Historiker Hulsman (DGAP) im Münchner Merkur über Russen und Raketen:
Welche Bedeutung hat die Raketenabwehr für die Vereinigten Staaten?
Hulsman: Aus amerikanischer Sicht sollte die Frage lauten: Warum ist das Projekt nicht auch für Europa wichtig? Trotz aller Veränderungen, die der 11. September gebracht hat, haben die USA auch weiterhin ein vitales Interesse an Europa. Europa ist nach wie vor die größte Quelle ausländischer Direktinvestitionen. Die Nato ist immer noch die einzig wirklich funktionierende multilaterale Militärallianz der Welt. Mit dem Raketenschild wollen die USA auch Europa vor einem Angriff aus dem Nahen und Mittleren Osten schützen, sei es durch einen Schurkenstaat wie dem Iran, oder - was noch wahrscheinlicher ist - durch Terroristen.
Deutschland teilt die Sorge Russlands, das sich durch das System massiv bedroht fühlt.
Hulsman: Das geplante Raketenabwehrsystem richtet sich nicht gegen Russland. Präsident Putin hat die russischen Befürchtungen nur sehr geschickt auf die politische Agenda gebracht. Eine Gefährdung russischer Sicherheitsinteressen ist von amerikanischer Seite weder geplant, noch ist sie mit dem System technisch möglich. Die USA haben es an dieser Stelle versäumt, ihre Absichten hinreichend zu erklären. Durch die geschickte Politik Russlands geht es nun in der Diskussion nicht mehr um das Raketenabwehrschild, sondern um die unterschiedlichen Ansichten Deutschlands und der Vereinigten Staaten, wie man mit Russland umzugehen habe.
Hulsman: Putin ist ein Gaullist
Warum wird von amerikanischer Seite nichts unternommen, um dieses Missverständnis aufzulösen?
Hulsman: Niemand in den USA glaubt, dass irgendein Argument Russland von dem Versuch abhalten wird, Europa zu spalten. Das Problem ist, dass die Vereinigten Staaten schlicht mit den Achseln zucken und Deutschland als isolationistisch und unverantwortlich betrachten. Also lassen sie Deutschland links liegen und sprechen bilateral mit den Polen, den Tschechen, den Dänen und den Engländern.
Wird es zu einem neuen Wettrüsten zwischen den USA und Russland kommen?
Hulsman: Putin ist ein Gaullist, das heißt, er ist entschlossen, den russischen Einfluss wieder herzustellen, den das Land nach der Niederlage im Kalten Krieg eingebüßt hat. Ihm geht es darum, dass Russland wieder respektiert wird. Putin ist aber kein selbstmörderischer Gaullist. Er stellt sich auf die Seite des Westens, wenn es seinen Interessen dient, wie im Kampf gegen den Terror. Sobald er aber die Chance sieht, den Westen zu entzweien, wird er sich wieder gegen den Westen stellen.
Hulsman: Putin ist ein Gaullist
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