Zwischen hoffen und feiern

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Das Handelsblatt schreibt: Das Russian Economic Forum ist das wichtigste Treffen der russischen Wirtschaft im Ausland. Doch hinter den Kulissen sorgt eisiger Wind aus der Heimat für Ärger. Dafür hat vor allem Kremlchef Wladimir Putin gesorgt, als er erhebliche Programm-Änderungen erzwang. Immer nervöser blickt Russlands Wirtschaft auf seine Nachfolge.

Der Champagner fließt. Ein Model hängt vom Kronleuchter des Old Billingsgate Market und schenkt großzügig ein. „Moscow Motion“ heißt die Fete, mit der sich Russlands Firmen- und Finanzwelt in London feiert. Doch hinter den Kulissen sorgt eisiger Wind aus der Heimat für Ärger beim 10. Russian Economic Forum.

Dafür hat vor allem Kremlchef Wladimir Putin gesorgt, als er erhebliche Programm-Änderungen beim wichtigsten Treffen der russischen Wirtschaft im Ausland erzwang. Er besteht darauf, dass russische Wirtschafts-Kongresse in Russland stattfinden und pfiff Regierungsmitarbeiter sowie Chefs der mächtigen Staatskonzerne zurück. „Wie sollen wir einen Dialog führen, wenn die Hauptbeteiligten nicht kommen?“, fragt ein Banker. Wie so viele in diesen Tagen will er seinen Namen nicht gedruckt sehen.

Die Nervosität vor der Wahl eines Putin-Nachfolgers im März 2008 wächst. Die auf London zurollende Welle von 30 Börsengängen russischer Unternehmen wird von vielen auch als „Suche nach etwas Sicherheit“ gewertet. Wenigstens ein Teil seines Vermögens habe man dann im Westen, wenn sich der Wind an der Moskwa radikal drehen sollte. „Ich bin wohl der einzige Staatsvertreter, der nach London reisen darf. Hoffentlich lassen sie mich auch in Moskau wieder rein“, scherzt der Duma-Abgeordnete und milliardenschwere Finanzinvestor Alexander Lebedew. Als Vertreter der Regierungsfraktion „Einheitliches Russland“ darf er vor einer Machtübernahme durch die Opposition warnen. Dagegen sagten Redner wie der Chef des staatlichen Ölkonzerns Rosneft, Sergej Bogdantschikow, oder Putins Wirtschaftsberater Arkadij Dworkowitsch wieder ab.

„Ich bin zwar nur als Ersatz hier, aber ich bin nicht der Pudel des Kreml“, beginnt der Chairman von Barclays Capital, Hans-Jörg Rudloff, seinen Auftritt als Vertreter der britischen Großbank und als Mitglied des Aufsichtsrats von Rosneft, der für Bogdantschikow einsprang. Er warnt davor, dass „der Boom in Russland nicht dauerhaft ist. Nach solch exzessivem Boom gibt es keine weiche Landung.“ Russland müsse dringend seine Wirtschaft diversifizieren.

Nach Angaben russischer Unternehmer will Putin verhindern, dass sich die Firmenchefs in London mit den im Exil befindlichen Oligarchen treffen. Boris Beresowskij, der vor Putin Geflüchtete, hat gerade mit einem Putsch gegen den Präsidenten gedroht. Vor allem aber sollten die Oligarchen nicht – wie 1996 vor der Wiederwahl des am Montag verstorbenen Boris Jelzin – im Ausland eine gemeinsame politische Position absprechen können.

Für Jelzin, der heute in Moskau mit einem Staatsbegräbnis geehrt wird, erheben sich in London alle zu einer Gedenkminute. Wehmut kommt auf – nach der Zeit, als der Kapitalismus in Russland ungezügelt tobte und jeder offen die Meinung sagen konnte. Jetzt lassen sich nur anonym Stimmen einfangen, die ihrer Sorge Ausdruck geben, dass nach 2008 eine neue Welle der Umverteilung des Vermögens hochschwappen könnte.

„Für Putin war Jelzin eine wichtige Figur, mit der er Abkommen geschlossen hatte. Zum Beispiel darüber, dass es kein Zurück hinter die Marktwirtschaft geben könne“, sagt der frühere Minister unter Jelzin und heutige Manager der Moskauer Alfa-Bank, Oleg Sysujew. Jelzins Tod könne Kursänderungen zur Folge haben. Mit einer weiteren Stärkung der Rolle des Staates rechnet auch Igor Jurgens, Aufsichtsratschef der Investmentbank Renaissance: „Und bislang ist der Dialog zwischen Wirtschaft und Politik wie ein Erziehungs-Gespräch zwischen Vater und Sohn.“

Solange bleibt nur Hoffen – und Feiern. So lässt Roland Nash von Renaissance mit Kollegen den Champagner fließen: Schließlich habe die Börsenkapitalisierung Russlands 1999 etwa 40 Mrd. Dollar betragen, seinerzeit sei Volkswagen 30 Mrd. Dollar wert gewesen. Heute koste VW 45 Mrd. Dollar – „und alle russischen Aktien 1 040 Mrd. Dollar“.

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