Russland-Experte Axel Lebahn in der WirtschaftsWoche über die Putin-Nachfolge und ihre wirtschaftlichen Konsequenzen:
Herr Lebahn, wer wird nach Wladimir Putin russischer Präsident?
Nach aller Wahrscheinlichkeit ein Klon von ihm. Wie der heißt, ist nicht so wichtig.
Was meinen Sie mit Klon?
Prägung durch eine Geheimdienstkarriere, Erfahrung in Verwaltung und Wirtschaft, Loyalität zu Putin, aber auch die Fähigkeit, Popularität in Russland zu gewinnen. Putin hat ein System geschaffen, das ganz auf Stabilität ausgerichtet ist. Das gibt er nicht auf, nur weil die Verfassung seine Wiederwahl verbietet.
Heißt das, die Nachfolgekandidaten können uns eigentlich egal sein?
Wie es in Putins offizieller Biografie heißt: "Einmal KGB, immer KGB!" Diese Geheimdienst-Prägung bedeutet, dass bei allen politischen Entscheidungen Sicherheit im Inneren und Absicherung nach außen an erster Stelle stehen, politische Abenteuer sind da nicht zu erwarten. Das derzeit erkennbare durch die kommenden Wahlen bedingte Reizklima im Kreml kann also 2008 einer konstruktiveren Politik Platz machen.
So etwas hören Investoren und Unternehmer ja ganz gern.
Ja, unter Putins Vorgängern Michail Gorbatschow und Boris Jelzin hat die Wirtschaft unter dem Chaos gelitten - da ist die Stabilisierung Russlands Putins großer Erfolg.
Aber den wirtschaftlichen Erfolg verdankt Putins Russland doch vor allem den gigantischen Preissteiger- ungen für Öl und Gas.
Sicher, und der Nachfolger wird etwas tun müssen, damit sich auch andere Wirtschaftszweige vernünftig entwickeln. Dafür braucht Russland die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern und ein gutes Investitionsklima. Das geht nur, wenn sich die Russen als verlässlicher Partner zeigen, vor allem im Energiebereich.
Was heißt das?
Putin selber hat das Ziel "Energiesicherheit" für die Beziehungen zwischen Russland und Europa proklamiert. Wenn das mehr als ein Schlagwort sein soll, muss vor allem Vertrauen in die gegenseitige Zuverlässigkeit aufgebaut werden.
Wie sollten die Russen unser Misstrauen denn abbauen?
Sie müssen zeigen, dass sie nicht kurzfristiger Vorteile wegen zu für den Westen unakzeptablen Aktionen neigen wie gegenüber der Ukraine und Weißrussland 2006 und 2007. Es ist überdies undenkbar, dass ein gesamteuropäischer Energie-Sicherheitsraum entsteht, wenn der eine Teil freiheitlich und der andere ganz autoritär organisiert ist. Hier sollten die Politiker vielleicht gemeinsam eine Art Katalog von Grundvoraussetzungen der Zusammenarbeit erarbeiten, von der Technik bis zur Völkerpsychologie. Dazu gehört auch die Beachtung von Grundwerten.
An der engen Verflechtung von Staat und Energiewirtschaft in Russland wird das kaum etwas ändern. Warum sollten Politiker vom Typ Putins und seines Nachfolgers sich überhaupt vom Westen reinreden lassen?
Ich bin da nicht so pessimistisch. Moskau weiß, dass es die Zusammenarbeit mit EU-Europa braucht. Ein Beispiel: Nach der Kontroverse zwischen Putin und Angela Merkel beim EU-Russland- Gipfel vorige Woche hat Putin seinen Landwirtschaftsminister gleich zu einer "sachlich-unpolitischen" Lösung beim Fleischembargo gegenüber Polen angewiesen.
Hätte dann der Nachfolger vielleicht doch Spielraum für einen anderen Kurs, wenn er erst einmal im Amt ist?
Das ist alles Spekulation. Putin hat dafür gesorgt, dass ein halbes Dutzend Nach-folgekandidaten ins Spiel gebracht wurden und keiner weiß, für wen er sich entscheidet. Das macht ihn selbst noch mächtiger als zuvor.
Und wenn er sich entscheidet, die Verfassung zu ändern und über 2008 hinaus im Amt zu bleiben?
Unter deutschen Unternehmern im Russland-Geschäft gäbe es ganz bestimmt Leute, die auf so eine Nachricht hin eine Flasche Krimsekt aufmachen würden.
Lebahn, 64, gehört zu den profiliertesten deutschen Russland-Kennern. In der Endphase der Sowjetunion leitete er die Repräsentanz der Deutschen Bank in Moskau.
(WirtschaftsWoche vom 26.5.07, Seite 44)
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