Die österreichische Zeitung "Die Presse" veröffentlichte heute einen Artikel des inhaftierten Michail Chodorkowskij:
Mein Freund Platon Lebedew und ich wurden mit einer neuen, absurden und unbegründeten Anklageschrift konfrontiert.
Michail Chodorkowskij: Ich glaube daran, dass die Wahrheit und die Gerechtigkeit am Ende siegen werden.Das, was nun als nächstes auf uns zukommen wird, ist für uns völlig offensichtlich: falsche und gefälschte Beweise, Aussagen von eingeschüchterten oder getäuschten Pseudo-Zeugen und fast sicher ein Schuldspruch. Es ist eine peinliche Farce, die nichts mit der Herrschaft des Rechts zu tun hat.
Der Grund, warum all das so gemacht wird, ist ebenso ziemlich offenkundig: Jene Leute, die den "Chodorkowskij-Fall" erfunden haben, um "Yukos", das ertragreichste Unternehmen Russlands, zu stehlen, haben große Angst davor, mich frei zu sehen. Sie wollen sich daher gegen die Möglichkeit versichern, dass ich doch auf Bewährung freigelassen werde.
Diese bemitleidenswerten Menschen scheinen ernstlich zu glauben, dass die menschliche und historische Bewertung ihrer Taten von einem weiteren Fehlurteil des Gerichts von Bassmanij-Meshanskij abhängt. Sie verstehen nicht, dass sie ihre eigene Lage nur weiter verkomplizieren
und sich mit jedem Schritt, den sie setzen, weiter in die Ecke drängen. Und das gilt nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihren Boss, Wladimir Putin. Und ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob Putin ihnen dafür danken wird.Maßgeschneidertes Rechtssystem
Sie haben allerdings noch eine mögliche Exit-Strategie, zusammen mit der Gelegenheit, ihre Position zu wahren und sich langfristige Sicherheiten zu bewahren: Ihre einzige Chance ist die rechtzeitige und freiwillige Übergabe der Macht in Russland mittels ehrlicher, freier und transparenter Wahlen, in denen der neue Präsident unseres Landes gewählt wird. Diese neue Person sollte nichts mit der gigantischen Korruptionsmaschine zu tun haben, die Russland bisher gelähmt hat - und diese Person sollte der Unabhängigkeit der Justiz Respekt erweisen.
Meine Aufgabe in dem kommenden Prozess wird es sein, anhand meines eigenen Schicksals aufzuzeigen, dass im Russland von heute ein Rechtssystem besteht, welches zu dem Zweck maßgeschneidert ist, die Strafverfolgungsbehörden und das System der internationalen
Kooperation mit anderen Strafverfolgungsbehörden nicht nur zu Zwecken der Kriminalitätsbekämpfung zu benützen, sondern auch dazu, die politischen und persönlichen Interessen einzelner Offizieller zu korrumpieren.Von vornherein falsche Anschuldigungen, die von politischen Autoritäten angeordnet werden, werden darin ohne weiteres von den ermittelnden Behörden übernommen und vom Gericht bestätigt. Die derzeit herrschende Elite und die Machthaber kennen keine Scham. Und das Gericht, ein willfähriges Instrument der "Vertikale der Macht" (der in Russland bestehenden Machtpyramide, Anm.), wird natürlich einen Schuldspruch fällen.
Schicksal von Machtwechsel bestimmt
Ich fürchte mich vor dem neuen Urteil nicht. Machen die Jahre, die ich bisher wegen falscher Beschuldigungen im Gefängnis verbracht habe, überhaupt noch irgendwelche Unterschiede? Im Übrigen würde kein anständiger Mensch irgendwo auf der Welt meinen Verfolgern (den Unterstützern von "Wieder Knast für Chodorkowskij") glauben. Die Schicksale von Platon und mir werden ausschließlich vom Schicksal und dem Gesicht unseres Landes nach dem Machtwechsel im Jahr 2008 bestimmt.
Ich glaube daran, dass die Wahrheit und die Gerechtigkeit am Ende siegen werden.
(Die Presse vom 22.2.07, Seite 33)

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