Heute in der Financial Times Deutschland:
Die großen Förderländer stehen kurz vor der Gründung eines internationalen Erdgaskartells nach Vorbild der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec). "Es gibt Überlegungen, dass die Gas-Opec beim nächsten Treffen der Gasexporteure und Produzenten in Doha geschaffen werden kann", sagte Algeriens Energieminister Chakib Khelil am Montag in Algier. In Katars Hauptstadt trifft sich am 9. April das Forum Gas exportierender Staaten (GECF), eine lose Gruppe von 16 Förderländern.
Für die Verbraucherstaaten im Westen wäre eine Gas-Opec ein herber Schlag. Die Reserven großer Produzenten wie der USA, Großbritanniens oder der Niederlande gehen zur Neige; Nordamerikaner und Europäer sind künftig noch erheblich stärker als bisher auf Gasimporte angewiesen.
Wie die russische Tageszeitung "Kommersant" berichtete, wollen sich zunächst Russland, der Iran, Katar, Algerien und Venezuela zusammenschließen. Diese fünf Staaten kontrollieren gemeinsam über 60 Prozent der globalen Erdgasreserven und liefern fast zwei Drittel der EU-Gasimporte.

Mit einer Gas-Opec könnten die Produzenten die Konditionen der Lieferverträge künftig noch stärker vorgeben als bisher. Sollten sich die Anbieter auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, wäre dies "eine Katastrophe für Europa", sagte Enno Harks von der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Die Initiative zum Gaskartell war im Januar von geistlichem Führer des Iran, Ayatollah Ali Chamenei, ausgegangen. Teheran dürfte es vor allem darum gehen, Gas zu einer weiteren politischen Waffe neben Öl zu machen. Die GECF hat derzeit kaum Einfluss.
Alle fünf möglichen Gründungsmitglieder haben sich inzwischen aufgeschlossen für Chameneis Idee gezeigt. "Sie verdient es, überprüft und diskutiert zu werden", sagte Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika der spanischen Zeitung "El País". Zuvor hatten die Nordafrikaner Gerüchte über ein Gaskartell vehement dementiert.
Auch Katars Energieminister Abdullah bin Hamad al-Attiyah ist umgeschwenkt. Noch im Februar hatte er eine Gas-Opec als "unmöglich" bezeichnet. Nun kündigte er für das Treffen in Doha "eine Entscheidung" an.
Russland will laut "Kommersant" eine hochrangige Delegation unter Führung von Energieminister Viktor Christenko und Gasprom-Chef Alexej Miller nach Doha schicken. Präsident Wladimir Putin hatte eine Gas-Opec im Februar als "interessante Idee" bezeichnet. "Die Gas-Opec erscheint uns eine ideale Ergänzung zur bereits existierenden Opec zu sein", erklärte auch Venezuelas Ölminister Rafael Ramírez.
Der Chef der Internationalen Energieagentur, Claude Mandil, warnte gestern, eine Allianz großer Gasförderer schade Produzenten und Verbrauchern. EUEnergiekommissar Andris Piebalgs hatte sich schon vor Wochen beunruhigt geäußert. Auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hatte kritisiert, ein Kartell passe nicht zu freiem Welthandel.
Zumindest kurzfristig wäre es für eine Gas-Opec schwer, den Markt so zu kontrollieren wie das Ölkartell in den 70er-Jahren. Der globale Gashandel wird größtenteils über langfristige Verträge mit einer Dauer von bis zu 25 Jahren abgewickelt. Dies wolle die EUKommission aber ändern, um den Wettbewerb im Gasmarkt anzukurbeln, sagte die Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.
(Financial Times Deutschland vom 21.3.07, Seite 1)
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