Im Interview mit dem Spiegel beschreibt der Schriftsteller Wladimir Sorokin seine Eindrücke von der Meinungsfreiheit in Russland, der Opposition gegen Putin und der Gleichgültigkeit des Westens.

In den Schlagzeilen: Wladimir Sorokin
SPIEGEL: Herr Sorokin, in Ihrem neuen Buch "Der Tag des Opritschniks" schildern Sie ein autoritäres, von einer Clique Geheimpolizisten regiertes Russland. Die Handlung spielt in der Zukunft, aber diese Zukunft gleicht der Vergangenheit unter Iwan dem Schrecklichen. Meinen Sie in Wirklichkeit nicht vielmehr das gegenwärtige Russland?
Sorokin: Natürlich ist das ein Buch über die Gegenwart. Sie ist leider nur noch mit den Mitteln der Satire zu beschreiben. Wir leben immer noch in einem Staat, der von Iwan dem Schrecklichen errichtet worden ist.
SPIEGEL: Der hat im 16. Jahrhundert regiert. Nach dem Zarenreich kam die Sowjetunion, dann mit Jelzin und Putin die Demokratie. Ist der Bruch mit der Vergangenheit noch immer nicht vollzogen?
Sorokin: An der Spaltung zwischen Volk und Staat hat sich nichts geändert. Der Staat verlangt vom Volk eine sakrale Opferbereitschaft.
SPIEGEL: Der Alleinherrscher in Ihrem Buch trägt Züge von Präsident Wladimir Putin ...
Sorokin: ... das war nicht meine Absicht. Eine Putin-Satire zu entwerfen wäre nicht spannend. Ich bin kein Journalist, ich bin Künstler. Und ein Roman ist keine Dokumentation. Ich suche in meinem Buch eine Antwort auf die Frage, was Russland von wirklichen Demokratien unterscheidet.
SPIEGEL: Welche Erklärung haben Sie gefunden?
Sorokin: Ein Deutscher, ein Franzose und ein Engländer können von sich behaupten: "Der Staat, das bin ich." Das kann ich nicht sagen. Das können in Russland nur die Leute im Kreml. Alle anderen Bürger sind nicht mehr als Menschenmaterial, mit dem man alles Denkbare
treiben darf.
SPIEGEL: "Opritschnik" bedeutet im Altrussischen "ein Besonderer". Halten Sie die Kluft zwischen oben und unten im heutigen Russland für unüberwindbar?
Sorokin: Es gibt bei uns besondere Menschen, die alles dürfen. Sie sind die Opferpriester der Macht. Wer nicht dazugehört, hat gegenüber dem Staat nichts zu melden. Man kann noch so reich sein - wie der Magnat Michail Chodorkowski es war - und dennoch im Nu alles verlieren und im Gefängnis enden. Der Fall Chodorkowski ist typisch für die "Opritschnina", das Unterdrückungssystem, das ich beschreibe.
SPIEGEL: Kommt jemand wie Chodorkowski auch in Ihrem Buch vor?
Sorokin: An eine solche Parallele habe ich nicht gedacht. Allerdings beginnt mein Buch mit einem Überfall auf einen reichen Mann. Das ist fast schon Alltag. So war es in Russland zu allen Zeiten. Nur der kann reich sein, der gegenüber den Machthabern loyal ist.
SPIEGEL: Wie reagiert die Elite beim Anblick des Bildes, das Sie literarisch malen?
Sorokin: Die Reaktion auf mein Buch ist stürmisch. Aber ich konnte nicht anders, als das alles zu Papier zu bringen. Seit langem trug ich den Wunsch in mir. Dann brauchte ich nur drei Monate, um es zu schreiben.
(...)
SPIEGEL: Wegen angeblich pornografischer Passagen in Ihrem Roman "Der himmelblaue Speck" wurde vor fünf Jahren ein Strafverfahren gegen Sie eingeleitet. Steht Russland vor der Wiedereinführung der Zensur?
Sorokin: Das war damals jedenfalls ein Versuch, Schriftsteller auf ihre Standfestigkeit zu prüfen und die Öffentlichkeit auf die Probe zu stellen, ob sie offene Zensur akzeptieren würde. Es hat
nicht geklappt.
SPIEGEL: Hat der Druck auf Sie andere Schriftsteller verängstigt?
Sorokin: Bestimmt. Ich bin Michail Gorbatschow und Boris Jelzin dankbar, dass ein russischer Schriftsteller heute nicht nur alles schreiben, sondern auch alles veröffentlichen kann. Was in Zukunft geschieht, weiß ich nicht. Schon jetzt sind die Medien vom Staat kontrolliert - Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften.
(...)
SPIEGEL: Wie realistisch ist ein solcher Rückfall in einer globalisierten Welt?
Sorokin: Putin wiederholt oft einen Satz von Zar Alexander III. - Russland habe nur zwei wahre Verbündete: die Armee und die Flotte. Als Bürger horche ich da auf. Das ist ein Konzept der Abschottung, eine Verteidigungsstrategie, die Russland von Feinden umzingelt sieht. Ich schalte den Fernseher ein, und ein General erzählt zufrieden, dass unsere Raketen den jüngsten amerikanischen Modellen um drei Fünfjahrespläne voraus sind. Ein Alptraum. Wir schaffen uns ein Feindbild wie zur Sowjetzeit. Das ist ein riesiger Schritt zurück.
SPIEGEL: Sie setzen keinerlei Hoffnung in die derzeitige Kreml-Mannschaft?
Sorokin: Das ist deren Schuld, nicht meine. Mein Fernseher belehrt mich, in der Sowjetunion sei alles wunderbar gewesen. KGB und Apparatschiks seien die reinsten Engel gewesen, und die Stalin-Zeit war so fröhlich, dass die Helden von damals auch heute gefeiert werden müssen.
(...)
SPIEGEL: Wie stehen Sie zum ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow, der versucht, eine Opposition aufzubauen?
Sorokin: Ich habe Respekt vor ihm und anderen Oppositionellen wie dem ehemaligen Premierminister Michail Kassjanow oder Irina Chakamada. Diese Politiker existieren jedoch für die meisten Menschen nicht. Man findet sie höchstens im Internet. Wenn morgen ein Staatssender berichtet, Kassjanow besuche russische Städte und spreche mit dem Volk, würde sich der Chef dieses Senders übermorgen nach einem anderen Job umsehen müssen.
SPIEGEL: Was kann getan werden?
Sorokin: Es ist aussichtslos zu erwarten, ein Wandel könnte von oben befohlen werden. Die Bürokratie hat so mächtige Wurzeln geschlagen, und die Korruption ist so verbreitet - diese Leute haben kein Interesse daran, etwas zu verändern.
(...)
SPIEGEL: Versteht der Westen Russland?
Sorokin: Ja und nein. Bei uns wundert sich niemand, wenn sich ein Beamter schmieren lässt und der Staat sich als Heiligtum hinstellt, dem der Spießbürger huldigen soll. Für Sie klingt das alles absurd. Aber für Russen ist das Alltag.
(Auszüge aus Der Spiegel vom 29.1.2007, Seite 106)