Babajewo, Foto von Grigory Pasko.
Die Babajewoer KS ist nicht die größte im System der russsischen Gashauptleitungen. Aber sie ist typisch. In letzter Zeit wurde die KS in Babajewo hauptsächlich in Verbindung mit der ersten Schweißnaht der Nordeuropäischen Gaspipeline erwähnt, die im Jahr 2005 genau hier gesetzt wurde. Mir stach jedoch ein Beschluss ins Auge, der 1985 auf der Sitzung Nr. 2 einer „Sektion des Energieerzeugungskomplexes“ zum Thema „Probleme beim Aufbau eines Gashauptleitungssystems Jamal-West auf dem Gebiet der ASSR Komi“ gefasst wurde. Darin war die Rede davon, dass durch den Bau von Pipelines und Infrastruktur an den Hauptsträngen Bevölkerung in die Regionen gelockt und dort verankert würde, die sich um die Wartung und Reparatur der Gasleitungen, Transport und Kommunikation, die Baumaßnahmen und den Energieerzeugungsstützpunkt kümmert. Und all das, so heißt es in dem Beschluss, ist nur möglich „durch die Schaffung von Bedingungen für die Bildung einer allseitig entwickelten sowjetischen Persönlichkeit in Übereinstimmung mit den Beschlüssen des XXVI. Parteitags der KPdSU und dem Aprilplenum (1985) des Zentralkomitees der KPdSU“.
Ich bezweifle, dass sich die Babajewoer Jugendlichen oder gar viele der Arbeiter auf der KS daran erinnern, was eine „entwickelte sowjetische Persönlichkeit“ und ein „Plenum des Zentralkomitees der KPdSU“ sind.
Über die heutige KS-2, ihre Funktionsweise und den Bau der Nord Stream-Gaspipeline bekomme ich vom Ingenieur Eduard Sudarinin, dem Chef des Wartungsdienstes Wladimir Dudka und dem Leiter der Schweiß-und-Montage-Trusts Sergej Beljajew etwas zu hören.
Die Kompressorstation Ks-2 in Babajewo; Foto von Grigory Pasko.
Ingenieur Eduard Sudarinin:
„KS-2 ist eine Einheit der Scheksninskier Leitungsverwaltung für Gashauptleitungen. Gas pumpen – das ist ihre Hauptaufgabe. Von hier geht das Gas nach Westen – in Richtung Pikalewo, Tichwin, Wolchow und später nach St. Petersburg und in den Leningrader Oblast. Und von hier aus werden wir das Gas auch durch die Nordeuropäische Erdgasleitung pumpen.Auf der KS-2 arbeiten rund zweihundert Leute. Im Moment sind zwei Werkstätten in Betrieb; zwei weitere werden noch gebaut. Die Jugendlichen kommen nicht zur Arbeit, und was die Kader angeht, ist die Lage angespannt. Unsere Gehälter sind nicht die höchsten, bei der Eisenbahn verdient man besser, also gehen sie dahin.
Nicht einmal jeder Gasmann hat Erdgas zu Hause. Viele kaufen Flüssiggas in Flaschen zu 275 Rubeln. Das ist natürlich ein großer Minuspunkt. Wie in der russischen Redewendung: ein Schuhmacher ohne Schuhe.
Eduard Sudarinin, Foto von Grigory Pasko
Sie sagen, Sie haben gehört, dass die Gasleute gut leben? Was bedeutet ›gut‹? Hier sind zum Beispiel seit zehn Jahren keine Wohnhäuser für Gasleute mehr gebaut worden. Viele haben selbst gebaut, manche leben in Mietwohnungen, andere bei den Eltern. Die Mieten sind teuer. Russisches Gas geht nach Europa – das heißt, es sollte den Leuten besser gehen. Das ist das Ideal. Aber tatsächlich – ist es nicht so.Die ökologische Komponente der Leitungen ist meiner Meinung nach in Ordnung. Gazprom hat ein Umweltprogramm. Generalüberholungen werden durchgeführt. Verschalungen, Abfälle, Holzstraßen – sie räumen alles hinter sich auf. Vorher war es, als ob eine Horde Mongolen durchgekommen wäre…
Seit Juni 2001 habe ich einen Hochschulabschluss. Ich bin ein ehemaliger Militär. Hab mich in der Ostseeflotte zum Oberleutnant zur See hochgedient, in einer elektromechanischen Kampfeinheit – BTsch-5. Ja, ich habe von den Chemiewaffen im Meer gehört. Dass sie da seit dem Krieg liegen. Ich halte ihre Gefährlichkeit für einen großen Mythos. Die Schweden und die Balten sind besorgt. Aber man wird das schließlich messen. Ich denke, das ist alles verlässlich.“
Wladimir Dudka, der Chef des Wartungsdienstes:
„Ich denke, dass es für Russland von Vorteil ist, einen Strang der Gaspipeline über den Grund der Ostsee zu ziehen. Natürlich ist das eher eine politische Frage. Aber es ist auch technisch gerechtfertigt. Moderne Gasleitungen sind für eine Betriebsdauer von fünfzig und mehr Jahren gemacht. Dank neuer Schweiß-, Steuerungs- und Isolierungstechniken kann man Gaspipelines als zuverlässig betrachten.
Wladimir Dudka; Foto von Grigory Pasko.
Welche Probleme es gibt? Das Gehalt ist nicht hoch. Die 20 000, von denen man Ihnen in Grjasowetz erzählt hat – das ist die Ausnahme von der Regel. Ein Streckenläufer bekommt 4200 Rubel Gehalt. Plus Boni und Zusatzleistungen: insgesamt 7000 Rubel monatlich. Damit kommt man nicht sehr weit.Sie sagen, die Leute in Deutschland leben gut? Überall da, wo wir nicht sind, ist es gut. Und wir… Was ist mit uns? Wir arbeiten. Wir tun, was immer man von uns verlangt.
Sergej Beljajew, der Chef des OAO Schweiß-und-Montage-Trusts:
Unser Konzern ist die älteste Organisation für den Bau von Gasleitungen in Russland: Dieses Jahr werden wir sechzig Jahre alt. Der Konzern stand im Zentrum des Pipeline-Baus in der UdSSR. Ein wendiges Unternehmen, über achthundert hochqualifizierte Leute allein in diesem Sektor. Wir bauen Rohrleitungen jeglicher Bestimmung und Dicke.
Sergej Beljajew; Foto von Grigory Pasko.
Natürlich heuern wir auf den Baustellen Einheimische an. Wir nahmen vierzig Leute und warfen zehn schnell wieder raus – wegen Trunkenheit und häufiger Fehlzeiten. Wir haben 150 Ausrüstungseinheiten. Die Rohre – vom metallurgischen Kombinat Wyksninskij – und der Stahl – aus Tscherepowez – sind für eine Betriebsdauer von vierzig bis fünfzig Jahren ausgelegt. Beim Schweißen wird die maschinelle Schweißtechnik der amerikanischen Firma CRC-Evans angewandt. Eine einzelne Fuge wird im Laufe einer Stunde verschweißt. Der Arbeitsdruck im Rohr wird 101,33 bar betragen. Die Rohre sind schwer, anderthalb mal schwerer als gewöhnliche Rohre.Die Leute sind in der Regel hochqualifiziert. Unsere Löhne sind nicht schlecht, denke ich. Wir erfüllen den Bauplan. In einigen Sektoren mussten wir sogar das Tempo erhöhen. Die Lieferungen der benötigten Materialien werden ohne Verzögerungen durchgeführt.“