Handelsblatt: Zwei Europa-Preisträger greifen die deutsche Russlandpolitik an
Kalt ist es an diesem Abend in Leipzig. Doch im festlich dekorierten Gewandhaus spürt man nichts von der Rückkehr des Winters. Johann Sebastian Bachs "Toccata" erfüllt den Raum. Europa feiert, aber es feiert auch die Leipziger Buchmesse, die mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung politische Signale senden will. Ein russischer Philosoph und ein deutscher Historiker stehen im Mittelpunkt. Zum ersten Mal gibt es mit Michail Ryklin und Gerd Koenen zwei Preisträger - die deutliche Kritik üben.
Bei der europäischen Verständigung komme es "nicht allein auf Intellektuelle, sondern auch auf Politiker an", sagt der russische Philosoph. Was dann kommt, ist eine verbale Ohrfeige für Alt-Bundeskanzler und Putin-Freund Gerhard Schröder. Während dessen Amtszeit habe er sich oft gefragt, "wie stark die Abhängigkeit der Politik von persönlichen Beziehungen" sein dürfe. "Was ist zu tun, wenn naheliegende wirtschaftliche Interessen mit langfristigen Grundsätzen in Widerspruch geraten?", fragt Ryklin. "Und was bleibt von den Prinzipien, wenn sie systematisch tagespolitischen Interessen geopfert werden?"
Ryklins Haltung ist nachvollziehbar, wenn man seine Geschichte kennt und die Geschichte, die er in seinem Buch "Mit dem Recht des Stärkeren" erzählt. Vor vier Jahren drangen sechs fanatische Gläubige ins Moskauer Sacharow-Zentrum ein und verwüsteten die ausgestellten Kunstwerke, weil sie sich kritisch mit religiösen Symbolen auseinander setzten. Die orthodoxen Eiferer wurden verhaftet, vor Gericht gestellt - und freigesprochen. Verurteilt wurden stattdessen die Organisatoren und Künstler der Ausstellung, wegen des "Schürens von nationalem und religiösem Zwist". Zu der Gruppe gehörte auch Ryklins Frau, Anna Altschuk. Zuvor hatte das Parlament die Behörden aufgefordert, gegen die Macher der Ausstellung vorzugehen; sie hätten die Gefühle der Gläubigen verletzt.
Für Michail Ryklin war der Prozess der "erste ideologisch motivierte im postsowjetischen Russland". Ryklin, geboren 1948, ist Professor am Institut für Philosophie der Moskauer Akademie der Wissenschaften. Er gehört, wie der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow und die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja, zu einer im Ausland stark beachteten, in Russland aber bedrängten und weitgehend marginalisierten Gruppe von liberal gesinnten Oppositionellen. Sein Buch, das er über seine Erlebnisse während des Prozesses geschrieben hat, wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Hilferuf - auch nach Deutschland.
Dass dieser Ruf hier zu Lande nicht ausreichend gehört wird, ist für den Frankfurter Historiker Gerd Koenen Ausdruck "erstaunlicher Ignoranz und Hartleibigkeit". Der zweite Preisträger des Abends kritisiert die Selbsttäuschungen über Russland, die viel über die deutsche Seelenlage aussagten. Koenen weiß, wovon er spricht: Der 62-Jährige erlag in den 60er- und 70er-Jahren selbst den Verlockungen des russischen Kommunismus. In seiner Studie "Der Russland-Komplex" schildert er die schwierigen Beziehungen zwischen den beiden Ländern zwischen 1900 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges als ein Verhältnis, das aus deutscher Sicht von gleichzeitiger Abstoßung und Anziehung, Furcht und Faszination geprägt war. Beide Länder verband der Glaube, gemeinsam in der Welt Großes bewegen zu können. Diese Hassliebe, so Koenen, sei nach dem Ende des Kalten Krieges zunächst in einen "Zustand beiderseitiger heilsamer Ernüchterung" übergegangen. Doch dieser Zustand währte nicht lange: Russlands Präsident Wladimir Putin habe, wie vor ihm Lenin und Stalin, die Deutschen als das "prädestinierte Objekt seiner Werbungen und aufgefrischten Weltmachtsambitionen" ausgemacht.
Koenen warnt davor, auf die russischen Avancen einzugehen. Eine derart "forcierte Freundschaft" könne nur zu einer verfälschten Wahrnehmung des jeweils anderen Landes führen - und fördere damit nicht die Verständigung, sondern die gegenseitige Missachtung.
(Handelsblatt vom 23.3.07, Seite 13)
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