Chodorkowskijs Erben

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Das Handelsblatt schreibt über die für morgen angesetzte Versteigerung der Yukos-Reste.

Wladimir Bulba stapft zügig durch die Kälte - vorbei an den tarnfarbenen Aufpassern, die mit Maschinenpistolen im Anschlag die Produktionsanlage bewachen. Misstrauisch beäugen sie die Journalistengruppe, die Bulba auf seinem Gang über das Ölfeld verfroren hinterhertrabt. Der Generaldirektor will ihnen heute zeigen: Es ist alles im Lot beim Ölkonzern Yuganskneftegaz (YNG) - neue Anlagen, High-Tech-Förderung, und das alles unter der Regie von Rosneft, dem Staatskonzern, der vor drei Jahren den ersten Schlag gegen Yukos führte und dem Brachenprimus sein Herzstück entriss: YNG.

Der 37-Jährige mit dem gepflegten Scheitel und dem sauber gestutzten Oberlippenbart führt seit Ende 2004 die Geschäfte bei YNG. Damals hatte Rosneft das Förderunternehmen, das zu den größten russischen Ölproduzenten zählt, nach einer inszenierten Auktion übernommen - für den Bruchteil seines Werts. Der Anfang vom Ende des Vorzeigekonzerns von Michail Chodorkowskij.

Yukos-Konkursverwalter Eduard Rebgun hat jetzt das letzte Kapitel in der Unternehmensgeschichte in Angriff genommen: Morgen beginnt die Versteigerung dessen, was von Yukos noch übrig ist. Darunter das Aktienpaket von neun Prozent, das Yukos bis heute an Rosneft hält.

Das russische Joint Venture des Ölmultis BP hat ein Gebot angekündigt - ebenso wie Rosneft. Insgesamt geht es um Unternehmensteile, die mehr als 26 Milliarden Dollar wert sind. Es geht um bedeutende russische Raffinerien und weitere Fördereinheiten.

Gazprom will offenbar mit dem italienischen Eni-Konzern für die Yukos- Tochter Arcticgas bieten. Rosneft hat sich für die Auktionen mit dem größten Kredit gewappnet, den je ein russisches Unternehmen erhalten hat: 22 Milliarden Dollar, die unter anderem USBanken bereitstellen. Eine Ironie der Geschichte: Waren es doch US-Politiker und amerikanische Organisationen, die die Yukos-Zerschlagung am lautesten kritisierten.

Wenn die Reste von Yukos unter Gazprom und Rosneft verteilt sind, ist der Kreml mit seiner Konsolidierung der russischen Ölindustrie wieder ein ganzes Stück weitergekommen. Auf den ersten Blick kann ein Staatsunternehmen wie Rosneft das Yukos-Erbe auch gut verdauen, hat sogar von dem verfemten Konkurrenten aus der Privatwirtschaft einiges gelernt. Die Zweifel daran jedoch, dass die Kreml-Konzerne es schaffen, den Öl- und Gasschatz des Landes genau so effizient zu fördern und zu verkaufen wie private Konkurrenten, die bleiben. Denn das letzte Wort hat nicht der Markt, sondern die Politik.

Präsident Wladimir Putin bleibt auch in seinem letzten Amtsjahr bei der Marschroute: Die Ressourcen des Landes sollen nicht privaten und erst recht nicht ausländischen Unternehmen gehören. Vor sieben Jahren lag der Staatsanteil am russischen Ölsektor bei sieben Prozent. Heute beträgt er mehr als ein Viertel. Je mehr der Staat die Industrie zurückerobert, desto langsamer wächst die Ölförderung: 2005 um 2,7 Prozent, 2006 nur noch um 2,2 Prozent.

Die Unternehmen müssen Alternativen zu den gut erschlossenen Ölfeldern in Westsibirien finden. Nur fehlt den Staatskonzernen dazu die Expertise. Andere Regionen wie der Osten Sibiriens stellen sie zudem vor völlig neue Herausforderungen, weil es dort so gut wie keine Infrastruktur gibt.

Ein weiterer Hemmschuh: Die Politik kann sich jederzeit einmischen. "Die wirklich wichtigen Entscheidungen werden nicht in der Konzernzentrale, sondern im Kreml getroffen", sagt Christopher Weafer, Chef-Stratege der Alfa Bank. Und dabei stünden nicht die Interessen des Unternehmens im Vordergrund. Vielmehr käme es zu politischen Deals.

Das befürchten Beobachter derzeit bei der Erschließung des Vankor-Ölfelds in Ostsibirien durch Rosneft. Drei Milliarden Dollar soll das anspruchsvolle Projekt kosten. 2011 soll es abgeschlossen sein, und bisher geht es auch gut voran.

Die Regierung bringt aber immer wieder China und Indien als "strategische Partner" für Rosneft ins Gespräch. Der Hintergrund: Russland will die Energiekooperation mit China ausbauen. Und im Gegenzug bietet der chinesische Staatskonzern CNPC Rosneft seine "Hilfe" bei Vankor an. Auch Indien meldete Interesse an - zu einem guten Zeitpunkt, will doch Russland Kampfjets an die Regierung in Neu-Delhi verkaufen. Analysten fürchten, dass es zu Verzögerungen führt, wenn Rosneft jetzt die Partner einbinden muss.

Bislang lässt sich die Bilanz des Konzerns sehen - dank der Übernahme der Yukos-Tochter YNG. Entspannt zurückgelehnt in einem wuchtigen Lederarmsessel mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht, präsentiert Generaldirektor Bulba die Zahlen für 2006: Ölproduktion rauf, plus neun Prozent, Förderkosten runter. Und dann die beeindruckenden Ölreserven: 30 Jahre kann YNG das Öl sprudeln lassen. Exxon-Mobil, die Nummer eins weltweit unter den Ölkonzernen, nur ein Jahrzehnt lang.

Bulbas Vorgänger Sergej Kudryashow hat es - dank seiner Erfahrungen bei Yukos - in die Rosneft-Führungsetage nach Moskau geschafft: Er stieg zum Vize- Chef im Gesamtkonzern auf. Er singt nun in der Rosneft-Hauptverwaltung seine Hymne auf die Staatskonzerne: "Unser Ansatz ist ein anderer. Wir müssen besser sein als die privaten. Wir müssen die Standards setzen, sei es bei Effizienz oder Umweltfragen", erzählt er. Im Konzern verändere sich daher alles.

In Neftejugansk, der Heimatstadt von YNG, hat sich auf den ersten Blick nicht viel getan: An vielen Stellen trägt die Trabantenstadt noch die Yukos-Farben: grün und gelb. Rund um die Plattenbausiedlung mit ihren 140 000 Einwohnern liegen die 25 Ölfelder des Unternehmens: zehn Milliarden Barrel Ölreserven, Tagesproduktion 1,1 Millionen Barrel.

Mit der Übernahme von YNG ist Rosneft aus der zweiten Liga der internationalen Ölkonzerne in die Oberklasse aufgestiegen. Zehn Prozent der russischen Ölproduktion stammen aus den YNGQuellen. Eine Stunde braucht der Hubschrauber bis zum Priobskoje-Feld. An diesem schönen Wintertag zeigt das Thermometer an der Bohrstelle 241 minus 40 Grad. Aber die Arbeiter sind froh, denn es kann schlimmer werden, sobald der Wind weht.

Auch hier grüßen Yukos-Banner. Die meisten Arbeiter waren auch schon in den Zeiten dabei, als Chodorkowskij das Sagen hatte. Jetzt sitzt der Ex- Yukos-Eigentümer bei ähnlichen Minusgraden in einem Straflager an der chinesischen Grenze.

Mitleid haben sie nicht mit ihm. Was für sie zählt, ist Geld: Seit Rosneft hier übernommen hat, sind die Löhne um 35 Prozent gestiegen. Im Durchschnitt verdient ein YNG-Arbeiter 1 400 Euro im Monat, drei- bis viermal so viel wie ein Durchschnittsrusse.

Juri kennt das Feld aus Yukos-Zeiten. Der Russe arbeitet für den US-Ölservicekonzern Halliburton. Er preist den "neusten Stand der Technik", der hier zum Einsatz kommt: 3 000 Meter in die Tiefe und dann horizontal, also fast "um die Ecke", sagt Juri. Halliburton bringt zudem eine Technologie mit, mit der die Förderung effizienter wird: Ein Gemisch aus Gel und kleinen Keramik- Kügelchen - 100 Tonnen pro Tag – wird unter Hochdruck in das Ölfeld geleitet. Es lockert das Gestein. So lässt sich das Öl schneller pumpen.

Juri sieht den Wechsel vom Privat- zum Staatskonzern gelassen: Rosneft produziert aggressiver, meint er. Die Lebensbedingungen draußen in der Taiga hätten sich auch verbessert. Kein Wunder: Yukos musste ab 2003 seine Investitionen herunterfahren, weil die Staatsanwaltschaft anfing, Konten einzufrieren. Rosneft hat dagegen allein 2006 zwölf Millionen Euro in YNG investiert. Dieses Jahr sollen es 20 Millionen Euro werden.

Eines muss Juri aber auch feststellen: Die Bürokratie hat zugenommen: mehr Papier, mehr Genehmigungen, mehr Staat eben.

Generaldirektor Bulba ist die privatwirtschaftliche Vergangenheit seines Unternehmens kaum eine Erwähnung wert: Wenn er in die Geschichte blickt, sieht er die Anfänge der Förderung in den 60er-Jahren, die Privatisierung 1993 und die Übernahme durch Rosneft. Profitiert der Konzern aber nicht von den Strukturen, die Yukos aufbaute? "Man kann nicht sagen, Yukos war gut und Rosneft war schlecht", sagt Bulba, "wir teilen uns das gemeinsame Wissen und entwickeln vieles weiter, was unter Yukos begann."

(Handelsblatt vom 26.3.07, Seite 10)

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