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Grigory Pasko: Dem NordStream folgend (Teil V)

[Teil IV der Serie kann hier nachgelesen werden]

40-Prozent-Zufriedenheit nach Babajewo-Art

Von Grigory Pasko, Journalist

Die kleine Stadt Babajewo, die kürzlich ihren hundertsten Geburtstag feierte, schmiegt sich an das Ufer eines kleinen Flusses, des Kolp. Alles an dieser Stadt ist klein: die Häuser, die Denkmäler, sogar (so schien es mir zumindest) die Menschen.

Es gibt hier auch etwas Großes, aber man sieht es nicht: drei riesige Gaspipelines, die in einem Meter Tiefe vergraben sind. Tatsächlich ist Babajewo für seinen Eisenbahnknotenpunkt – über den lange Züge das Volksvermögen (Bauholz, Kohle, Öl) in den Westen Russlands und ins Ausland bringen – und seine Gaspipelines berühmt. Die Kompressorstation KS-2 in Babajewo ist eine Baueinheit der Scheksninskier Leitungsverwaltung für Gashauptleitungen.

Babajewo hat auch dadurch Berühmtheit erlangt, dass hier im Dezember 2005 die erste Schweißnaht für den russischen Landabschnitt der Nordeuropäischen Gaspipeline gesetzt wurde. An diesem – in den Worten eines Augenzeugen: grandiosen – Ereignis nahmen der russische Ministerpräsident Michail Frakow, der deutsche Wirtschaftsminister Michael Glos sowie die Vorstände von OAO Gazprom, Alexej Miller, der BASF AG, Jürgen Hambrecht, und der E.ON AG, Wulf Bernotat, teil.

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Die Inschrift zum Gedenken an das Ereignis lautet: „Erste Schweißnaht. Dezember 2005. Nordeuropäische Gaspipeline. Greifswald – Vyborg – Grjasowez. E.on, Gazprom, BASF“; Foto von Grigory Pasko.

Bekanntermaßen wurde für die Arbeiten am Meeresabschnitt des NEGP-Projekts am 30. November 2005 das im Schweizer Kanton Zug handelgerichtlich eingetragene Gemeinschaftsunternehmen Nordeuropäische Gasleitungs-Gesellschaft gegründet. 51 Prozent des Gemeinschaftskapitals gehören Gazprom, während die BASF AG und die E.ON AG jeweils 24,5 Prozent halten.

Zur Feier der ersten Schweißnaht sprach Miller wahrheitsgemäß: „Dieses Projekt ist auf lange Sicht angelegt und zielt darauf, die wachsenden Bedürfnisse eines vereinten Europas nach russischem Gas zu befriedigen.“ Das heißt: Von Beginn an gab es keinerlei Erwähnung, dass russische Einwohner mit Gas versorgt werden sollen.

Natürlich haben längst nicht alle Bewohner Babajewos Millers Worte gehört. Weshalb sie im Gespräch mit mir immer wieder fragten, wann wohl endlich auch sie Erdgas zu einem niedrigen Preis anstatt teures Propangas in Flaschen - 275 Rubel pro 50-Liter-Flasche (21 Kilo Flüssiggas) - würden verbrauchen können.

Bei den Feierlichkeiten zu Babajewos hundertstem Geburtstag zog der damalige Leiter des Rayons, Anatolij Swatkowskij, folgendes Resümee: Die erforderlichen Ausgaben für Wohnungsbau und die öffentlichen Versorgungsbetriebe sind nur zu 30 Prozent finanziert. Die Schulden des Rayons für Elektrizität belaufen sich auf 2,5 Millionen Rubel, für Heizkraft auf 9 Millionen Rubel. „Dennoch“, sagte er, „blicken wir mit Optimismus in die Zukunft.“

Ich traf den gegenwärtigen Chef des Rayons, Oleg Tischin. Wie sich herausstellte, betrachtet er die Gegenwart ohne Optimismus, von der Zukunft gar nicht zu reden.
In Auszügen erzählte Oleg Tischin das Folgende:

„Es wird noch ein Gasstrang gebaut. Die Leute leben weiterhin so, wie sie es immer getan haben – nicht schlechter, aber auch nicht besser. Natürlich haben manche durch den Bau eine Stelle gefunden, und es sind Organisationen aufgetaucht, die unsere Kasse füllen. Aber wir hatten wirklich gehofft, dass durch die Gaspipeline – und immerhin haben wir schon drei davon - alle Haushalte, nicht nur 40 Prozent von ihnen, Gas bekommen würden. Die Stadt hat schon seit mehr als zwanzig Jahren Gas. Aber in den Dörfern des Rayons sehen sie davon gar nichts, es wird nur in Flaschen geliefert.
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Der Chef des Rayons, Oleg Tischin; Foto von Grigory Pasko.

Die Gasmänner haben versprochen, bei dem Bau einer Straße nach Siutsch zu helfen. Gemacht haben sie es nicht. Die Straßen in der Stadt sind schlecht – die Gasmänner haben sich geweigert, bei ihrem Bau zu helfen. Aber letztlich nutzen auch sie sie für ihre Bedürfnisse. Die Gasmänner haben versprochen, beim Bau einer Anlage zur Hausmüllentsorgung zu helfen. Gemacht haben es nicht. Obwohl dieses Thema sogar in unseren gemeinsamen Vereinbarungen und den Verpflichtungen steht, die die Gasmänner der Gebietsverwaltung gegenüber eingegangen sind. Die Ergebnisse der Umweltverträglichkeitsstudie sind für sie übrigens positiv ausgefallen.

Mit Blick auf die Umwelt gibt es aber andere Klagen. Wo sind sie zum Beispiel das Wasser losgeworden, mit dem sie den Druck in den Leitungen geprüft haben? Höchstwahrscheinlich im Fluss. Aber die Naturschutzbehörde erhebt keine Ansprüche gegen sie. Sie stellt jedoch Forderungen an uns – weil wir keine Anlage zur Hausmüllentsorgung haben.

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In Babajewo, das sich keine städtische Müllkippe leisten kann, wird Müll am Straßenrand verbrannt; Foto von Grigory Pasko. Auf dem Schild steht: „Sehr geehrte Fahrer und Beifahrer! Bitte werfen Sie keinen Abfall auf die Straße! Erweisen Sie dem Werk der Straßenarbeiter Respekt!“

Meine Spielart der Gasversorgung? Du musst Geld verteilen. Sonst haben wir ein Paradox: Wir sitzen auf drei Gasleitungen und haben selbst kein Gas.

Das Bauprojekt ist groß, viel Geld ist im Spiel … Warum soll man nicht dafür sorgen, dass in die eigenen Bevölkerungszentren Geld gesteckt wird?“

Nach dem Gespräch mit Rayon-Chef Tischin ging ich in einen der Stadtbezirke, der hier der Ustjushenskij-Trakt genannt wird. Dieser Bezirk liegt auf der anderen Seite der Eisenbahngleise. Es gibt keine Fußgängerbrücke; die Bewohner müssen also auf eigene Gefahr über die Gleise laufen. Manche, so sagen sie, kommen dabei unter den Zug. Aber es ist auch kein Geld für den Bau einer Überführung da.

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Der Ustjushenskij-Trakt; Foto von Grigory Pasko.

In diesem Stadtbezirk wohnen nicht nur alte Damen, sondern auch junge Leute. Viele von ihnen arbeiten auf der Babajewoer Kompressorstation KS-2. Wie alle anderen Bewohner des Bezirks kaufen auch sie ihr Gas in Flaschen. Galina Nikolajewa arbeitet seit 21 Jahren auf KS-2, und ihr Ehemann Nikolaj ist auch dort beschäftigt. Margarita Kuropatkina ist in Rente. Aber sie hat zwei Söhne, die auf KS-2 arbeiten. Ihr Haus ist ebenso wenig wie das ihrer Nachbarin Galina an eine Gasleitung angeschlossen. Sie gehören zu den Unglücklichen, die von dem 40-Prozent-Gaskuchen in Babajewo kein Stück abbekommen haben.

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Margarita und Galina aus Babajewo, Foto von Grigory Pasko.

Wie viele Russen haben vom Volksvermögen nichts abbekommen? Es sieht jedoch so aus, als hätten die Leute sich daran gewöhnt. Sie beklagen sich nicht. Warum auch? Schließlich leben wir nicht in den Arabischen Emiraten, wo man ein Stück vom großen Kuchen erwarten könnte…

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