Christoph Bertram schreibt in der Zeit über einen Artikel von Dimitri Trenin:
Wer sich an die heftige westliche Debatte über die Münchner Philippika des russischen Präsidenten Putin erinnert, kann nur verblüfft darüber sein, wie automatisch da das neue Russland vielfach in die Schublade der alten Sowjetunion gepresst wurde. Einer der klügsten russischen Beobachter, Dimitri Trenin vom Moskauer Carnegie Center, räumt nun in der Frühjahrsausgabe des Washington Quarterly mit dieser bequemen Missdeutung auf.
Trenins Rat an den Westen: Nehmt Russland, wie es ist, ihr könnt es mit Appellen für mehr Demokratie doch nicht ändern.
Unter dem Titel Russia Redefines Itself and Its Relations with the West ("Wie Russland sich selbst und seine Beziehung zum Westen neu definiert") stellt Trenin nüchtern fest: "Die Motive der heutigen russischen Außenpolitik sind total verschieden von jenen der Sowjetunion und selbst der zaristischen Vergangenheit. Was für Moskau zählt, ist das Auf und Ab der Energiepreise, nicht atomare Sprengköpfe." Und deshalb würden die künftigen Beziehungen Russlands zum Westen vom Grad der wirtschaftlichen Verflechtung mit dem Westen bestimmt werden.
Russland sei heute keine Nation, sondern die Interessengemeinschaft einer kleinen Gruppe bürokratischer Kapitalisten. Was sie verbinde, seien vor allem materielle Interessen. Unter Putin sei der Staat gleichsam privatisiert und zu einer "Russland AG" geworden. Führende Mitarbeiter des Kreml säßen in den Aufsichtsgremien verschiedener Staatsbetriebe und teilten ein materielles Eigeninteresse an deren Leistung und Profit. Konkurrierten politische und wirtschaftliche Interessen miteinander, hätten die Letzteren Vorrang. Mit dem Versuch, das alte Imperium durch die Gewährung verbilligter Energie zusammenzuhalten, sei es vorbei: Durch die kräftige Gaspreiserhöhung gegenüber der Ukraine und Weißrussland "hat Gasprom der ehemaligen Sowjetunion den letzten Gnadenstoß versetzt".
Geopolitische Aspekte seien nach wie vor wichtig, aber vor allem wegen ihrer geoökonomischen Konsequenzen. Russland wolle die postsowjetische Region weiterhin weitgehend kontrollieren und lehne die Ausweitung von Nato und EU dorthin ab. Jedoch nicht, wie gern im Westen vermutet wird, aus machtpolitischem Prestige oder strategischen Sicherheitserwägungen, sondern um die dortigen wirtschaftlichen Chancen und Abhängigkeiten ungestörter nutzen zu können.
Wirtschaftliche Beziehungen definieren politische Beziehungen, nicht umgekehrt. Weil die EU-Länder auf absehbare Zeit von den Energielieferungen Russlands abhängig sind und dies auch anerkennen, sieht Moskau hier die Basis für ein stabiles politisches Verhältnis. Der einstige Traum vom "gemeinsamen europäischen Haus" sei längst ausgeträumt. Vielleicht, spekuliert Trenin, werde Russland eines fernen Tages eine engere Anbindung an die EU suchen und so der Union strategische Tiefe verleihen. Vorerst jedoch gehe es der Führung darum, die gegenseitige wirtschaftliche Verflechtung zu verstärken. Bereit, europäischen Unternehmen Zugang zu russischen Kapazitäten einzuräumen, fordere sie umgekehrt das Gleiche für russische Unternehmen in Europa.
Im Verhältnis zu den USA fehle es dagegen an einer ähnlich engen wirtschaftlichen Verbindung. Als diplomatischen Partner habe Russland Amerika abgeschrieben, zumal nach dem Irakdesaster. Zwar könne man sich gewisse gleichlaufende Interessen vorstellen, etwa bei den Problemfeldern Islam oder Proliferation. "Aber die auf Demokratieförderung fixierte Bush-Ideologie und die Neigung des Kreml zu Autorität und Demokratie-Misstrauen verbauen die Aussicht auf ein solides, langfristiges gegenseitiges Engagement." Auf keinen Fall werde Russland im UNSicherheitsrat an Resolutionen mitwirken, die militärische Aktionen gegen den Iran erlaubten aus Sorge, Amerika werde erneut scheitern und den Nachbarn, einschließlich Russland, ein Schlamassel hinterlassen.
(Die Zeit vom 29.3.07, Seite 55)

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